Predigt für den Sonntag, 03.05.2020

Gebete und Predigt für den Sonntag Jubilate 03.05.2020

Aller Anfang sei in deine Hände gelegt, Gott Vater, Sohn
und Heiliger Geist. Amen

Liebe Gemeinde,

Ist jemand in Christus, so ist er eine neue Kreatur; das Alte ist vergangen, siehe, Neues ist geworden. Der Wochenspruch aus dem Brief des Paulus an die Korinther im 5. Kapitel verheißt uns: Christus hat uns Gottes Liebe offenbart, durch diese Liebe können wir als neue Menschen leben. Darum lobsingt zur Ehre seines Namens, rühmt ihn in seiner großen Herrlichkeit! Jubilate – „jauchzet Gott, alle Lande!“ 1

Lied: 432, 1-3

Gebet:

Gott,

du Schöpfer aller Dinge,
du erweckst die Natur zu neuem Leben und verheißt einen neuen Himmel und eine neue Erde, wo Gerechtigkeit wohnt.
Wecke uns auf aus aller Verzagtheit, erneuere uns durch Christus,
dass wir auferstehen zum Leben mit ihm.
Dir sei Ehre in Ewigkeit.2 Amen.

Predigt:

Gnade sei mit euch und Friede von dem, der da ist
und der da war und der da kommt. Amen

I.

Liebe Gemeinde,

es war bei einer Schlossführung in Meersburg. Im großen Festsaal ließ die Führerin vor den inneren Augen der Touristen ein farbenprächtiges Bild aus alten Zeiten entstehen: Wie nach dem Schmausen an den festlichen Tafeln im wörtlichen Sinn die „Tafel aufgehoben“ wurde. Da wurden nämlich die Holzbretter einfach von den Gestellen hochgehoben und mit dem Geschirr, der Dekoration und den Resten vom Essen von der zahlreichen Dienerschaft hinaus in die Küche getragen. Und sie erzählte, wie dann in kurzer Zeit der Saal bereit war für die verschiedenen Tänze und Spiele, mit denen sich bei Hofe vergnügt wurde; die Damen in raschelnden Roben, die Herren elegant und formvollendet höflich.

Und dann zeigte die Führerin auf die Steinbänke entlang der Mauern in den Fensternischen. „Hiervon kommt der Ausdruck Mauerblümchen“, erklärte sie. „Die Damen saßen da, bis ein Herr sie zum Tanzen aufforderte – und wer öfter keinen abbekam, der war eben ein Mauerblümchen.“ Und so sehr man vorher die Festfreude miterlebt hatte – so sehr konnte man sich jetzt die wachsende Enttäuschung der Übriggebliebenen vorstellen. Am Rand sitzen, statt dabei zu sein; zuschauen müssen, wie andere lachen und scherzen. Teil der Gemeinschaft zu sein, ohne wirklich dazu zu gehören. Das konnte in dieser Touristengruppe wohl jeder nachempfinden, über die Jahrhunderte hinweg. Der Schmerz ist der gleiche geblieben, ob das beim Tanz im Schloss seinerzeit war oder heute in Schulklassen oder Sportvereinen. Zuschauen müssen, wenn andere ihre Zusammengehörigkeit demonstrieren, zuschauen, statt dabei sein, ein Mauerblümchen eben.

II.

Ein solches Gefühl kann sich auch in der Kirche einstellen. Ganz handfest beim Gemeindefest, wo andere beraten und aufbauen und backen, aber niemand fragt Sie? Im Kirchenkaffee, wo offenbar alle sich kennen, und Sie werden übersehen? Die Leute vom Glaubenskurs begrüßen sich herzlichst, aber Sie gehören halt nicht dazu – Kirchliches Mauerblümchen…

Oder weniger nah, aber nicht weniger schmerzlich: Da sehen Sie im Nachbarort/in der Nachbargemeinde, wie die Jugendgruppe aufblüht, in der anderen Gemeinschaft gibt’s eine quicklebendige Eine Welt Arbeit, in der neugegründeten Freikirche strömen junge Familien zum Gottesdienst – nur bei uns ist das Gemeindeleben mühsam; sind wir als Ganzes vielleicht auf die Bank abgeschoben, Zuschauer nur noch, aber nicht mehr Teil von etwas Großem?

Und heute – coronabedingt – sind wir alle Mauerblümchen: wir sitzen zu Hause, Ostern als Familienfest ist ausgefallen, keine feierlichen Ostergottesdienste mit Posaunenchor und Freude über Freude…

Unsere Oma und Opas sitzen im Altersheim und sehnen sich danach, wieder Besuch zu empfangen. Wir sehen unsere Enkel und Urenkel nicht mehr – eine Begegnung über „Skype“ oder „Zoom“ oder „WhatsApp-Video“ oder „Teams“ bringt mir nicht den Geruch der feinen Babyhaut, das Gefühl, wenn ich das kleine Wesen beschützend im Arm halte, oder wenn ich abgebusselt werde…

Auch wenn uns vieles schwerfällt in diesen Zeiten: für uns alle ist der heutige Predigtabschnitt. Denn da macht Jesus deutlich: Wer auch immer Christ ist, der gehört unmittelbar dazu. Keine Mauerblümchen, sondern lauter Reben am Weinstock. Direkt am Weinstock!

