Predigt am Karfreitag 02.04.2021

Jesaja 53,1-12

1 Aber wer glaubt dem, was uns verkündet wurde, und wem ist der Arm des HERRN offenbart?

2 Er schoss auf vor ihm wie ein Reis und wie eine Wurzel aus dürrem Erdreich. Er hatte keine Gestalt und Hoheit. Wir sahen ihn, aber da war keine Gestalt, die uns gefallen hätte.

3 Er war der Allerverachtetste und Unwerteste, voller Schmerzen und Krankheit. Er war so verachtet, dass man das Angesicht vor ihm verbarg; darum haben wir ihn für nichts geachtet.

4 Fürwahr, er trug unsre Krankheit und lud auf sich unsre Schmerzen. Wir aber hielten ihn für den, der geplagt und von Gott geschlagen und gemartert wäre.

5 Aber er ist um unsrer Missetat willen verwundet und um unsrer Sünde willen zerschlagen. Die Strafe liegt auf ihm, auf dass wir Frieden hätten, und durch seine Wunden sind wir geheilt.

6 Wir gingen alle in die Irre wie Schafe, ein jeder sah auf seinen Weg. Aber der HERR warf unser aller Sünde auf ihn.

7 Als er gemartert ward, litt er doch willig und tat seinen Mund nicht auf wie ein Lamm, das zur Schlachtbank geführt wird; und wie ein Schaf, das verstummt vor seinem Scherer, tat er seinen Mund nicht auf.

8 Er ist aus Angst und Gericht hinweggenommen. Wer aber kann sein Geschick ermessen? Denn er ist aus dem Lande der Lebendigen weggerissen, da er für die Missetat meines Volks geplagt war.

9 Und man gab ihm sein Grab bei Gottlosen und bei Übeltätern, als er gestorben war, wiewohl er niemand Unrecht getan hat und kein Betrug in seinem Munde gewesen ist.

10 So wollte ihn der HERR zerschlagen mit Krankheit. Wenn er sein Leben zum Schuldopfer gegeben hat, wird er Nachkommen haben und in die Länge leben, und des HERRN Plan wird durch seine Hand gelingen.

11 Weil seine Seele sich abgemüht hat, wird er das Licht schauen und die Fülle haben. Und durch seine Erkenntnis wird er, mein Knecht, der Gerechte, den Vielen Gerechtigkeit schaffen; denn er trägt ihre Sünden.

12 Darum will ich ihm die Vielen zur Beute geben und er soll die Starken zum Raube haben, dafür dass er sein Leben in den Tod gegeben hat und den Übeltätern gleichgerechnet ist und er die Sünde der Vielen getragen hat und für die Übeltäter gebeten.

Liebe Gemeinde,

es ist ein Bild des Jammers und Elends, das uns hier vor Augen gemalt wird. Über ein halbes Jahrtausend vor Christi Geburt wurde dem alttestamentlichen Propheten dieses Geschehen geoffenbart, das sich einmal ereignen würde: Ein von Gott Gesandter, der „Gottesknecht“, wird so Schlimmes leiden müssen, dass er daran stirbt. Der Prophet wusste den Namen dieses Gottesknechtes nicht – aber die Christen haben dann, Jahrhunderte später, gemerkt: Das bezieht sich auf Jesus und Sein Leiden und Sterben! Hier ist beschrieben, dass Jesus Unsagbares aushalten muss, wie die Leute vor Ihm zurückweichen: Er war so verachtet, dass man das Angesicht vor ihm verbarg; darum haben wir ihn für nichts geachtet.“ Und hier ist aber auch beschrieben, was das Leiden und der Tod von Jesus für uns bedeuten!

Und so lesen und hören wir diese Verse aus dem Alten Testament auf Jesus hin, auf Seine Kreuzigung, an die wir heute, am Karfreitag, denken. Wir sehen Jesus vor uns, wie Er am Kreuz hängt, als Verbrecher hingerichtet wird, wir sehen die spottende und lästernde Menge. Mitten im Elend hängt Jesus, verlassen von den Menschen – auch wenn wohl Hunderte herumstanden, verlassen von Seinen Freunden, von den Jüngern; aber, was noch 1000mal schlimmer ist: verlassen von Seinem Vater, von Gott!

