Predigt für den Sonntag Misericordias Domini (Sonntag vom Guten Hirten) 26.04.2020

Predigttext: 1. Petrus 2,21-25:

21 Christus hat für euch gelitten und euch darin ein Beispiel hinterlassen. So folgt seinen Fußspuren!
22 Er hat keine Sünde getan; Betrug hat man aus seinem Munde nicht vernommen.
23 Er wurde geschmäht, doch er schmähte nicht wieder. Als er leiden musste, drohte er nicht, sondern stellte es Gottes gerechtem Gericht anheim.
24 Er hat unsere Sünden selbst am eigenen Leibe auf das (Fluch-)Holz hinaufgetragen, damit wir, tot für unsere Sünden, für die Gerechtigkeit leben. Durch seine Wunden seid ihr geheilt!
25 Wie umherirrende Schafe seid ihr gewesen; jetzt aber habt ihr euch zu eurem Hirten bekehrt, der euer Leben behütet.

Liebe Gemeinde,

„Only sheep need a leader“, konnte man in einer deutschen Großstadt auf ein Haus gekritzelt sehen. „Nur Schafe brauchen einen Leiter/Führer“ (oder: Hirten). Der Mensch, der das draufgeschmiert hatte, meinte sicher: Ich bin doch kein Schaf, dass ich mich einem Führer anvertraue. Ich nehme mein Leben in die eigene Hand, was brauch ich da einen, der mich führt oder gar gängelt? Wer weiß, wo der mich hinführt? Gerade in Deutschland hat man da absolut negative, zerstörerische Erfahrungen gemacht. In wenigen Tagen begehen wir den 75. Jahrestag des Endes des 2. Weltkriegs, das ja eine schreckliche Diktatur unter einem sogenannten „Führer“ beendete.

Heute aber, am Sonntag des „Guten Hirten“, wird uns neu der vor Augen gemalt, dem man sich absolut anvertrauen kann: Jesus Christus, der von sich sagte: „Ich bin der gute Hirte.“ Hier im heutigen Predigttext wird er genannt der „Hirte, der euer Leben behütet“. Jesus begegnet uns heute neu auf unserem Lebensweg und will uns ermutigen, den Weg mit ihm zu gehen.

Dieser Abschnitt ist an Menschen geschrieben, die ohne Gott gelebt haben und auf dem falschen Weg waren, die diesem Hirten begegnet sind und jetzt mit ihm leben und auf dem besten Weg sind.

1. Ohne den Hirten – auf dem Irrweg

„Wie umherirrende Schafe seid ihr gewesen“, schreibt Petrus. Das ist ein Bild der Bibel für die Desorientierung des Menschen. „Wir gingen alle in die Irre wie Schafe, ein jeder sah auf seinen Weg“, sagt der alttestamentliche Prophet (Jesaja 53). Das ist die Realität der Menschen, die ohne Jesus Christus leben: Sie leben am letzten Sinn und Ziel vorbei. Egal, ob einer „das Leben in vollen Zügen genießt“, sich alles nimmt, was er kann, ohne Rücksicht auf andere; oder ob einer anständig und bürgerlich sein Leben führt, aber ohne Jesus. Die Bibel sieht die Situation des Menschen schonungslos: Ohne Jesus geht man in die Irre und kommt nicht am Ziel an.

Auf einem Mitarbeiterausflug meiner früheren Gemeinde besuchten wir ein barockes Schloss und gingen dann im dazugehörigen „Irrgarten“ umher. Da gab es wunderschöne Wege, von Hecken umzäunt, alles kunstvoll angelegt. Doch man landete immer wieder in einer Sackgasse und musste dann umkehren, kam dann wieder an einen Punkt zurück, wo man vorher schon gewesen war. Man kam nicht voran, weil man den Überblick nicht hatte. Das wurde mir damals ein Bild für unser Leben: für das Leben ohne Christus. Ohne ihn ist das Leben orientierungslos und führt nicht zum Ziel.

