Gottesdienst am Letzten Sonntag nach Epiphanias 30.1.2022

Predigt über 2. Mose 34,29-35

29 Als nun Mose vom Berge Sinai herabstieg, hatte er die zwei Tafeln des Gesetzes in seiner Hand und wusste nicht, dass die Haut seines Angesichts glänzte, weil er mit Gott geredet hatte.

30 Als aber Aaron und alle Israeliten sahen, dass die Haut seines Angesichts glänzte, fürchteten sie sich, ihm zu nahen.

31 Da rief sie Mose, und sie wandten sich wieder zu ihm, Aaron und alle Obersten der Gemeinde, und er redete mit ihnen.

32 Danach nahten sich ihm auch alle Israeliten. Und er gebot ihnen alles, was der HERR mit ihm geredet hatte auf dem Berge Sinai.

33 Und als er dies alles mit ihnen geredet hatte, legte er eine Decke auf sein Angesicht.

34 Und wenn er hineinging vor den HERRN, mit ihm zu reden, tat er die Decke ab, bis er wieder herausging. Und wenn er herauskam und zu den Israeliten redete, was ihm geboten war,

35 sahen die Israeliten, wie die Haut seines Angesichts glänzte. Dann tat er die Decke auf sein Angesicht, bis er wieder hineinging, mit ihm zu reden.

Liebe Gemeinde,

manchmal strahlen wir über das ganze Gesicht. Wir strahlen vor Freude, wenn wir etwas Großartiges erleben oder etwas Besonderes geschenkt bekommen. Es gibt Menschen, die haben eine enorme Ausstrahlung, um die wir sie insgeheim beneiden. Und wer sehnt sich nicht danach: nach einem glanzvollen Leben mit glänzenden Aussichten?

Die Bibel sagt: Wir sind zum Abbild von Gott geschaffen, zu seinem Gegenüber: »Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde, zum Bilde Gottes schuf er ihn; und schuf sie als Mann und Frau« (1. Mose 1,27). Es ist unsere Bestimmung: vor ihm zu leben, mit ihm leben, ihn widerzu-spiegeln. Seine Wesensart und seine Eigenschaften: Er redet, ich antworte. Ich werde geliebt. Ich liebe. Er ist gut zu mir. Ich bin zu anderen gut. Mir wird vergeben, ich vergebe.

Wir sind dem Mond vergleichbar: Der Mond strahlt nicht von sich aus. Er

wird von der Sonne beschienen und reflektiert nur die Strahlen, die er von der Sonne aufgenommen hat. Das ist unsere Bestimmung. So wie es David ausdrückt: »Die auf Gott sehen, werden strahlen vor Freude, und ihr Angesicht soll nicht schamrot werden« (Psalm 34,6).

Aber die Geschichte der ersten Menschen, die im Glanz Gottes leben und diesen Glanz widerspiegeln und der Welt das Gesicht Gott zeigen sollen, nimmt kein gutes Ende. Als Adam und Eva abends ihren täglichen Termin mit Gott haben, weichen sie ihm aus. Wir hören: »Und Adam versteckte sich mit seiner Frau vor dem Angesicht Gottes des HERRN zwischen den Bäumen im Garten« (1. Mose 3,8). Die Fluchtbewegung los von Gott setzt sich fort und wird zum Normalzustand.

Von Kain wird erzählt: »So ging Kain hinweg von dem Angesicht des HERRN und wohnte im Lande Nod, jenseits von Eden, gegen Osten«

(1. Mose 4,16).

Seitdem müssen die Menschen selber glänzen. Sie müssen auf sich aufmerksam machen, sich in den Mittelpunkt stellen und sich selbst inszenieren. Das nimmt viele Formen an. Bei jungen Leuten kann das so aussehen, dass sie sich selbst fotografieren und die Selfies oder Erlebnisvideos dann auf Instagramm oder Tiktok posten. Sie freuen sich, wenn sie Bewunderung und Anerkennung in Form von möglichst vielen »Likes«, möglichst vielen Daumen nach oben bekommen. Später versucht man, eine glänzende Karriere hinzulegen oder den Glanz einer perfekten Wohnung in die eigenen vier Wände zu bekommen.

Aber immer wieder mache ich die gleiche Erfahrung: Der alte Glanz ist weg. Wir leben jenseits von Eden. Die erhoffte Anerkennung bleibt aus, die erträumte Karriere will nicht gelingen, und der vielzitierte Spruch: »Trautes Heim, Glück allein«, hält nicht, was er verspricht.

