Predigt am Sonntag Judika 21.03.2021

Predigt zu Hiob 19,19-27

19 Alle meine Getreuen verabscheuen mich, und die ich liebhatte, haben sich gegen mich gewandt.

20 Mein Gebein hängt nur noch an Haut und Fleisch, und nur das nackte Leben brachte ich davon.

21 Erbarmt euch über mich, erbarmt euch, meine Freunde, denn die Hand Gottes hat mich getroffen.

22 Warum verfolgt ihr mich wie Gott und könnt nicht satt werden von meinem Fleisch?

23 Auch dass meine Reden aufgeschrieben würden! Auch dass sie aufgeschrieben würden als Inschrift.

24 mit einem eisernen Griffel im Blei geschrieben, zu ewigem Gedächtnis in einen Fels gehauen!

25 Aber ich weiß, dass mein Erlöser lebt, und als der letzte wird er über dem Staub sich erheben.

26 Und ist meine Haut noch so zerschlagen und mein Fleisch dahinge-schwunden, so werde ich doch Gott sehen.

27 Ich selbst werde ihn sehen, meine Augen werden ihn schauen und kein Fremder. Danach sehnt sich mein Herz in meiner Brust.

Liebe Gemeinde,

eine ganz besondere Geschichte will heute zu uns sprechen: Da ist einer ganz unten angekommen – hat alles verloren, körperlich ein Wrack; seine leidende Seele klagt seine Verzweiflung heraus. Die Hiob-Geschichte beschreibt den totalen Abstieg eines Menschen.

Reich war er, hatte eine große Familie und treue Freunde, besaß Gut, Tiere, Mitarbeiter – alles verloren! Er genoss öffentliches Ansehen, war ein gefragter Berater. Als rechtschaffener Mann half er Armen, sorgte für Witwen, Lahme, Fremdlinge, setzte sich für ihr Recht ein. Der Gottesfürchtige konnte Trauernde trösten, gab Entmutigten neuen Mut. Als Ideal-Person beschreibt ihn diese Erzählung.

Aber dann bricht das Unglück über Hiob herein: Feinde fallen ins Land ein und rauben ihm seine Herden, töten seine Knechte. Und es kommt noch viel schlimmer: Bei einem Unglück durch ein Unwetter sterben alle seine sieben Töchter und drei Söhne – ein kaum nachzuempfindender, unerträglicher Schmerz. Und schließlich geht es seiner Gesundheit an den Kragen: Eiternde, eklige Geschwüre plagen den Mann, der doch so auf Gott vertraut und immer zu ihm gebetet hatte.

Doch als ob das alles nicht schon mehr als genug zu ertragen wäre, wird Hiobs Verzweiflung noch verschärft – durch Erfahrungen, die wir womöglich hier und da auch schon machen mussten:

Jetzt, wo Hiob im Dreck sitzt und in seinem seelischen und körperlichen Schmerz, lassen ihn ausgerechnet seine liebsten Menschen im Stich. Seine Geschwister, seine Verwandten und sogar seine Frau wenden sich angewidert von ihm ab: Mein Atem ist zuwider meiner Frau, und die Söhne meiner Mutter ekelt‘ s vor mir… Alle meine Getreuen verabscheuen mich, und die ich lieb hatte, haben sich gegen mich gewandt.“ (Vers 17 u. 19)

Wie schlimm muss das sein, wenn die Menschen, die mir lieb und teuer sind, sich ausgerechnet dann gegen mich stellen, wenn ich in größter Not bin! Wie enttäuschend! Wie erschütternd! Wenn Freunde und Verwandte nicht mehr zu Besuch kommen, sich zurückziehen…

Seine Freunde, drei an der Zahl, lassen Hiob nicht im Stich. Aber das hätten sie besser einmal getan. Denn anstatt dass sie Hiob trösten, statt dass sie ihn aufmuntern, anstatt dass sie ihm beistehen, beschuldigen sie ihn! Ihnen fällt nichts Besseres ein, als eine einfache Erklärung für Hiobs Misere zu suchen und ihm einzutrichtern: „Du hast Schuld! Du bist verantwortlich für dein Elend! Du hast irgendetwas falsch gemacht, was Gott dazu gebracht hat, dich so zu behandeln.“

