Predigt für den Sonntag, 10.05.2020

Predigt für den Sonntag Kantate 10.5.2020
Predigttext: Kolosser 3,9-10.12-17

9 Ihr habt den alten Menschen mit seinen Werken ausgezogen
10 und den neuen angezogen, der erneuert wird zur Erkenntnis nach dem Ebenbild dessen, der ihn geschaffen hat.
12 So zieht nun an als die Auserwählten Gottes, als die Heiligen und Geliebten, herzliches Erbarmen, Freundlichkeit, Demut, Sanftmut, Geduld;
13 und ertrage einer den andern und vergebt euch untereinander, wenn jemand Klage hat gegen den andern; wie der Herr euch vergeben hat, so vergebt auch ihr!
14 Über alles aber zieht an die Liebe, die da ist das Band der Vollkommenheit.
15 Und der Friede Christi, zu dem ihr auch berufen seid in einem Leibe, regiere in euren Herzen; und seid dankbar.
16 Lasst das Wort Christi reichlich unter euch wohnen: Lehrt und ermahnt einander in aller Weisheit; mit Psalmen, Lobgesängen und geistlichen Liedern singt Gott dankbar in euren Herzen.
17 Und alles, was ihr tut mit Worten oder mit Werken, das tut alles im Namen des Herrn Jesus und dankt Gott, dem Vater, durch ihn.

Liebe Gemeinde,

ein Professor der Theologie, der seinen Studenten eine Vorlesung über die Seelsorge hielt, sagte Folgendes: „Wenn Sie sich mal ganz fertig fühlen und lustlos und unzufrieden sind mit sich selber und mit der ganzen Welt, dann gehen Sie unter die Dusche und drehen kalt auf und waschen sich und ziehen neue Kleider an. Wenn Sie die Wäsche gewechselt haben und frisch gewaschen sind – Sie werden sehen, Sie fühlen sich wie neugeboren!“

Es steckt offenbar im Menschen tief drinnen eine Sehnsucht: nach dem Wechseln der schmutzigen Wäsche, nach einer neuen Bekleidung, nach einer Erfrischung und Erneuerung seines ganzen Menschseins. Davon spricht der Apostel Paulus in unserem heutigen Predigtabschnitt. Er spricht

1. vom neuen Menschen   2. von der neuen Gemeinschaft   3. vom neuen Lied.

1. Der neue Mensch

„Ihr habt den neuen Menschen angezogen“, schreibt Paulus in Vers 10. Den neuen Menschen gibt‘ s. Aber er ist kein Ideal, hinter dem ich herrennen muss mit hängender Zunge. Ich muss mich nicht „am Riemen reißen“, um ein neuer Mensch zu werden. Der neue Mensch wird auch nicht durch die Änderung der wirtschaftlichen und politischen Verhältnisse geschaffen, wie das der Kommunismus behauptete und versuchte und damit kläglich scheiterte.

Wer ist der „neue Mensch“? Wie heißt er?

Der neue Mensch trägt den Namen Jesus Christus.

Wer zu Jesus Christus gehört, wer „in Christus“ ist, wie Paulus öfter sagt, der ist ein neuer Mensch. Der neue Mensch wird uns angeboten, angelegt wie ein fremdes Kleid, wie ein fremder Glanz, der auf unser Leben fällt.

Denken wir an das Gleichnis vom „Verlorenen Sohn“, das Jesus erzählt hat. Der verlorene Sohn bekommt von seinem Vater, der ihn wiederaufnimmt, ein neues Gewand, ein Festkleid. So fällt auch auf unser Leben ein neuer und fremder Glanz, wenn Gott uns als seine Kinder aufnimmt, wenn wir von seiner Liebe eingeholt werden.

