Predigt am 3. Sonntag nach Epiphanias 24. Januar 2021

Predigttext: Ruth 1,1-19a

Liebe Gemeinde,
wir leben in einer Zeit, in der viele Menschen ihre Heimat verlassen, weil dort Krieg, Not und Hunger oder Verfolgung herrscht. Sie machen sich auf, um anderswo, z.B. bei uns in Deutschland, eine neue Heimat zu finden. Migration ist ein wichtiges Thema, das in unserer Gesellschaft durchaus kontrovers diskutiert wird, auch von Christen. (Zurzeit freilich wird es von „Corona“ verdrängt…) Ich halte hier aber keine politische Rede – das ist ja auch nicht mein Beruf -, sondern predige über den heutigen Bibeltext, in dem es auch um „Migration“ geht. Ja, Migranten gab es schon vor gut 3000 Jahren. Im alttestamentlichen Buch Ruth, Kapitel 1, werden uns Menschen vor Augen gemalt, die migrieren und eine neue Heimat finden. Und die Ausländerin Ruth findet nicht nur eine neue Heimat, sondern findet auch zum Glauben an den Gott Israels.

Ich erzähle den (19 Verse langen) Text nach:
Damals im alten Israel gab es eine Hungersnot, so erzählt uns das Buch Ruth. Das war ungefähr im 12. Jahrhundert vor Christus. Viele mussten auswandern. Unter ihnen auch ein Mann aus Bethlehem mit seiner Frau und ihren beiden Söhnen.
Sie gingen ins Land der Moabiter, ein schwerer Schritt und ein typisches Migrantenschicksal, wie wir es bis heute kennen. Ein fremdes Land, das Land Moab, eine neue Sprache, unbekannte Sitten und vor allem weit weg von der Familie und den Freunden. Eines Tages steht Noomi, die Frau mit den beiden Söhnen allein da. Der Mann stirbt. Ein Trost, dass die Söhne heiraten, moabitische Frauen, zu denen Noomi eine gute Beziehung findet: ihre Schwiegertöchter Orpa und Ruth.
Nach zehn Jahren passiert ein weiteres großes Unglück. Beide Söhne sterben. Ein hartes Schicksal war das für Noomi. Zur Trauer kommt noch die physische Not. Wenn eine kinderlose Frau Witwe wird, dann gibt es niemanden mehr, der die Pflicht hat, sie zu versorgen. Noomi ist schon zu alt, um wieder Kinder zu bekommen, die für sie sorgen könnten. Die Witwenrente ist noch nicht erfunden. Was soll Noomi jetzt tun: im fremden Land bleiben ohne männlichen Schutz oder wieder heimkehren nach Israel, wo sich die wirtschaftliche Lage inzwischen erholt hat? Sie entscheidet sich zurückzukehren und bringt ihre Schwiegertöchter in einen tiefen Konflikt.
Noomi bedrängt die beiden, sie allein gehen zu lassen. Sie weiß, was es heißt, im Ausland zu leben. Noomi argumentiert, hält den Schwiegertöchtern vor, wie zukunftslos das Leben für sie selbst ist. „Mein Los ist zu bitter für euch, denn des HERRN Hand ist gegen mich gewesen.“ In Israel werden sie als Fremdlinge bestimmt keine neue Ehe eingehen können. Wenn sie eine Chance haben, dann in ihrer Heimat mit moabitischen Männern. Also fordert sie jetzt Orpa und Ruth auf, nach Moab zurückzukehren. Sie sind schon einen Teil des Weges Richtung Juda, dem Südreich Israels, gegangen.
Noomi sagt zu ihren Schwiegertöchtern: „Der HERR gebe euch, dass ihr Ruhe findet, eine jede in ihres Mannes Hause!“ Und sie küsst sie. Damit ist gemeint: „Geht zurück, sucht euch einen neuen Mann und werdet dort glücklich!“ Diese neuen Männer würden Noomi nicht unterstützen. Sie gehören ja nicht zu Noomis Familie – so war das damals. Noomi will für ihre Schwiegertöchter das Beste: dass sie eine neue Chance erhalten und glücklich werden. Sie will diesem Glück nicht im Wege stehen, deshalb will sie allein weitergehen. Die Diskussion geht jetzt ein wenig hin und her, erst lehnt auch Orpa dieses Ansinnen ab, aber Orpa sieht die menschlichen Argumente von Noomi ein. Sie kehrt um und geht zurück nach Moab.