So also leidet Jesus, der Knecht Gottes. So ist Gott: dass Er Seinen eigenen Sohn dahingibt: für uns. Denn wenn wir den Abschnitt aus Jesaja 53 lesen/ hören, dann soll uns deutlich werden, warum/wozu Jesus gelitten hat. Das Leiden und Sterben Jesu am Kreuz hatte einen Sinn! Es geht hier nicht nur darum, dass einer vielleicht heldenhaft stirbt und sogar seinen Feinden vergibt. Was würde mir das nützen? Meine Schwierigkeiten, meine Nöte, meine Schuld, alles, was mich fertigmacht, wäre davon nicht berührt. Ich müsste selber damit fertig werden. „Hilf dir selbst, dann hilft dir Gott!“

Unser Abschnitt aber sagt uns: „Fürwahr, Er trug unsere Krankheit und lud auf sich unsere Schmerzen…“ Also: Der Tod Jesu hat mit mir, mit meinen Nöten zu tun, mit Ihnen und Ihren Belastungen. Das, was wir eigentlich zu tragen hätten, was uns nach unten drückt und die Hoffnung raubt – all das trägt Jesus. Er übernimmt das alles: freiwillig, für uns, an unserer Stelle trägt Er es, damit wir nicht darunter zusammenbrechen müssen. Jesus ist der große Lastenträger!

> Wir alle ohne Ausnahme tragen Lasten, und die können uns so in Beschlag nehmen, dass wir sprechen müssen wie die Menschen, die in unserem Abschnitt zu Wort kommen: „Wir gingen alle in die Irre wie Schafe, ein jeder sah auf seinen Weg.“ Das ist ein treffendes Bild für uns Menschen! Wir laufen umher wie Menschen, die sich immer mehr auflasten oder einpacken lassen, und das drückt so zu Boden, dass wir nur noch unseren eigenen Weg sehen können.

Jeder von uns schleppt, im Bild gesprochen, auf jeden Fall zwei Lasten, zwei Bündel:

Auf dem ersten steht: „Eigene Schuld“.

Auf dem zweiten steht: „Schuld anderer an mir/uns, Verletzungen“.

In dem ersten Bündel mit der Aufschrift Eigene Schuld ist alles angesammelt, was uns von Gott und unseren Mitmenschen trennt. Für dieses Bündel sind wir selbst verantwortlich. Es ist unsere Sünde, unsere Schuld bzw.: meine Schuld. Mancher von uns mag damit so belastet sein, dass er gar keine Hoffnung mehr hat, dass es ihm abgenommen wird. Mancher meint vielleicht, er trage sein Schuldbündel spielend, und macht sich nichts draus. Wie auch immer es aussehen mag, eins ist wahr: Jeder von uns ist mit Schuld beladen, und keiner kann sich selber davon befreien. Wir alle hätten von Gott her als Strafe den Tod verdient, die ewige Trennung von Gott.

Aber das andere ist genauso wahr: Gott bietet uns Befreiung an. Jesus steht da und sagt zu uns: Pack aus, was du dir da eingepackt hast, wo du schuldig geworden bist. Lade es mir auf! Ich trage es für dich. Darum bin ich ans Kreuz gegangen und gestorben.

Und darum können wir vor Jesus „auspacken“. Darum gibt es die „Beichte“, auch in der evangelischen Kirche. Wir können unserer Schuld bekennen: vor Gott, im Stillen. Doch es gibt auch andere Möglichkeiten der Beichte, bis hin zur persönlichen Beichte vor einem Seelsorger, einer Seelsorgerin: Wenn wir das aussprechen,„was beißt und zwackt“, wie Martin Luther es ausgedrückt hat. Das, was uns wirklich sehr belastet und vielleicht bis in den Schlaf, in den Traum hinein verfolgt.

Ich weiß von einem Mann, der Schuld auf sich geladen hatte, die ihn sehr belastete. Er kam zur persönlichen Beichte zu einem Seelsorger. Er bekannte seine Schuld, und der Seelsorger sprach ihm die Vergebung der Sünden persönlich zu. Einige Tage später rief der Mann den Seelsorger an, bedankte sich und sagte: Endlich, nach Jahren, habe ich mal wieder durchschlafen können!

Lassen wir uns dazu ermutigen, Dinge, die uns belasten, nicht auf Dauer mit uns herumzutragen, sondern sie vor Gott auszusprechen und auch seelsor-gerliche Hilfe in Anspruch zu nehmen. Dann können wir die große Entlastung erfahren: Dir ist deine Schuld vergeben! So wie es im Text heißt: „Die Strafe liegt auf Ihm, auf dass wir Frieden hätten“: Der Friede Gottes füllt uns aus.