Der Predigttext steht im Johannesevangelium, Kapitel 15, die Verse 1-8:

Ich bin der wahre Weinstock und mein Vater der Weingärtner. Eine jede Rebe an mir, die keine Frucht bringt, nimmt er weg; und eine jede, die Frucht bringt, reinigt er, dass sie mehr Frucht bringe.

Ihr seid schon rein um des Wortes willen, das ich zu euch geredet habe. Bleibt in mir und ich in euch. Wie die Rebe keine Frucht bringen kann aus sich selbst, wenn sie nicht am Weinstock bleibt, so auch ihr nicht, wenn ihr nicht an mir bleibt.

Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht; denn ohne mich könnt ihr nichts tun.

Wer nicht in mir bleibt, der wird weggeworfen wie eine Rebe und verdorrt, und man sammelt die Reben und wirft sie ins Feuer, und sie verbrennen.

Wenn ihr in mir bleibt und meine Worte in euch bleiben, werdet ihr bitten, was ihr wollt, und es wird euch widerfahren. Darin wird mein Vater verherrlicht, dass ihr viel Frucht bringt und werdet meine Jünger.

III.

Als Jesus dieses Gleichnis erzählte, war das den Zuhörern vertraut – und zugleich explosiv. Vertraut deshalb, weil alle Zuhörer die harte Arbeit kannten, die ein Winzer auf seine Weinstöcke verwendet; ja, die meisten Zuhörer hatten selbst einen oder auch mehr Weinstöcke, um die sie sich mühten. Der steinige Boden musste vor dem Setzen des Stockes tiefgründig umgegraben und verbessert werden. Drei bis vier Jahre dauerte es, bis ein Weinstock überhaupt den ersten Ertrag brachte. Mehrfach im Jahr musste sehr sorgfältig beschnitten und ausgelichtet werden. In der Zeit der Reife musste der Weinberg gegen Tiere und Diebe Tag und Nacht gesichert werden. Ein ganz vertrautes Bild. Und alle wussten: da braucht es schon Liebe dazu.

Die Propheten hatten das Volk Israel als den Weinstock bezeichnet, den Gott aus Ägypten geholt und in gutes Land gesetzt hat, um den er Mauern baut, um sie zu schützen. Das geliebte Volk, um das Gott wirbt – und das ihn doch immer wieder verachtet.

Doch nun sagt Jesus: Ich bin der wahre Weinstock! Nicht mehr Israel, nicht mehr ein Volk, nicht mehr bestimmte Menschen von ihrer Abstammung her – Gott fängt nochmal ganz von vorne an, mit Jesus, dem Zimmermanns-Sohn. Und mit denen, die zu ihm gehören. Jesus sagt: Ihr, meine Jünger, meine Freunde, ihr seid die Reben, die dann die herrliche Frucht hervorbringen.

Für viele Zuhörer war das ein Schlag ins Gesicht. Da gab es welche, die sich ganz sicher waren, zum innersten Zirkel im Gottes-Volk zu gehören – und Jesus sollte nur einer von viele sein. Und auf der anderen Seite mag dieser Zuspruch den Freunden Jesu das Herz froh und stark gemacht haben: Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Ihr seid die, durch die meine Kraft fließt, die aufs engste mit mir verbunden sind. Ihr könnt gute Frucht bringen! Nicht, weil ihr so großartig seid, sondern weil (und so viel) ihr an mir dran bleibt.

IV.

Als Johannes diese Worte von Jesus Ende des ersten Jahrhunderts aufgeschrieben hat, da konnten sie nochmal neue Zündkraft entwickeln. Denn inzwischen stammte die Mehrzahl der Christen nicht mehr aus dem Judentum, sondern aus anderen Völkern – und da war schon die Frage: Gibt’s eigentlich Christen erster und zweiter Klasse? Solche, die „natürlich“ dazu gehören, mit Stammbaum bis Adam und Eva zurück – und solche, die halt „auch“ mit dabei sein dürfen, obwohl sie bis vor kurzem die Zehn Gebote noch nicht kannten? Geschweige denn sie gehalten haben… Schon damals gab es also die Frage nach Insidern und Mauerblümchen. Und Johannes schreibt ihnen allen, und uns dazu, ins Stammbuch: Der eine Insider, an dem sich alles entscheidet, ist Jesus; er ist der Weinstock. Wir anderen, ohne Unterschied, sind die Reben.

Was jetzt zählt, ist, ob wir Frucht bringen.

Da ist Jesus in seinem Gleichnis ungeheuer sachlich und nüchtern: Am Weinstock wächst allerhand, was rausgenommen werden muss für eine gute Ernte. Meterlange fruchtlose Ranken, Blattwerk, das buschig und grün ist, aber die Trauben verschattet. Das kostet dem Weinstock Kraft. Wenn ein Winzer seine Weinstöcke in Form bringt, nennt man das : Reb-Erziehung!

