Predigt am 21. Sonntag nach Trinitatis 24.10.2021

über Matthäus 10,34-39

Jesus spricht:

34 Ihr sollt nicht meinen, dass ich gekommen bin, Frieden zu bringen auf die Erde. Ich bin nicht gekommen, Frieden zu bringen, sondern das Schwert.

35 Denn ich bin gekommen, den Menschen zu entzweien mit seinem Vater und die Tochter mit ihrer Mutter und die Schwiegertochter mit ihrer Schwiegermutter.

36 Und des Menschen Feinde werden seine eigenen Hausgenossen sein.

37 Wer Vater oder Mutter mehr liebt als mich, der ist meiner nicht wert; und wer Sohn oder Tochter mehr liebt als mich, der ist meiner nicht wert. 38 Und wer nicht sein Kreuz auf sich nimmt und folgt mir nach, der ist meiner nicht wert.

39 Wer sein Leben findet, der wird‘ s verlieren; und wer sein Leben verliert um meinetwillen, der wird‘ s finden.

Liebe Gemeinde,

wie ist es Ihnen gegangen beim Hören dieses Textes, dieser Worte von Jesus? Haben Sie vielleicht spontan gedacht: Was, das soll Jesus gesagt haben? Nie und nimmer! Unseren Jesus kenne ich völlig anders! Sind das nicht harte Worte, bei denen man zu Recht fragen kann: Wer kann die überhaupt hören und aushalten? Jesus soll gekommen sein, nicht um Frieden zu bringen, sondern „das Schwert“, also Krieg und Gewalt?

In der Geschichte wurden diese Worte von Jesus oft sehr wörtlich verstanden und von manchen Christen geradezu gewalttätig umgesetzt: In den Kreuzzügen des Mittelalters brachten die Christen nicht Frieden, sondern sie führten das Schwert. In den Religionskriegen des späten Mittelalters bis hin zum 30jährigen Krieg haben sich Protestanten und Katholiken wegen ihrer unterschiedlichen Ansichten gegenseitig abgeschlachtet. Und weltliche Machtinteressen vermischen sich bis heute mit den konfessionellen Gegensätzen – Nordirland ist da nur ein Beispiel von vielen.

Wenn wir also heute über die Selbstmordattentäter oder radikalen Sekten anderer Religionen den Kopf schütteln, dann müssen wir auch auf unsere eigene Geschichte schauen: Auch im christlichen Glauben gibt es Menschen, die ohne Sinn und Verstand – und vor allem ohne Liebe – einzelne Worte der Bibel für ihre Zwecke oder für ihren falschen Eifer missbrauchen. Leider bietet auch unser heutiger Text für einen solchen Missbrauch Raum.

Demgegenüber ist entscheidend an diesem Text, wer hier spricht. Jesus sagt nicht: „Geh hin, bring Unfrieden in die Welt und zerstreite dich mit deiner Familie“, sondern: Ich bin nicht gekommen, Frieden zu bringen… ich bin gekommen, den Menschen zu entzweien.

Das Ich ist hier entscheidend. Jesus ist es, der diese Worte sagt, und Jesus spricht hier von sich selbst. Er spricht diese Worte, weil er weiß, was es bedeuten kann, sich zu ihm zu bekennen: Wer an ihn glaubt, der hat es deshalb nicht automatisch leichter. Wer sich am Glauben festhält, für den kann es auch ungemütlich werden – das ist die Botschaft, die dieses Wort uns zunächst einmal mitteilt.

Und diese Unterscheidung ist wichtig: Es geht nicht um eine Aufforderung, mit anderen über den Glauben zu streiten, sondern es ist eine Feststellung: Wer sich auf den Glauben einlässt, muss auch mit Problemen rechnen.

Wer Jesus nachfolgt, mit ihm lebt, wird nicht immer von seinen Mitmenschen „in Frieden gelassen“ werden. Dieses Schwert, von dem Jesus hier redet, das ist nicht das Schwert, das etwa die Jünger von Jesus in die Hand nehmen sollten, um ihren Glauben zu verteidigen oder gar auszubreiten. Das hat uns Jesus klipp und klar verboten. Nein, das Schwert, von dem Jesus redet, ist das Schwert der Menschen, die Jesus und seine Nachfolger auslöschen wollen. Es ist das Schwert der Verfolger. Und diese Mächte hat es immer schon gegeben. Und das bis in unsere Tage: In keinem Jahrhundert sind so viele Menschen getötet worden wegen ihres Vertrauens auf Jesus wie in dem 20. Jahrhundert, das die allermeisten von uns unterschiedlich intensiv miterlebt haben.