Auf dem anderen Bündel, das wir Menschen tragen, steht: Schuld anderer an uns, Verletzungen. Damit sind zum einen körperliche Schmerzen, Wunden gemeint, also Krankheiten – aber gerade auch innere, seelische Verletzungen. Was hat sich da bei jedem von uns im Laufe vieler Jahre angesammelt! Manche sind deshalb so verbittert, weil das Bündel dieser inneren Verletzun-gen sie unaufhaltsam zu Boden drückt. An diesem Bündel sind wir nicht selber schuld, sondern andere: sie haben es uns sozusagen eingepackt: Menschen, die uns das Leben schwer machen, die uns nicht annehmen; die uns fertiggemacht haben. Manchmal fühlen wir uns ziemlich unbelastet; aber dann holt uns die Vergangenheit wieder ein: Wir sehen z.B. einen Menschen, der uns verletzt hat, uns Böses getan hat, und wir gehen ihm aus dem Weg. Groll und Bitterkeit sammeln sich an. Eine alte Wunde bricht wieder auf, und wir merken: Ich bin noch nicht heil – und ich möchte es doch sein!

Und nun haben wir die große Zusage: „Fürwahr, Er trug unsere Krankheit und lud auf sich unsere Schmerzen… Durch Seine Wunden sind wir geheilt“! Jesus trägt also nicht nur die Strafe für unsere Schuld (schon das war schwer genug für Ihn!), sondern Er trägt auch die Schuld anderer an uns: unsere Wunden und Verletzungen! Das zeigen die Wunden, die man Jesus geschlagen hat. Jesus befreit mich nicht nur von der Belastung meiner eigenen Schuld, sondern auch von der Belastung durch die Schuld anderer an mir!

Und auch das können wir Ihm, Jesus, anvertrauen, es Ihm ausdrücken: im Gebet; wir können um Heilung bitten: „Herr, ich leide so sehr an den Verletzun-gen, die … mir zugefügt hat… Heile du mich davon…“

Auch hier ist ein seelsorgerlicher Beistand eine große Hilfe!

Und dann kann und wird es dazu kommen, dass wir den Menschen vergeben (im Gebet).

Mich berührt die Geschichte einer Frau, die von ihrem Vater missbraucht wurde: Sie berichtet, dass sie lange Zeit das Vaterunser nicht beten konnte, besonders nicht das „wie wir vergeben unseren Schuldigern“. Und das vor allem auch deshalb, weil ihr Vater nicht bereit war, ein Geständnis abzulegen und sie um Vergebung zu bitten. Doch eines Tages erschien ihr Christus im Traum. Er sagte zu ihr: „Ich bitte dich stellvertretend für den Täter um Vergebung, denn ich habe stellvertretend für ihn die Strafe für seine Sünden erlitten!“ Seitdem konnte sie das Vaterunser wieder beten.

Dadurch ist noch längst nicht alles wieder gut, die Beziehung zum Vater ist noch längst nicht geklärt, und ob sie überhaupt geklärt werden kann, ist nach wie vor offen. Aber in ihrem Leben ist durch die Begegnung mit dem Gekreuzigten doch etwas heil geworden, ein Heilungsprozess konnte beginnen.

Diese Geschichte macht mir deutlich: Am Kreuz hat Jesus alle Schuld getragen und damit auch überwunden. Und nun bittet er mich darum, das zu glauben. Was er getan hat, das hat auch Folgen – gute, heilvolle Folgen für mich und andere. Ich muss meine Schuld nicht verdrängen oder auf andere abschieben. Ich muss auch nicht irgendwie klarkommen damit. Ich kann damit zu Jesus kommen. Ich kann ihm im Gebet sagen, was mich belastet, und mir sagen lassen: Dir ist vergeben! Ich kann erfahren, dass ich in seiner Nähe Heilung finde. Und mit ihm kann ich schließlich auch lernen, andere Menschen um Vergebung zu bitten und selbst zu vergeben.

Liebe Gemeinde, wir alle brauchen den Heil-and Jesus Christus und die heilenden Kräfte, die von Seinem Kreuz ausgehen. Wir können damit rechnen, dass Er uns unsere Lasten abnimmt; denn Jesus, der leidende Gottesknecht, ist nicht im Tod geblieben. Wenn das so wäre, dann könnten wir „einpacken“, dann müssten wir unsere Bündel voll eigener Schuld und der Schuld anderer an uns selber weitertragen und würden zugrunde gehen.

Weil es aber nicht so ist, weil Jesus vom Tod auferweckt wurde, darum gibt es Befreiung, Vergebung und neues Leben.

Wie gut, dass Jesus Christus uns Seine durchbohrte Hand hinhält, wie gut, dass wir einschlagen und erfahren können: „Die Strafe liegt auf Ihm, damit wir Frieden hätten, und durch Seine Wunden sind wir geheilt.“

Ihr Pfarrer Hans Weghorn

Lied nach der Predigt:

Evang. Gesangbuch 552,1-3: Es ist vollbracht

Die heutige Kollekte ist für die eigene Gemeinde bestimmt.

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