Das geschieht, wenn jemand im Gebet zu Gott, zu Jesus Christus sagt: Herr, es tut mir leid, dass ich fern von dir gelebt habe. Ich komme zurück zu dir du vertraue dir mein ganzes Leben an. Wer so oder ähnlich spricht, zurückkehrt zu Gott, der wird ein neuer Mensch. Ein neuer Mensch wird man nicht durch gute Vorsätze und durch das Befolgen aller möglichen christlichen Regeln, sondern durch das Gebet eines Kindes! Ein neuer Mensch wird man, wenn man nach Hause kommt: zum Vater, zu Gott! Neu sein heißt: zu Hause sein!

Es kommt also gar nicht so sehr auf unsere Qualität an, sondern es kommt auf das Milieu an, in dem wir leben: das Milieu der Liebe Gottes. Martin Luther sagt: „Neu wird ein Mensch so, wie ein Stein in der Sonne warm wird.“ Wer sich der Liebe Gottes in Jesus aussetzt, der wird und bleibt ein neuer Mensch.

Nun sagt Paulus: Wenn jemand in den Machtbereich der Liebe Gottes kommt, dann legt er die alten, schmutzigen Kleider ab und bekommt neue angelegt. Und die beschreibt Paulus in Vers 12:

„Erbarmen“: Das ist die innerste Beteiligung am Schicksal anderer Menschen. Es lässt uns nicht kalt, wir leiden mit und versuchen zu helfen, wo wir können, gerade auch jetzt in Corona-Zeiten.

„Freundlichkeit“: Die Fähigkeit, anderen entgegenzukommen und auf sie zuzugehen.

„Demut“ und „Sanftmut“: Ich muss mich nicht in den Mittelpunkt stellen, sondern kann zurücktreten. Ich bin bereit, dem anderen zu dienen.

„Geduld“: Der lange Atem im Dienst für andere und mit anderen. Wie nötig ist das im Zusammenleben von Menschen, auch in der Kirchengemeinde!

All das hat Jesus selber gelebt in seinem Umgang mit den Menschen. Alle diese „Kleider“ haben zu tun mit dem Zusammenleben der Menschen. Sie sind neue Verhaltensformen. Wer diese fünf Kleider anlegt, der wird gemeinschaftsfähig.

Darum:

2. Die neue Gemeinschaft

Gerade in der christlichen Gemeinde soll es anders zugehen als oft weithin, wo ein „Hauen und Stechen“ herrscht und Konkurrenzkampf, wo viele nur an sich selber denken. Weil Jesus voll Erbarmen war, gerade zu den Leidenden und Schwachen, darum sind wir es auch. Wir lassen uns anstecken von seiner Liebe und seinem Erbarmen. Alle diese „Kleider“ werden ja zusammengehalten durch „die Liebe, die da ist das Band der Vollkommenheit“ (Vers 14). Die Liebe ist wie ein Gürtel, der alle diese Verhaltensweisen zusammenhält. Das ist nichts „Zuckersüßes“, Sentimentales, sondern das ist das Bemühen um die Einheit in der ganzen Verschiedenheit, die uns auch als Christen ausmacht.

Im Zusammenhang unseres Textes geht es auch um die gegenseitige Vergebung: „Vergebt euch untereinander, wenn jemand Klage gegen den anderen hat“ (Vers 13). Die christliche Gemeinde ist keine Gemeinschaft von „Engeln“; es menschelt oft sehr. Da gibt es auch Grund zur Klage. Und es ist wichtig, die Klage auch auszusprechen. Es gibt keinen Frieden ohne gegenseitige Klage; ein Friede ohne Klage ist ein fauler Friede. So weit geht offenbar die zusammenhaltende Kraft der Liebe, dass man sich auch gegenseitig etwas vorwerfen und sich die Klage zumuten kann. Aber dass man dann sich gegenseitig auch vergeben kann und es bewusst tut!