In vielen islamischen Staaten machen Christen bis heute solche handfesten

Ablehnungserfahrungen. Aber auch in Ländern wie Nordkorea oder Vietnam und selbst in China, dem Land, in dem unsere Handies und viele andere Gerätschaften des täglichen Bedarfs gefertigt werden. Unser großer Wirtschaftspartner unterdrückt vielerorts Menschen, die Jesus nachfolgen, und in manchen Provinzen verfolgt er sie sogar.

Für die ersten Christen zurzeit Jesu waren die Probleme offensichtlich. Wer sich taufen ließ, wandte sich damit von seiner ursprünglichen Religion ab – und das war natürlich auch die Religion der eigenen Familie. Christen nahmen nicht mehr am staatlichen Kaiserkult teil, bei dem der Kaiserstatue Rauchopfer dargebracht wurden. Bestimmte Ämter, zum Beispiel beim Militär oder in der kaiserlichen Verwaltung, konnten Christen nicht wahrnehmen – und da hing dann oft die finanzielle Existenz der ganzen Familie dran. Ganz abgesehen von der gesellschaftlichen Ächtung, die die Mitgliedschaft in so einer neuen Religion ganz automatisch mit sich brachte. Konflikte innerhalb der Familie wie auch mit der Obrigkeit waren also vorprogrammiert. Und häufig vollzog sich damit auch eine Trennung von den Familienmitgliedern, die weiterhin dem heidnischen Kaiserkult anhingen.

Das ist der Grund, warum Jesus hier das Bild der Familie verwendet: Er weiß um die Konflikte, die gerade in Familien aufbrechen können, und er macht deutlich, dass der Glaube an ihn kein Hobby, sondern eine Lebensentscheidung darstellt: Mit dem christlichen Glauben wird eine Lebensorientierung eingeschlagen, die Konsequenzen hat. Der christliche Glaube hat für die, die diesen Glauben ernst nehmen, Konsequenzen.

Aber Jesus kann ja nicht meinen, dass man sich mutwillig von seinen Eltern trennen soll und die Familienbeziehungen aufgibt. Im Gegenteil: Jesus steht zu den Geboten, gerade auch zum 4. Gebot, wo es heißt: „Du sollst deinen Vater und deine Mutter ehren…“ Wie wichtig ist das doch gerade in unserer Zeit, wo immer mehr Ehen und Familien kaputtgehen, wo alte Menschen oft nicht mehr ernst genommen werden. Ursprünglich und eigentlich bezieht sich das 4. Gebot ja darauf, dass man seine alten Eltern ehren soll.Starke, gesunde Familien-beziehungen sind doch unendlich viel wert. Danach sehnen sich viele Menschen. Und in der christlichen Gemeinde können solche Familien ausstrahlen, einladend sein, bis dahin, dass Kinder aus zerbrochenen Familienverhältnissen Heimat und Geborgenheit in solchen Familien finden.

Aber es kann zum Konflikt kommen mit der eigenen Familie wegen des Glaubens an Jesus. Die Frage ist, was einem wichtiger ist, was, oder besser gesagt, wer die Priorität im Leben hat; wen wir mehr lieben: „Wer Vater oder Mutter mehr liebt als mich“, sagt Jesus, „der ist meiner nicht wert; und wer Sohn oder Tochter mehr liebt als mich, der ist meiner nicht wert.“ Die Frage: Ist Jesus der Wichtigste in meinem Leben? Oder ist er nur so ein Begleiter, den ich ab und zu mal zu Rate ziehe, wenn ich ihn brauche, oder jemand, der mir feierliche Stunden verschönert; aber ansonsten bleibe ich mein eigener Herr und gehe meine eigenen Wege?

Bis heute gibt es Familienkonflikte wegen des Glaubens an Jesus. Das ist so in Ländern und Kulturen, wo der Familienzusammenhalt das Höchste ist, wo  der familiäre Zusammenhalt die Sozial-, Renten- und Unfallversicherung der Menschen darstellt. Hier kann einem, der Christ geworden ist, die Ablehnung durch die Familie oder gar der Rausschmiss drohen. Und dann wird ihm der Boden unter den Füßen weggezogen. Die Furcht vor dieser Folge stellt in solchen Traditionen und Ländern die größte Hürde für die Jesusnachfolge dar. In vielen orientalischen und afrikanischen Ländern ist das der Fall.

