Predigt am Sonntag, 19.04.2020


Gebete und Predigt für den Sonntag Quasimodogeniti 19.04.2020

Aller Anfang sei in deine Hände gelegt,
Gott Vater, Sohn und Heiliger Geist.
Amen

     

Liebe Gemeinde,

„Wie die neugeborenen Kinder“, wie neue Menschen sind wir durch die Auferstehung Christi geworden. Als Zeichen dafür wurde in der frühen Kirche die Taufe in der Osternacht gefeiert, und die Neugetauften haben dann eine Woche lang in den Gottesdiensten das weiße Taufkleid getragen – daher der Name „Weißer Sonntag“.

Gelobt sei Gott, der auch uns nach seiner großen Barmherzigkeit wiedergeboren hat zu einer lebendigen Hoffnung durch die Auferstehung Jesu Christi von den Toten!1

Lied: 100, 1+3+5

Gebet:
Barmherziger Gott, die Auferstehung Jesu Christi erfüllt uns mit österlicher Freude. Hilf, dass diese Freude lebendig bleibt und ausstrahlt in die Welt. Durch unsern Herrn Jesus Christus, deinen Sohn, der mit dir und dem Heiligen Geist lebt und gepriesen wird in alle Ewigkeit.2 Amen.

Predigt:
Gnade sei mit euch und Friede von dem, der da ist
und der da war und der da kommt. Amen

Liebe Gemeinde!

Hebt eure Augen in die Höhe und seht:

Wer hat dies alles erschaffen?

Grün, junges Grün auf den Äckern, Wiesen und Feldern, zart grün schimmernde Bäume auf den Anhöhen,

Sternenhimmel – so weit das Auge sehen kann,

Großstädte ohne Smog,

Peking mit blauem Himmel – für viele Bewohner das erste Mal in ihrem Leben so zu sehen,

ein Spazierweg parallel zur sechsspurigen leeren, absolut stillen Autobahn, auf dem ich lautes Vogelgezwitscher höre…

Hebt eure Augen in die Höhe und seht:

Wer hat dies alles erschaffen?

Der Prophet Jesaja, Verfasser dieses Gotteslobs, ist in Jubelstimmung und erfreut sich tagtäglich an Gottes wunderbarer Schöpfung.

Denn er hatte wirklich Grund zum Jubeln.

Er schrieb diese Zeilen in einer Zeit, als das Exil in Babylon aufgehoben wurde. Die meisten der aus der Stadt Jerusalem ins Exil verschleppten Menschen durften wieder in ihre angestammte Heimat zurückkehren.

Und so ruft er aus, zu lesen im Buch des Propheten Jesaja im 40. Kapitel, die Verse 26-31:

Hebt eure Augen in die Höhe und seht! Wer hat all dies geschaffen? Er führt ihr Heer vollzählig heraus und ruft sie alle mit Namen; seine Macht und starke Kraft ist so groß, dass nicht eins von ihnen fehlt.

Warum sprichst du denn, Jakob, und du, Israel, sagst: „Mein Weg ist dem HERRN verborgen, und mein Recht geht an meinem Gott vorüber?“ Weißt du nicht? Hast du nicht gehört? Der HERR, der ewige Gott, der die Enden der Erde geschaffen hat, wird nicht müde noch matt, sein Verstand ist unausforschlich. Er gibt dem Müden Kraft und Stärke genug dem Unvermögenden. Jünglinge werden müde und matt, und Männer straucheln und fallen; aber die auf den HERRN harren, kriegen neue Kraft, dass sie auffahren mit Flügeln wie Adler, dass sie laufen und nicht matt werden, dass sie wandeln und nicht müde werden.

Wieviel Zuversicht und Gottvertrauen spricht aus diesen Zeilen. Jahrzehnte der Gefangenschaft, der Demütigung, der Grausamkeiten liegen erst kurz hinter dem Volk Israel. Schon braust das Lob wieder gewaltig auf. Jesaja lässt den Kopf nicht hängen – auch wenn die Normalität im Zusammenleben, in der Gemeinschaft, im Umgang mit Herrschern und Untertanen sich erst wieder einpendeln muss.

Viel von uns fühlen sich in diesen Wochen auch gefangengenommen: eingeschränkt in der Bewegungsfreiheit;

verdonnert zu Home-Office mit begleitender Kinderbetreuung; verzweifelt, weil Angehörige im Pflegeheim nicht besucht und zusätzlich versorgt werden können;

zutiefst traurig, weil ein Abschiedsritual, wie eine Beerdigung mit allen, die gerne mit dem Verstorbenen gelebt haben, nicht möglich ist.