Man hört öfter: „Das kann ich ihm oder ihr nicht vergeben!“ Mancher nimmt sogar seinen tiefen Groll bis mit aufs Sterbebett. Wenn wir aber als Christen leben wollen, sind wir aufgefordert zu vergeben, denn Jesus hat uns vergeben und uns zu neuen Menschen gemacht: „Wie der Herr euch vergeben hat, so vergebt auch ihr.“

Der berühmte Maler Peter Paul Rubens wurde 1577 in Siegen in Westfalen geboren, war aber ein Niederländer und hatte sein Atelier in Antwerpen. Das kann so: Um 1570 saß ein Mann namens Jan Rubens in Antwerpen im Gefängnis und wartete auf den Henker. Er war wegen Ehebruchs zum Tod verurteilt. Das gab es damals! Seine Frau, die er betrogen hatte, war nach Köln gezogen, vielleicht zu ihren Eltern. Jan Rubens schrieb ihr aus dem Gefängnis und bat sie um Verzeihung. Darauf schrieb ihm seine Frau: „Mein lieber und geliebter Mann! Ich vergebe Euch jetzt und immer. Ihr seid in so großem Kampf und Ängsten, daraus ich Euch gern mit meinem Blut erretten würde. Könnte da überhaupt Hass sein, dass ich eine so kleine Sünde gegen mich nicht vergeben könnte, verglichen mit so viel großen Sünden, wofür ich alle Tage Vergebung bei meinem himmlischen Vater erflehe? Meine Seele ist so mit Euch verbunden, dass Ihr nicht leiden dürft. Ich leide mit Euch. Ich werde mit ganzer Kraft Gott für Euch bitten und mit mir unsere Kinder, die Euch sehr grüßen lassen und so sehr verlangen, Euch zu sehen. Das weiß Gott! Geschrieben zu Köln am 1. April, nachts zwischen zwölf und eins.

Nachsatz: Schreibt doch nicht mehr… ich unwürdiger Mann! Es ist Euch doch vergeben! Eure treue Ehefrau Marie Rubens.“

Die Fürsprache der tapferen Frau rührte auch den Richter in Antwerpen. Nach zwei Jahren Haft kam Jan Rubens frei. Das Ehepaar zog nach Siegen und blieb dort. Zu ihren bisherigen Kindern wurde ihnen noch ein Sohn geschenkt. Sie nannten ihn Peter Paul, und er wurde der berühmter Maler. Wenn es Vergebung nicht gäbe, hätte es Peter Paul Rubens auch nicht gegeben.!

 Doch unser Abschnitt spricht nicht nur vom neuen Menschen und von der neuen Gemeinschaft, er spricht auch

3. vom neuen Lied

„Lasst das Wort Christi reichlich unter euch wohnen: Lehrt und ermahnt einander in aller Weisheit; mit Psalmen, Lobgesängen und geistlichen Liedern singt Gott dankbar in euren Herzen.“ (Vers 16) So heißt es ja auch im Wochenspruch, der uns begleitet: „Singet dem Herrn ein neues Lied denn er tut Wunder.“ (Psalm 98,1) Es ist schade, dass wir dieses neue Lied aufgrund der aktuellen Corona-Krise noch nicht miteinander singen können in den Gottesdiensten, aber wir freuen uns auf die Zeiten, in denen das wieder möglich sein wird.

Dieses „neue Lied“ wird überall da gesungen, wo neue Menschen sind und Gemeinschaft in Jesus Christus erfahren und leben. Es ist nicht mehr das Lied der Klage, sondern es kommt aus der erfahrenen Vergebung heraus!

Es ist das Lied des Dankes: die Grundmelodie ist der Dank: „Singt Gott dankbar in euren Herzen“ (Vers16); „dankt Gott dem Vater durch ihn (Jesus Christus)“: Vers 17.