Bei uns in den „westlichen“ Wohlstandsländern sind die eng geknüpften Familienbande vom Individualismus aufgelöst worden. Aber auch hier kann in der Familie Gegnerschaft entstehen und Familienglieder isolieren. Das hat dann zwar nicht die dramatischen Folgen wie in der Zeit von Jesus und in vielen Ländern Asiens und Afrikas; den Verlust jeder sozialen Absicherung werden hier die wenigsten zu befürchten haben. Aber es können durchaus Eltern-Kind-Bindungen brechen und Ehen erschüttert werden. Hier einige wirklich erlebte Beispiele, die ich nicht nur angelesen oder gar erfunden habe:

– Da ist eine Konfirmandin. Ihre Familie kann gar nicht verstehen, dass sie es nicht, wie viele Mitkonfirmanden, beim Konfirmationsgottesdienst und der Konfirmationsfeier bewenden lässt, und sich vom Kirchengemeinde-leben verabschiedet. Nein, sie lässt sich nicht „hinauskonfirmieren“, sondern besucht die Angebote der Jugendarbeit und wird schon bald zur wichtigen Mitarbeiterin im Kindergottesdienst und im Jungscharteam. Und sie geht auch sonst zu sämtlichen Veranstaltungen ihrer Kirchengemeinde, wann immer sie Zeit hat. Richtige Begeisterung, die vor ihrer Konfirmandenzeit so nicht da war! Die Familie reagiert mit Verständnislosigkeit über so viel »übertriebene Frömmig-keit« und lässt sie das immer wieder spüren. So meinte ihr Vater: „Hör mal, Mädel, wenn du mir jetzt extrem religiös wirst, dann verbiete ich dir den Besuch der Kirchenveranstaltungen!“

– Da ist ein junger Offizier und Familienvater, der ganz frisch zu Jesus gefunden hat und nun das dringende Bedürfnis hat, mehr zu lernen über Gott, das Wort Gottes zu hören, mit anderen Christen Gemeinschaft zu haben in Gottesdienst und Hauskreis. Aber seine Frau kann mit Jesus nichts anfangen und appelliert an sein Pflichtbewusstsein: „Was? Jeden Sonntag in den Gottesdienst? Und was wird aus deiner Familie? Sonntag ist Familientag!“

– Da ist zum Beispiel der junge Kirchenvorsteher. Beruflich dazu ausgebildet und schon früh darauf vorbereitet, den vom Vater aufgebauten Handwerksbetrieb zu übernehmen und in der Familie zu halten. Doch eben dieser berufene »Kronprinz« im Familienbetrieb fühlt sich während seines kirchlichen Engagements immer deutlicher dazu geführt, eine theologische Ausbildung zu beginnen. Er möchte vollzeitlicher Gemeindemitarbeiter werden für die Mission in der Ferne oder die Jugendarbeit in der Heimat. Der größte Wunsch des Vaters, den Sohn im eigenen Betrieb zu sehen, zerbricht. Und damit über geraume Zeit auch die Vater-Sohn-Beziehung.

Ein Beispiel, in dem die Nachfolge von Jesus das Berufsziel verändert, was Menschen, die Jesus nicht kennen, nicht verstehen und nicht unterstützen. Aber auch dann, wenn unsere Nachfolge am Berufsleben nichts ändert, und das gibt es selbstverständlich auch, dann kann es in der Familie zur Ablehnung oder zum Spott kommen: „Was? Du liest in der Bibel? Du arbeitest in deiner Kirchengemeinde mit? Du erzählst uns und anderen von Jesus? Werd uns mal bloß nicht extrem!“

Ich komme noch einmal auf das 4. Gebot zurück: „Du sollst deinen Vater und deine Mutter ehren, auf dass du lange lebest im Lande, das dir der Herr, dein Gott, geben wird.“ Ein ganz wichtiges Gebot, das uns verpflichtet. Aber in der Nachfolge von Jesus findet der Gehorsam den Menschen gegenüber immer dann die Grenze, wo wir ungehorsam gegenüber Jesus werden und wo wir andere Menschen und andere Dinge an den ersten Platz unseres Lebens setzen, der Jesus gehören soll. Das betrifft die Loyalität dem Staat gegenüber, aber auch das Hören auf Freunde und Familienglieder.

Freilich: Nur der Gehorsam soll verweigert werden. Aber auf keinen Fall die Liebe. Wenn uns die Nachfolge von Jesus von unserer Familie trennen sollte, dann soll die Liebe ihnen gegenüber nicht aufhören. Das gilt überhaupt für alle, die uns wegen Jesus willen meiden, ablehnen oder gar verfolgen. Ihnen soll immer unsere Vergebung, ja Liebe gelten. Gerade dann, wenn sie nicht erwidert wird.

Übrigens: Das Leiden und Dulden um Jesu willen soll nicht ohne Lohn bleiben. Jesus verspricht, dass er einmal den Beziehungsverlust und jeden anderen Verlust entschädigen wird: „Wer Häuser oder Brüder oder Schwestern oder Vater oder Mutter oder Kinder oder Äcker verlässt (also: verliert) um meines Namens willen, der wird es hundertfach (zurück-) bekommen und das ewige Leben ererben.“ (Matthäus 19,29) Amen.

Lied nach der Predigt:

Evang. Gesangbuch Nr. 394: Nun aufwärts froh den Blick gewandt