Die andere aber, Ruth, ist klar entschieden. Sie widersetzt sich Noomi. „Wo du hingehst, will ich auch hingehen!“, sagt sie, „wo du bleibst, da bleibe ich auch.“ – Übrigens ist dieser Vers in den letzten Jahren einer der beliebtesten Trausprüche (z.B. auch bei einem unserer Söhne). Man muss dabei allerdings auch darauf hinweisen, dass das nicht die Braut zum Bräutigam sagt oder umgekehrt, sondern eine Frau zu ihrer Schwiegermutter (!). – Doch es ist beachtlich, dass Ruth dieses Vertrauen zu Noomi hat. Ruth, das heißt übersetzt die Freundin, die Begleiterin. Und Ruth wird in dieser Geschichte das, was in ihrem Namen steckt: die Begleiterin für Noomi. „Ruth aber ließ nicht von ihr.“ Die Entscheidung von Ruth für das Zusammenbleiben mit Noomi ist endgültig – „nur der Tod wird mich und dich scheiden.“ Im Niemandsland zwischen Moab und Israel bindet sich eine Moabiterin an eine Israelitin, eine Frau an ihre Schwiegermutter.
Ja, Ruth sagt sogar: „Dein Volk ist mein Volk, und dein Gott ist mein Gott.“ D.h. sie vertraut jetzt nicht mehr ihren moabitischen Göttern, sondern glaubt an JAHWE, den Gott Israels, den einzig wahren Gott. Ich finde das beachtlich, heißt es doch: Noomi und ihre Familie haben im moabitischen Ausland ihren Glauben bewahrt und sich nicht angepasst an die heidnische Religion. Dabei wird uns Noomi als eine Frau geschildert, die durchaus auch Fragen und Zweifel gegenüber Gott hatte und das ohne Beschönigung ausdrückte. Aber ihr Glaube war so „authentisch“, wie wir heute sagen würden, dass er einen positiven Einfluss auf Ruth hatte, dass er „ansteckend“ war. Und so war und ist es oft auch heute.
Vier Jahre hatten sie miteinander die Bibel gelesen und lange Gespräche über den Glauben geführt. Dann war Mario Christ geworden. Als sie Jahre später Rückschau hielten, fragte Mario seinen Freund Jim: „Weißt du, was mich damals wirklich bewogen hat, Christ zu werden?“ Natürlich, dachte dieser, lange Gespräche, Bibellesen, aber er antwortete: „Nein, was denn?“ – „Als du mich zum ersten Mal in deine Familie einludst, beobachtete ich dich, deine Frau, deine Kinder und wie ihr miteinander umgingt. Ich frage mich, ob ich ein solches Verhältnis zu meiner Freundin finden könnte, und die Antwort war klar: Nein. Damals beschloss ich, Christ zu werden.“
Jim erinnerte sich noch gut an diesen Abend. Die Kinder waren unruhig und laut gewesen und er hatte sich geschämt, dass er sie mehrmals in Marios Gegenwart zurechtweisen musste…

Zurück zu Ruth: Und so geht Ruth mit Noomi nach Bethlehem. Die weiteren Kapitel des Buches Ruth erzählen, dass es nicht einfach ist für sie als Fremde, aber am Schluss wird sie die Frau eines Großbauern namens Boas. Aus der Ehe geht der Sohn Obed hervor, der dann der Großvater von David, dem berühmten König, wurde. Und so taucht der Name Ruth auch im Neuen Testament auf, im Matthäusevangelium, im Stammbaum von Jesus, des „Davidssohnes“! Ja, Gott schreibt mit dieser Ausländerin Geschichte. Er führt Seine Leute, Er führt Menschen zum lebendigen Glauben. Ein Ausleger sagt: Das Buch Ruth ist ein Buch von der guten Führung durch den Herrn; „die Hauptperson“ ist JAHWE. In den vier kurzen Kapiteln des Buches Ruth kommt der Name JAHWE 18mal vor.
Darum: Lesen Sie doch zu Hause das ganze Buch Ruth!