Hiob wehrt sich zwar tapfer dagegen, aber in diesem Moment winselt er förmlich um Gnade: Erbarmt euch über mich, erbarmt euch, meine Freunde; denn die Hand Gottes hat mich getroffen!“ (Vers 21)

Wie schrecklich ist es, wenn wir Menschen in ihrem Leid mit frommen, logischen Erklärungen beizukommen versuchen! Da wird einem schwer Kranken gesagt, er solle mehr beten und fester glauben. Oder da stirbt durch einen tragischen Unfall die junge Tochter eines Mitarbeiters der Kirchengemeinde, und so mancher Christenmensch, der keine Ahnung hat, was für ein Schmerz das ist, kommt mit der ach so frommen Erklärung daher: „Gott wollte dein Kind halt schon bei sich haben.“

Gott, der Herr, gebe uns die Weisheit, den Mund zu halten, und die Liebe, um wirklich mit den Weinenden zu weinen, statt sie mit Erklärungen abzuspeisen und ihr Leid nur zu vergrößern!

Versuche der Hilfe können Geplagte noch mehr nach unten ziehen. Es benötigt große Geduld, um Menschen in kritischen Lebenslagen auch ohne klugen Rat zu begleiten. Anteilnahme ist mehr als gut gemeinte Worte: Ein Verhalten, das Zeit und Ausdauer braucht. Wichtig ist, mich rechtzeitig nach Wegbegleitern umzusehen, zu denen ich gehen kann, wenn es einmal durch dick und dünn geht. Es ist wichtig, sich Menschen zu suchen mit offenen Ohren und mitfühlenden Herzen, die uns nicht hängen lassen.

Die entscheidende Frage ist: Wie wird es mit Hiob hinausgehen? Wo in allem ist Gott – von dem Hiob sich verlassen fühlt?

Doch mitten in diesem ganzen Elend blitzt etwas auf. Etwas Gutes. Eine Hoffnung. Bei Hiob ist es noch eine verzweifelte Hoffnung: es kommt zu einem „Aber“: Ich aber“, so stemmt er sich gegen sein Elend, „ich aber weiß, dass mein Erlöser lebt.“

So verrückt es klingt: Hier hofft Hiob gegen Gott auf Gott. Er hofft gegen den Gott, von dem er enttäuscht ist, der ihn zu Unrecht in seine tiefe Not gestürzt hat und der scheinbar nicht mit sich reden lässt. Gegen diesen Gott hofft er auf den Gott, der ihn erlösen wird, dessen Herz für die Geplagten und Leidenden schlägt und der sich voller Erbarmen um sie kümmert.

Dieser Gott, dieser Erlöser wird „als der Letzte sich über dem Staub erheben“. Am Ende, spätestens wenn es heißt: »Erde zur Erde, Asche zur Asche und Staub zum Staube«, spätestens dann zählt kein menschliches Urteil mehr. Sondern spätestens dann erhebt sich Gott als Richter und urteilt über mein Leben. Gott selbst. Er allein. Er, der mich versteht. Er, der mich besser kennt als ich mich selbst. Er, der meine innersten Ängste und tiefsten Beweggründe kennt – er wird sich am Ende erheben und das Urteil sprechen. Niemand sonst. Das ist Hiobs verzweifelte Hoffnung. Und das ist meine Hoffnung. Denn der Herr ist mein Erlöser, mein Anwalt, mein Beistand und mein Fürsprecher. Er ist der, der für mich eintritt und für mein Recht kämpft.