V.

Jesus sagt in seinem Gleichnis immer wieder, was nötig ist, damit wir gute Frucht bringen können: : Bleibt. Bleibt am Weinstock, bleibt in meiner Liebe, bleibt in meinen Geboten. Bleibt in mir.

Ist das ein Problem? Bleiben ist doch das einfachste von der Welt, könnte man denken.

Aber in einer lebendigen Beziehung ist „bleiben“ etwas hoch Aktives. Im Weinstock fließen die Pflanzensäfte vom Stock zur Rebe und zurück – sobald das nicht mehr möglich ist, stirbt die Rebe.

In der Beziehung zu Gott ist es gerade so: diese Beziehung ist aktiv – oder tot. Wenn kein Austausch da ist zwischen Gott und mir – ist die Beziehung höchst gefährdet. Wenn ich nicht mit ihm rede, oder wenn ich nicht mehr auf ihn höre, ist unsere Beziehung vielleicht tot!

Deshalb gibt uns Jesus zwei kurze Hilfen zum Dranbleiben.

Erstens: Bleibt in meiner Liebe, sagt er. Das bedeutet: Haltet euch immer wieder vor Augen, was ich euch Gutes getan habe und tue. Eine ganz hilfreiche Sache dazu ist das Danken, am besten spontan und regelmäßig.

Spontan bei einem schönen Regenbogen, nach einem guten Essen mit den Familienangehörigen zu Hause, nach einem Telefongespräch mit Freunden, nach einem Spaziergang in der aufblühenden Natur, nach einem Tag, an dem wir zu Hause Home-Schooling und Home-Office ohne größere Konflikte überstanden haben: „Danke Gott, du bist so wunderbar!“

Und auch regelmäßig: Abends ganz bewusst ein Gebet, in dem Sie sich an den Fingern herzählen, was Gott Gutes getan hat: Zum Beispiel, dass wir 75 Jahre Frieden haben, dass wir genug zu essen haben, dass wir bald wieder ungehindert zur Kirche gehen können, dass wir in einem erstaunlich guten Staat mit einem funktionierenden Gesundheitssystem leben, das wir Politiker haben, die in der Krise bedacht und umsichtig reagieren und keine spontanen Entscheidungen treffen, dass wir freien Zugang zu Gott haben dürfen durch Jesus. Und so weiter und so fort.

Oder vielleicht hilft Ihnen das Glaubensbekenntnis, das sie dankend durchbeten – wie auch immer: Bleiben sie in Gottes Liebe!

Und das Zweite: Jesus sagt „Bleibt in meinen Geboten“. Bei den Pflanzen ist es so: Wenn ein Baum seine Blätter abwerfen soll im Herbst, dann bildet sich am Blattansatz zunächst ganz unbemerkt eine Korkschicht, Da werden Zellen umgebaut zu Korkzellen, die lassen immer weniger Pflanzensaft durch, bis das Blatt tot ist und abfällt. Sünde ist sowas Ähnliches wie diese Korkschicht. Wenn ich bewusst etwas tue, was Gott nicht gefällt, verhärtet mein Herz, zunächst ganz unbemerkt. Der Austausch mit Gott ist gestört, wird immer schwieriger. „Bleiben in Gottes Geboten“, das ist die bewusste Entscheidung: Ich möchte tun, was in Gottes Augen recht ist. Ich frage ihn nach seiner Meinung, ich bitte um ein feines Gewissen – und ich bitte um Vergebung, wenn ich schuldig geworden bin. Um Himmels willen möchte ich keine Barriere zwischen mir und Gott aufbauen.

VI.

Wir fühlen uns in diesen belastenden Krisen-Wochen und Krisen-Monaten, als wären wir nur Zuschauer, als würde das Leben woanders spielen.

Jesus bietet uns heute an: Du darfst ganz nah an mir dran sein, so nah, wie die Reben am Weinstock sind. Du darfst bleiben, denn du gehörst dazu. Und: wenn du an mir, in mir bleibst, dann tust du, was eine gesunde Rebe eben so tut: dann bringst du viel Frucht.

Das schenke Gott uns allen. Amen.

Und der Friede Gottes, der mehr ist, als wir uns jemals vorstellen können, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

Verfasserin:

Pfarrerin Elisabeth Küfeldt, Ernst-Körner-Ring 1 a, 91522 Ansbach, kuefeldt@web.de

aktualisiert und bearbeitet: Elisabeth Wolfermann

Vaterunser

Segen:

Gott gebe dir den Mut, aufzubrechen,
und die Kraft, neue Wege zu gehen.
Gott gebe dir die Stärke, deine Hand zur Versöhnung auszustrecken.
Gott schenke dir für alle Tage deines Lebens
die Geborgenheit in Jesus Christus.
Gott sei dir nahe mit seinem Heiligen Geist
Und gebe dir + seinen Frieden

1 Aus: Gottesdienst feiern. Gottesdienst an Sonn- und Feiertagen, M3,25.

2 Aus: Gottesdienst feiern. Gottesdienst an Sonn- und Feiertagen, M9,245.