3. Advent 12.12.2021 Predigt über den Monatsspruch Dezember 2021

Sacharja 2,14: „Freue dich und sei fröhlich, du Tochter Zion! Denn siehe, ich komme und will bei dir wohnen, spricht der HERR.“

Liebe Gemeinde,

diese Worte ließ Gott seinem Volk Israel sagen, als es sich in schwieriger Lage befand: Sie waren aus dem babylonischen Exil, aus der Verbannung zurückgekehrt und mussten die zerstörten Städte wieder neu aufbauen. Und nicht nur um ihre eigenen Häuser und Anwesen sollten sie sich kümmern, sondern auch darum, dass der Tempel von Jerusalem wieder neu errichtet wird. Den hatten die Babylonier bei der Eroberung Jerusalems zerstört – eine Katastrophe für das Volk Gottes. Die Propheten Haggai und Sacharja riefen im Namen Gottes dazu auf, den Tempel neu aufzubauen. Denn die Leute waren zuerst einmal mit ihren eigenen Angelegenheiten beschäftigt (wie das nun mal so oft ist…). Es herrschte ja Wohnungsnot. Alles ging viel langsamer voran, als die Propheten es angekündigt hatten; Resignation machte sich breit.

In diese Lage hinein spricht der Prophet Sacharja diese Worte, die uns im Monat Dezember begleiten: „Freue dich und sei fröhlich, du Tochter Zion! Denn siehe, ich komme und will bei dir wohnen, spricht der HERR.“

Als christliche Gemeinde nehmen wir diese Worte im Advent 2021 auch für uns – in einer Lage, die nicht einfach ist: Die Corona-Inzidenzzahlen steigen; viele Schwerkranken liegen auf den Intensivstationen. Wie werden wir Weihnachten feiern?

Hören wir diese Worte als Adventszusage auch an uns heute! Gott will nicht nur bei seinem Volk Israel, bei „Zion“, wohnen, sondern auch bei uns. Gerade heute, am Kirchweihsonntag der Christuskirche Neun-kirchen, lassen wir uns das ganz neu sagen!

Gott möchte bei uns wohnen. In jeder Stadt, in fast jedem Dorf in Deutschland haben wir eine Kirche. Einen Raum, der viele Wochen im Jahr nur am Sonntagvormittag besucht ist. Wenn wir so wollen, einen ausgesparten Platz, eine bewusste Leerstelle, ein Haus Gottes. Um deutlich zu machen: Auch bei uns soll Gott wohnen. Er soll einen Platz haben.

Wenn Gott unter uns wohnt, dann ist er nicht mehr der ferne Gott, weit weg von uns. Friedrich Schiller dichtete: „Droben überm Sternenzelt muss ein lieber Vater wohnen.“ Ja, aber dieser Gott ist uns ganz nahe gekommen, so nahe, dass es in der Bibel heißt: „Das Wort wurde Fleisch (= Mensch) und wohnte unter uns.“ (Johannes 1,14). Damit ist Jesus gemeint, der unter uns Menschen war. An Weihnachten feiern wir wieder seine Ankunft, sein Wohnen bei uns Menschen. Jesus berührte die Erde und uns Menschen nicht wie eine Tangente, sondern er ließ sich auf uns ein, er lebte mit uns Menschen, war für uns, litt mit uns und für uns. Er „wohnt“ also auch da, wo wir in unserer Not nicht mehr weiterwissen, und will unser Helfer sein. Ja, er ist „nur ein Gebet weit von uns entfernt“, wie einmal jemand sagte. Es ist gut, heilsam, mit diesem „Mitbewohner“ Kontakt aufzunehmen und zu halten.