Zum Schluss noch einige Szenen aus dem Leben einer Frau aus dem Irak. Miriam standen als Tochter einer hochgebildeten und angesehenen Familie im Irak alle Wege offen. »Vor über zehn Jahren siedelte meine Familie nach Deutschland über. Damit änderte sich alles für mich. Ich war 24 Jahre alt und voller Lust auf Leben. Ich fand in dem neuen Land alles toll: den Frieden und die Freiheit, keinen Krieg und kein Leid. Das westliche Frauenbild faszinierte mich, und ich wollte es ausleben. Ich studierte weiter und wollte von zu Hause ausziehen, doch für meine muslimische Familie war das als unverheiratete Frau undenkbar. Aber ich setzte mich gegen meine Familie durch. Ich hatte nun viel Freiheit, trotzdem fehlte mir der innere Friede – ich hatte keine Heimat mehr. Ich konnte die Nachrichten von Anschlägen und Hinrichtungen im Irak und in Syrien nicht mehr ertragen. Ich brauchte Menschen, mit denen ich über meine Sehnsucht nach Frieden reden konnte. Ich sprach mit einer Deutschen. Aber sie sagte über Muhammad, er sei ein Lügner. Das machte mich wütend, griff meine Identität an.
In dem Studentenwohnheim, in dem ich wohnte, lebten Christen aus Korea. Acht Jahre lang habe ich immer wieder Gottesdienste der Koreaner besucht. Aber ich konnte nicht verstehen, was sie meinten, wenn sie sagten, dass Jesus das Leben sei. Ich las auch in der arabischen Bibel, aber ohne Anleitung war ich verloren. Ich suchte Gott auf ganz unterschiedliche Weise und fand ihn nicht. Irgendwann war ich so am Ende, dass ich schrie: “Jesus, wenn du der Herr bist, dann gib mir ein Zeichen, ich werde sonst noch verrückt!“ In dieser Nacht träumte ich: Ich sah mich selbst auf einem Schiff. Das Schiff fing an zu sinken, aber ich nicht. Voller Schrecken und zugleich getröstet betete ich: „Ich bin gerettet, ich bin gerettet! Ich danke dir, Jesus, dass du mich gerettet hast.“
Ich schrieb Pfarrer Josua beim Evangelischen Salam-Center bei Stuttgart an. Er lud mich zum Taufkurs ein, wo ich andere Interessierte traf. Endlich war ich in Gemeinschaft mit anderen, die in derselben Lage waren wie ich, und konnte meine vielen Fragen stellen. Die Antworten aus dem arabischen kulturellen und religiösen Hintergrund halfen mir entscheidend weiter. So wurde ich einige Wochen später am 3. Advent 2017 in der Stiftskirche in Stuttgart getauft. Für meine Taufe habe ich mir den Vers aus Joh. 4,14 ausgewählt: „Wer aber trinkt von dem Wasser, das ich ihm geben werde, den wird niemals mehr dürsten, sondern das Wasser, das ich ihm gebe, wird in ihm zu einer nie versiegenden Quelle, die unaufhörlich bis ins ewige Leben fließt.“ Ich fand in der Gemeinde und bei Familie Josua eine geistliche Familie. Ich mache ständig neue Entdeckungen in der Bibel. Z. B. Jesus nennt uns nicht Knechte, sondern Geliebte. Jesus Christus ist meine Freude, mein Friede und meine Kraft. – So weit die von mir gekürzte Geschichte von Miriam. (Aus: Heidi Josua, Mein neues Leben, Evangelische Verlagsanstalt Leipzig, 2019)

Der Spruch für die neue Woche heißt: Jesus Christus spricht: „Es werden kommen von Osten und von Westen, von Norden und von Süden, die zu Tisch sitzen werden im Reich Gottes.“ Das hat sich erfüllt bei Ruth und bei Miriam. Das erfüllt sich immer wieder, wenn Menschen einander beistehen und den Glauben an Jesus Christus teilen.
Amen.

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