Das haben mir schon öfter Menschen gesagt, die zum Glauben an Jesus gefunden haben: Im Rückblick erkenne ich, wie mein Leben ohne Sinn und Ziel war, bevor ich Jesus näher kennenlernte und er mir den Weg gezeigt hat.

2. Der Hirte: sein Weg zu uns und für uns

Weil Gott weiß, wie es um uns Menschen steht, und weil er uns liebt, lässt er uns nicht ins Verderben laufen. Er setzt alles daran, uns zu retten und zu helfen.

Bleiben wir im Bild des Irrgartens: Dort gab es eine erhöhte Plattform, von der aus man einen guten Überblick über den Irrgarten und seine Irrwege hatte – und über den richtigen Weg. Wer auf diese Plattform hinaufstieg, konnte den Umherirrenden Anweisungen geben, wie sie herausfinden. – So hat Gott den großen Überblick über das Leben und die Irrwege seiner Menschen. Aber das Wunderbare ist: Er bleibt nicht „oben“, sondern er begibt sich durch Jesus selber hinein in das Gewirr unseres Lebens, in die Irrwege, er kommt zu uns und zeigt uns den Weg.

Jesus geht uns voraus: einen Weg des Leidens. Ja, er ist sozusagen in diesem Irrgarten „auf der Strecke geblieben“, in den Tod gegangen. „Christus hat für euch gelitten“, schreibt Petrus. Er ist den Weg zum Kreuz gegangen, zum „Fluchholz“, wo er unsere Sünden getragen hat. Unter den Belastungen und ‚Verfehlungen, den Irrwegen unseres Lebens ist er zusammengebrochen und gestorben. Am Kreuz nahm er das Gericht Gottes für unsere falschen Wege auf sich, damit unser Leben in Ordnung kommt: „Durch seine Wunden seid ihr geheilt!“ (Vers 24)

Wir haben jetzt in der Zeit der Ausbreitung des Corona-Virus bewegende Schicksale mitverfolgen können von Menschen, die schwer erkrankt auf die Intensivstation eingeliefert wurden. Man hat unter Aufbietung aller Kraft um ihr Leben gekämpft und alles gegeben. Was für eine Freude, wenn solche Patienten nach Wochen wieder gesund wurden und unter Applaus als geheilt aus dem Krankenhaus entlassen werden konnten! – Jesus hat unter Aufbietung all seiner Kraft, mit dem Einsatz seines Lebens, uns vom tödlichen Virus der Sünde geheilt und uns den Weg zum ewigen Leben bereitet. Das Leben wird dann „heil“, wenn man zu diesem „Hirten“ Jesus gehört und den Weg mit ihm geht. Darum gilt:

3. Mit dem Hirten, dem Hirten nach: der beste Weg

Das haben die Christen damals erfahren: „Wie umherirrende Schafe seid ihr gewesen; jetzt aber habt ihr euch zu eurem Hirten bekehrt, der euer Leben behütet.“ Sie wandten sich bewusst vom falschen Weg ab und Jesus zu. Das ist „Bekehrung“: seinen bisherigen Lebensweg, den man ohne Jesus gegangen ist, bereuen, sein Leben bewusst Jesus anvertrauen und mit ihm leben.

Unser Text drückt es auch so aus: „Folgt seinen Fußspuren!“ (Vers 21) Bleibt sozusagen in der Spur Jesu. Es ist wie beim Aufstieg auf einen Berg im Schnee: Man muss auf dem gespurten Weg in den Fußspuren des Führers bleiben. Nur, dass das beim Christsein nicht immer wie ein „Aufstieg“ ist, sondern manchmal wie ein „Abstieg“ erscheint. Der Weg Jesus nach ist nicht immer leicht, weil er mit Leiden verbunden sein kann. Das war auch die Situation der Christen, an die Petrus schrieb: Sie lebten in einer Umwelt, in der christliche Maßstäbe nichts galten. Es kam zu Benachteiligungen von Christen, zu Ausgrenzungen. Manche Christen waren Sklaven und mussten Unrecht leiden. Petrus ermutigt sie, den Weg Jesu zu gehen und zu segnen statt zu fluchen, Liebe zu üben statt Rachegedanken zu pflegen.