Egal, wie verkorkst mein Leben verlief. Egal, wie sehr ich leiden musste oder muss. Egal, wie schäbig mich Menschen behandelt und wie schamlos sie mich im Stich gelassen haben. Egal, wie groß auch meine eigene Schuld an meinem Elend war und ist – die Hoffnung auf Gott kann mir nichts und niemand nehmen:

Vers 26/27: „Und ist meine Haut noch so zerschlagen und mein Fleisch dahin-geschwunden, so werde ich doch Gott sehen. Ich selbst werde ihn sehen, meine Augen werden ihn schauen und kein Fremder. Danach sehnt sich mein Herz in meine Brust.“ Hiob verzehrt sich danach, den Erlöser zu sehen. Für ihn muss es kaum auszuhalten sein, den Erlöser nur zu erahnen. Denn damals dachte man eigentlich, dass der Tod für immer von Gott trennt und mit ihm alles aus ist.

Doch Hiobs verzweifelte Hoffnung hat sich bewahrheitet. Ja, sie ist sogar zur festen Gewissheit geworden. Vom Neuen Testament her wissen wir, wer dieser „Erlöser“ ist: Jesus. Jesus, auf den wir in dieser Passionszeit blicken. Jesus, der gelitten hat wie Hiob, ja, der am Kreuz viel Schlimmeres aushielt, als er die Not, Last, Schuld, Krankheit aller Menschen ertragen musste. Aus unsäglichem Schmerz rief er: „Mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ Er hat gelitten und uns damit „erlöst“ von aller Schuld, von Angst und Verderben. Weil er von den Toten auferstanden ist, weil „mein Erlöser lebt“, darum gibt es Hoffnung: Hoffnung für dieses Leben und darüber hinaus. Wer sein Leben vertrauensvoll in die Hände von Jesus legt, der bekommt diese Hoffnung. Für den „lösen“ sich vielleicht nicht alle Probleme des Lebens. Aber er oder sie wird erlöst, befreit zum neuen Leben mit Gott, und kann persönlich sprechen: „Ich weiß, dass mein Erlöser lebt.“

Ich denke an meine Großmutter, eine Bauersfrau aus dem Fürther Landkreis. Ihr Leben auf dem Bauernhof und mit einer großen Familie war nicht immer leicht. Als junge Ehefrau kam sie zum Glauben an Jesus Christus, sie legte ihr Leben bewusst in seine Hand und hielt sich zur christlichen Gemeinde. Bei allen Schwierigkeiten und Krankheiten blieb sie ihrem Herrn und Gott verbunden; oft hat sie für die Familie gebetet. Als sie im Alter von 78 Jahren nach zweimonatigem Krankenhausaufenthalt gestorben war, sprach der Pfarrer am Grab über diesen Hiob-Vers, den sie vor ihrem Tod ausgewählt hatte: „Ich weiß, dass mein Erlöser lebt.“ Und er konnte bezeugen, dass der Glaube an den Erlöser Jesus Christus meine Oma durch ihr Leben getragen hat.

Wenn wir so mit Jesus verbunden sind, dann haben wir Hoffnung über den Tod hinaus. Dann können wir mit dem Prediger H. Fr. Kohlbrügge in einer seiner Passions-predigten sprechen: „Darum wenn ich sterbe… und es findet jemand meinen Schädel, so predige es ihm dieser Schädel noch. Ich habe keine Augen, dennoch schaue ich Ihn; ich habe kein Gehirn noch Verstand, dennoch umfasse ich Ihn; ich habe keine Lippen, dennoch küsse ich Ihn; ich habe keine Zunge, dennoch lobsinge ich Ihm: Ich bin ein harter Schädel, dennoch bin ich erweicht und zerschmolzen in Seiner Liebe; ich liege hier draußen auf dem Gottesacker, dennoch bin ich drinnen im Paradies! Alles Leiden ist vergessen. Das hat uns Seine große Liebe getan, da Er für uns Sein Kreuz trug und hinausging gen Golgatha.“

Liebe Gemeinde, unser Leben mag immer noch und immer wieder von Hiobserfah-rungen geprägt sein. Doch wir müssen uns nicht allein und verzweifelt dagegen-stemmen. Sondern wir können voller Gewissheit rufen und singen: Ich weiß, dass Jesus, mein Erlöser lebt! Amen.

Ihr Pfarrer Hans Weghorn

Lied nach der Predigt:

Neues Liederbuch Nr. 038,1-4: Ich weiß, dass mein Erlöser lebt

Kollekte: https://www.sonntagskollekte.de/