„Ich komme und will bei dir wohnen.“ Würden wir uns freuen, wenn Gott bei uns wohnen wollte? Vielleicht würden wir sagen: „Wir räumen schön auf für Weihnachten, weil die Kinder kommen, oder die Eltern und Großeltern. Vielleicht sogar Onkel und Tante, oder Nichten und Neffen.“ Es sieht zumindest auf den ersten Blick bei uns tipp-topp aus. Aber Gott, wenn du bei uns wohnen wolltest, dann würde ich schon gern vorher noch den Dachboden und den Keller aufräumen und meine Geldangelegenheiten sortieren. Es gibt da noch bestimmte Ecken in meiner Wohnung und in meinem Leben, die ich noch vorher gern in Ordnung bringen würde. Könntest du nicht ein bisschen später kommen? Vielleicht im Frühjahr oder im Sommer?

Gott möchte nicht in eine steril aufgeräumte Wohnung kommen. Er hat damals sein Kommen angekündigt, als Jerusalem noch ein Schutt-haufen war. Er ist damals in Bethlehem auf die Welt gekommen, als Judäa eine römische Provinz war. Das war nicht aufgeräumt, das war besetztes Land. Wer weiß, wie es bei Ihnen aussieht? Ob alles wohl geordnet ist? Beruflich, familiär, gesundheitlich? Wie sieht es aus mit der Beziehung zu unseren Nachbarn? Zu unserer Schwester, unserem Bruder, unserem Sohn, unserer Tochter? Alles im Lot? Alles im Reinen?

Ob wir das Wort, das den Jerusalemern damals gesagt wurde, auch für uns hören können? „Freue dich und sei fröhlich. Denn siehe, ich komme und will bei dir wohnen.“ Öffnen wir uns für Jesus! Er kommt, um mit anzupacken, damit unsere Baustellen in Ordnung kommen. Er ist der Heiland. Er ist der, der Zerbrochenes heilen kann. Er kam auf diese Welt, um uns von Schuld und Sünde zu befreien.

„Wolle mer se reilasse?“, fragt man an Fasching. Wollen wir ihn rein-lassen? Darf er bei uns wohnen? Heute, 2021, bei uns in Neunkirchen? Bei mir, so wie ich mich eingerichtet habe?

Paul Gerhardt bittet ihn geradezu: „Eins aber, hoff ich, wirst du mir, / mein Heiland, nicht versagen: / dass ich dich möge für und für / in, bei und an mir tragen. / So lass mich doch dein Kripplein sein; / komm, komm und lege bei mir ein / dich und all deine Freuden“ (EG 37, 9).

Wenn Gott unter uns wohnt, dann will er nicht nur ein flüchtiger Gast für ein paar Tage sein, sondern „Dauerbewohner“. „Gott wohnt, wo man ihn einlässt.“ (Martin Buber) Er will Raum haben im Haus unseres Lebens, ich sage persönlich: in meinem Leben; er will Raum haben in unserem Zusammenleben, in unserer Kirchengemeinde. Er will derjenige sein, der das Sagen hat, der der Wichtigste ist, die „Nummer 1“. Das ist sein Anspruch auf unser Leben. Darum ist es gut, wenn wir ihm unser ganzes Leben zur Verfügung stellen, wenn wir auf sein Wort hören und in der Gemeinschaft seiner Gemeinde bleiben.