Haben wir nicht auch genug Grund zum Danken – gerade jetzt in Corona-Zeiten? Wie werden wir doch in unserem Land gut versorgt, die Zahl der in Verbindung mit dem Virus Gestorbenen ist, verglichen mit anderen Ländern, relativ niedrig, wir haben ein gut funktionierendes Gesundheitssystem-. Sicher gibt es manches zu kritisieren, doch scheint mir der Dank zu kurz zu kommen. Gerade als Christen wollen wir neben der Fürbitte und der praktischen Hilfe das Danken nicht vergessen.

In einem Brief aus der Gefangenschaft schrieb 1943 Dietrich Bonhoeffer: „Jedenfalls lernt man in solchen Zeiten, dankbar zu werden, was hoffentlich nicht wieder vergessen wird. Denn im normalen Leben wird es einem oft gar nicht bewusst, dass der Mensch unendlich mehr empfängt als er gibt und dass erst Dankbarkeit das Leben reich macht.“

Danken wir also in guten und auch in schwierigen Zeiten und stimmen wir so ein in das „neue Lied“.

Liebe Gemeinde, lassen wir uns heute neu ermutigen zu dem Neuen, das Gott schafft:

1. Der neue Mensch   2. Die neue Gemeinschaft   3. Das neue Lied. Amen.

Lied: Evang. Gesangbuch Nr. 302, Str. 1.2.5.8: Du meine Seele, singe

Gebet:

Lieber Vater im Himmel, wir danken dir für diesen Tag und bitten dich um deinen Segen für die vor uns liegende neue Woche. Wir freuen uns und danken dir von Herzen für deine Zusage an uns Menschen und an die ganze Schöpfung. Gib uns Mut, dir zu vertrauen.

Wir bitten dich für unsere ganze Gemeinde. Für die jungen Familien, die sich über ihre Kinder freuen. Schenke ihnen eine gute Zeit und Weisheit bei der Erziehung ihrer Kinder, gerade in der jetzigen Zeit. Wir danken dir an diesem Tag, dem „Muttertag“, auch für die Mütter und all ihre Liebe und Hingabe, und bitten um deinen Segen für sie.

Wir bitten dich für die Kranken und Leidtragenden. Rühre sie an, lass sie spüren, wie wertvoll sie dir sind. Sei besonders bei denen, die durch das Coronavirus infiziert sind, und gib ihnen Heilung. Tröste alle, die einen geliebten Menschen durch den Tod verloren haben.

Wir bitten dich für unser Land. Du kennst die Fragen und Sorgen, die die Menschen bewegen. Sei nun bei den Menschen, die kurzarbeiten müssen oder die Angst haben, ihren Arbeitsplatz zu verlieren. Wir befehlen dir die alten Menschen an, die langeunter der Isolation und Einsamkeit gelitten haben: Hilf, dass sie durch den Kontakt mit ihren Angehörigen und Freunden neu aufleben können. Gib den Politikern und Verantwortungsträgern Weisheit und Klarheit, dass sie Entscheidungen zum Wohl der Bevölkerung treffen. Vergib, wo immer nur das Schlechte in den Mittelpunkt gerückt und dabei das Gute verdrängt wird, denn du hast uns so viel Gutes gegeben. Lass uns das erkennen und dankbar entfalten.

Wir beten für deine leidende und verfolgte Gemeinde in vielen Teilen der Erde: Stärke sie im Glauben und lass sie festhalten am Bekenntnis zu Jesus Christus.

Verbunden mit allen Christen auf Erden rufen wir dich an:

Vaterunser

Segen:
Der Herr segne dich und behüte dich.
Der Herr lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig.
Der Herr erhebe sein Angesicht auf dich und gebe dir Frieden.
So segne und bewahre dich der allmächtige und barmherzige Gott,
der Vater, der Sohn und der Heilige Geist.
Amen.

Herzlich grüßt Sie, liebe Gemeinde, Ihr Pfarrer Hans Weghorn

Der erste Gottesdienst, den wir wieder
in unserer Kirche feiern,
findet statt an
Christi Himmelfahrt, 21. Mai um 9.30 Uhr!