Gottes Wort ermutigt auch uns, nach dem Vorbild Jesu zu leben, seinen Spuren zu folgen. Denn es gilt: Wir sind “tot für unsere Sünden“ und “leben für die Gerechtigkeit“ (Vers 24). Jesus gibt Kraft dazu, wenn wir in Verbindung mit ihm bleiben. So erzählte jemand, der in der Arbeit von Kollegen gemobbt wurde, so dass es kaum auszuhalten war: Im Hausbibelkreis beteten andere immer wieder mit ihm und für ihn. Und dann änderte sich die Situation zum Besseren!

Jesus verspricht seinen Leuten nicht, dass immer alles „glatt geht“. Es können Schwierigkeiten auftreten, es kann Widerstand gegen den Glauben geben, es kann zu Benachteiligungen kommen. Aber Jesus gibt Kraft und die richtige Haltung der Liebe und Vergebung, dass wir seinen Spuren folgen, seinen Weg gehen und am Ende ans Ziel gelangen. So wie der Tagespsalm 23 es ausdrückt: „Und ob ich schon wanderte im finsteren Tal, fürchte ich kein Unglück, denn du bist bei mir, dein Stecken und Stab trösten mich… und ich werde bleiben im Hause des Herrn immerdar.“

Lassen wir uns heute neu ermutigen, den Weg zu Jesus und mit Jesus zu gehen. Denn er ist der „Hirte, der euer Leben behütet“. Er hat sein Bestes gegeben, sein eigenes Leben, und er gibt uns, auch in Schwierigkeiten, immer neu das Beste und bringt uns ans Ziel. Amen

Lied: Evang. Gesangbuch Nr. 594: Der Herr, mein Hirte, führet mich

Gebet:

Herr Jesus Christus, du bist zu uns Menschen gekommen und unseren Weg gegangen. Wir danken dir für dein Leiden und deine Hingabe bis zum Schluss. Wir danken dir, dass du den Tod überwunden hast und wir unsere Bitten an dich richten dürfen:

Wir bitten dich für deine Kirche und die Gemeinden, dass sie zu Orten werden, wo Menschen Orientierung und Geborgenheit finden. Hilf, dass viele Menschen sich abwenden vom falschen Weg, den sie ohne dich gehen, und sich dir zuwenden.

Wir haben heute gehört: „Durch seine Wunden seid ihr geheilt.“ So bitten wir dich für alle, die Heilung innerer und äußerer Art brauchen. Sei bei den körperlich Kranken, besonders bei denen, die vom Corona-Virus betroffen sind. Bewahre ihr Leben und gib allen, die sie behandeln und pflegen, Kraft genug für ihren Dienst. Steh den seelisch Belasteten bei, heile ihre inneren Wunden und richte sie auf. Gib denen, die auch nun in dieser Corona-Zeit einen Menschen durch den Tod verloren haben, Trost und Beistand durch dein Wort. Lass sie erfahren, dass du für sie da bist und dass andere Menschen an sie denken.

Wir bitten für alle, die öffentliche Verantwortung tragen: Lass sie die richtigen Entscheidungen treffen zum Wohl der Bevölkerung.

Und wir bitten um Frieden in unserer Welt, in der die Kriege und bewaffneten Konflikte in so vielen Ländern weitergehen. Mache dem Hass und der Gewalt ein Ende und berufe dir Menschen, die sich für den Frieden einsetzen.

Sei auch bei deiner verfolgten Gemeinde in vielen Teilen unserer Erde. Gib ihnen die Haltung der Liebe und des Vergebens gegenüber denen, die ihnen Böses tun.

Wir danken dir, dass du der gute Hirte bist und dass dein Wort gilt: „Der Herr ist mein Hirte; mir wird nichts mangeln.“ Amen.

Vaterunser

Segen:
Der Herr segne dich und behüte dich.
Der Herr lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig.
Der Herr erhebe sein Angesicht auf dich und gebe dir Frieden. Amen.

Eine gute, behütete und gesegnete Woche wünscht Ihnen
Ihr Pfarrer Hans Weghorn