Gott will in unserer Gemeinde „wohnen“. Heute, am Kirchweihtag spricht er es uns zu. Das ist doch eine gewaltige Zusage, denn wer sind wir schon? Wir kommen uns vielleicht oft schwach und unschein-bar vor, „überschaubar“ an Zahl, gerade in der Zeit der Pandemie. Doch gerade bei solchen Menschen lässt Gott sich nieder, mit ihnen macht er Geschichte. In seinem ersten Brief an die Korinther schreibt Paulus an eine Gemeinde, die wahrlich nicht die „Vorbild-Gemeinde“ war: „Wisst ihr nicht, dass ihr Gottes Tempel seid und der Geist Gottes in euch wohnt?“ (1. Kor. 3,16) In Korinth gab es Konflikte und verschiedene Meinungen zu bestimmten Themen – und so ist das heute auch. Insbesondere zur Corona-Pandemie und den Regelungen und Bestimmungen können auch Christen in einer Gemeinde durchaus verschiedener Ansichten sein. Da gibt es Menschen, die überzeugt für die Impfung eintreten, und andere, die zögerlich sind. Jeder führt seine Argumente auf. Doch wir sollten daraus nicht eine Glaubensfrage machen, sondern zugeben, dass es unter Christen dazu verschiedene Stellungnahmen und Verhaltensweisen geben darf. Ich sage das als einer, der geimpft ist. Wir dürfen nicht zulassen, dass „Corona“, besser gesagt die unterschiedlichen Bewertungen der aktuellen Situation uns als Christen auseinanderbringen oder gar spalten. Suchen wir das Gespräch miteinander, halten wir uns zu den Gottesdiensten und den Möglichkeiten, die wir als Gemeinde haben, um uns zu treffen (auch „online/virtuell“). Verzichten wir nicht auf die Gemeinschaft der Christen, die so not-wendig/not-wendend ist! Lassen wir Gott auch in diesen Zeiten der Pandemie unter uns, in unserer Mitte wohnen und erfahren wir seine Nähe und alle Ermutigung, die er uns geben will!

Und dieses Wohnen Gottes ist nicht nur eine persönliche Sache, es betrifft auch nicht nur die christliche Gemeinde. Gottes Kommen in diese Welt hat eine universale Dimension. Und die deutet sich schon beim Propheten Sacharja an. Er sagt im Vers danach (Sacharja 2,15) : „Und es sollen zu der Zeit viele Völker sich zum Herrn wenden und sollen mein Volk sein.“ Man spricht später von der Völkerwallfahrt zum Zion. Alles nationale oder gar nationalistische Denken ist der Bibel, wenn man sie im Gesamten sieht, fern. Wir haben seit geraumer Zeit eine „Völkerwallfahrt“ nach Deutschland. Es ist keine Völkerwallfahrt zum Zion, sondern zum Euro und zur rechtsstaatlichen Gesellschafts-ordnung. Es ist eine Völkerwallfahrt in ein Land des Friedens und des Wohlstandes. Kann es womöglich noch mehr sein?

Den Menschen, die zu uns kommen, dürfen, sollen, müssen wir unseren Glauben bezeugen. Müssten wir nicht erzählen von dem Gott, der Mensch wird? Vom Kind in der Krippe. Und von dem Herrn, von dem der Seher Johannes am Ende der Bibel schreibt: „Siehe da, die Hütte Gottes bei den Menschen! Und er wird bei ihnen wohnen, und sie werden sein Volk sein und er selbst, Gott mit ihnen, wird ihr Gott sein. Und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein…“ (Offenbarung 21).

Das sind gewaltige Aussichten: Am Ende der Zeiten, wenn Gott seine Herrschaft endgültig aufrichten wird, wird er allem Leid ein Ende machen. Was wir jetzt nur bruchstückhaft erfahren, die Heilung von Krankheit, Trost in schweren Zeiten, die Bewahrung vor dem Tod, das gilt im zukünftigen Reich Gottes für immer. Mit Peter Strauch singen wir: „Noch verbirgt die Dunkelheit das Licht, und noch sehen wir den Himmel nicht. Doch die Zeit der Schmerzen wird vergehn, und dann werden wir den Vater sehen.“ (Neues Liederbuch, Nr. 59) Das sind gewaltige Aussichten für alle, die hier in diesem Leben sich für Gott öffnen und Jesus Christus bei sich wohnen lassen!

Und das ist Grund zur Freude: „Freue dich sehr und sei fröhlich…“ Nein, wir verschließen die Augen nicht vor der oft grausamen Wirklichkeit unserer Zeit… Aber wir dürfen wissen: Gott bleibt nicht fern, Er ist da auch mitten in den Schwierigkeiten, er gibt Mut und Hoffnung, schenkt Freude und lässt uns wissen, dass er bei uns wohnt. Amen.

So stimmen wir gerne ein in das schöne Adventslied:

Lied nach der Predigt: EG 13: Tochter Zion

Pfarrer Hans Weghorn, Neunkirchen am Sand