Mit digitalen Gottesdiensten über Ostern um das Erleben der „wahren Osterfreude“ gebracht – denn vor dem Fernseher im Wohnzimmer zu rufen „Der Herr ist auferstanden, er ist wahrhaftig auferstanden“ kann das Gefühl der Freude nicht hervorrufen, das dieser vielstimmige Ruf in einer gut besuchten Kirche in uns allen auslöst.

Diese Verunsicherung greift auch in unseren Glauben – wie kann ich denn aus meinem Glauben Kraft schöpfen in dieser Zeit der Unsicherheiten, der Angst, der Verzweiflung, der Überforderung?

Ein Virus besitzt die Fähigkeit, in einer Geschwindigkeit zu mutieren und sich zu verändern, der menschliche Wissenschaft und Forschung nicht gewachsen ist. Ein Virus, nicht mit dem bloßen Auge zu erkennen, nicht zu fühlen, nicht zu schmecken, nicht zu be – greifen, wurde zu einer neuen Geisel der Menschheit.

Grundrechte müssen teilweise abgetreten werden, wirtschaftliche Einbußen drohen sich zu Insolvenzen, Kurzarbeit, Arbeitslosigkeit zu entwickeln; Schulsystem, Prüfungen werden auf den Kopf gestellt.

Zweifel machen sich breit. Bin ich noch in Gottes Hand geborgen?

Warum sprichst du denn, Jakob, und du, Israel, sagst: „Mein Weg ist dem HERRN verborgen, und mein Recht geht an meinem Gott vorüber?“ Weißt du nicht? Hast du nicht gehört?

Der HERR, der ewige Gott, der die Enden der Erde geschaffen hat, wird nicht müde noch matt, sein Verstand ist unausforschlich.

Gott ist alles möglich. Unser Leben – ob es in noch geordneten Bahnen verläuft oder sich schon chaotisch anfühlt, ob die schwere Lungenkrankheit uns erfasst – dies alles liegt auch in diesen Zeiten in Gottes allmächtiger Hand.

Gott ist groß und mächtig. Auch das, was ich nicht verstehe, kann und darf ich in Gottes Hand legen.

Wir wissen nicht, wann und mit wie vielen Rückschlägen die Corona-Pandemie weltweit überwunden werden kann. Wie wissen nicht, ob wir selbst verschont bleiben. Trotz aller Vorsicht wird sich das Virus weiter ausbreiten.

Im Gebet finden wir mit den Worten des Propheten neue Kraft:

Aber die auf Gott hoffen, gewinnen neue Kraft, sie steigen auf mit Flügeln wie Adler. Sie laufen und werden nicht matt, sie gehen und werden nicht müde.

Aus dem Vertrauen auf Gott erhalten wir neue Kraft:

Wir halten zusammen in dieser Zeit, indem wir Masken nähen und verschenken: ein Zeitungsartikel hat dies dokumentiert, Tausende von selbstgenähten Masken wurden der Lebenshilfe für ihre Wohngruppen übergeben.


Wir halten zusammen in dieser Zeit, indem wir selbst mit Mund-Nasen-Masken in der Öffentlichkeit die anderen schützen.

Wir halten zusammen in dieser Zeit, indem wir beten und für andere Bitten: Herr, gib dem Müden Kraft und dem Unvermögenden genug Stärke.

Wir halten zusammen in dieser Zeit, indem wir den Osterruf laut weiterverbreiten: „Der Herr ist auferstanden, er ist wahrhaftig auferstanden.“

Dies ist die Grundlage für unseren Glauben, für unsere Hoffnung.

Wir vertrauen auf Dich, barmherziger Gott.

Verleihe uns die Kraft, durchzuhalten und mit Adlerflügeln aufzusteigen.

Amen.

Und der Friede Gottes, der mehr ist, als wir uns jemals vorstellen können, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

© Elisabeth Wolfermann

Vaterunser

Segen:
Der Herr
ist voller Liebe wie eine Mutter und gut wie ein Vater.
Er segne dich,
er lasse dein Leben gedeihen und deine Hoffnung erblühen.
Der Herr behüte dich,
er umarme dich in deiner Angst und stelle sich vor dich in deiner Not.
Der Herr lasse sein Angesicht über dir leuchten.
Er sei dir gnädig,
wenn Schuld dich drückt,
dann lasse er dich aufatmen und mache dich frei.
Der Herr erhebe sein Angesicht über dich,
er sehe dein Leid und tröste dich.
Er heile deine Seele und
gebe + dir seinen Frieden. Amen.

Einen gesegneten Sonntag wünscht Ihnen

Elisabeth Wolfermann
Prädikantin

1 Wochenspruch 1. Petrus 1, 3-9; Aus: Gottesdienst feiern, 25
2 Aus: Agende Pfalz, 455f.