Auch der Mose aus der Bibel war früher jemand gewesen, der sich in seinem eigenen Glanz sonnte. Als Prinz von Ägypten stand er im Mittelpunkt der Bewunderung und des Interesses. Es gab nichts, was er sich nicht leisten konnte. Kein Wunsch blieb unerfüllt. Alle Türen standen ihm offen. Doch eines Tages wurde ihm bewusst, dass er von seiner Herkunft her kein Ägypter, sondern ein Hebräer war. Er sah, wie die Juden, seine Volksgenossen, im Land wie Sklaven behandelt wurden. Er sah mit eigenen Augen, wie einer auf der Baustelle von einem Aufseher halbtot geprügelt wurde. Nun kämpfte er für die Menschenrechte und setzte sich für sein Volk ein. Aber das ging schief. Mose wird zum Mörder und muss fliehen. Im Land Midian muss er 40 Jahre lang Schafe hüten.

Aber dann ruft ihn Gott. Gott macht ihm deutlich: »Jetzt bekommst du

eine neue Aufgabe. Ich will aus deinem Leben etwas machen. Du sollst dich dem Pharao von Ägypten entgegenstellen und mein Volk in die Freiheit führen.«

Es ist nun bewegend zu sehen, wie Gott aus einem Niemand jemand Großes machen kann. Wir meinen immer, wir müssten etwas Großes aus unserem Leben machen. Aber Gott sagt: »Ich lege den Glanz in dein Leben hinein. Durch mich sollst du glänzen.«

Tatsächlich gelingt es Mose, die Israeliten zu befreien. Sie sind unter seiner Führung unterwegs. Durch die Wüste geht es auf dem Weg in ein neues, von Gott verheißenes Land.

Aber dann ist Mose gescheitert. Sie kommen zum Berg Sinai. Das Volk lagert sich dort, und Mose verlässt das Volk, um auf dem Berg Gott zu begegnen und die Gebote und Ordnungen für das Volk entgegenzu-nehmen. Als er nach längerer Zeit mit den Gebotstafeln in der Hand wieder zurückkommt, muss er sehen, wie sein Volk Götzendienst betreibt.

Sogar sein eigener Bruder ist dabei. Sie haben sich einen Stier aus Gold gemacht. Sie tanzen um das Standbild, verehren es als Gott.

Jetzt, ganz am Ende, will Mose nicht mehr weitermachen. Aber dann hat Gott ihn noch einmal auf den Berg gerufen. Es kommt zu einer ganz besonderen Gottesbegegnung. Mose muss sich in eine Felsspalte stellen, und Gott zieht dann in seiner Herrlichkeit an ihm vorüber. Mose darf hinter Gott hersehen und die große Güte und Freundlichkeit Gottes erkennen. Voller Staunen ruft er aus: »HERR, HERR, Gott, barmherzig und gnädig und geduldig und von großer Gnade und Treue, der da Tausenden Gnade bewahrt und vergibt Missetat, Übertretung und Sünde« (2. Mose 34,6).

Ja, diese Barmherzigkeit, Geduld und große Gnade und Treue gilt uns allen. Ich darf dir das zurufen: Gott will seine ganze Macht in deinem Leben wirksam werden lassen. Da, wo du versagt hast, wo du ganz unten bist, da, wo der Lack weg ist und jeder Glanz von dir gewichen ist, da, wo du gescheitert bist, da kommt Gott zum Zug.

Und nun erlebt Mose die Herrlichkeit Gottes in seinem Leben. Alles beginnt mit einer großen Sehnsucht. Mose bittet Gott: »Lass mich deine Herrlichkeit sehen.« Nicht mehr mein eigener Glanz und meine eigene Herrlichkeit sollen strahlen. Ich möchte, dass dein Glanz und deine Herrlichkeit mich anstrahlen. Und dann kommt es zu dieser Begegnung mit Gott. Mose hat Gemeinschaft mit Gott. Er redet mit Gott, und Gott redet mit ihm. Gott stellt ihn auf einen Felsen. Er hat wieder guten Grund unter den Füßen. Er stellt ihn in eine Felsenhöhle und gibt ihm Schutz und Geborgenheit, und dann zeigt er ihm, wer er ist. Mose darf Gottes

Herrlichkeit sehen.

Mose steigt wieder vom Berg herunter und kommt zu seinem Volk. Nun steht er vor ihnen, die Gesetzestafeln in der Hand. Und Mose strahlt! Aber es ist nicht seine eigene Ausstrahlung. Es ist nicht sein eigener Glanz, der auf seinem Gesicht liegt, sondern der Glanz Gottes. Von ihm geht ein Leuchten aus, so stark, dass die Israeliten diesen Anblick kaum ertragen können. Später muss Mose sogar sein Gesicht mit einem Tuch verhüllen, damit die Israeliten den Glanz ertragen können.

Das Überraschende: Mose merkt nicht einmal, dass er so sehr strahlt. Das alles kommt so wenig von ihm selbst, sondern so sehr von Gott, dass er seine Wirkung nicht einmal bemerkt.

Und dann richtet Mose ein Zelt ein. Er nennt es »Zelt der Begegnung«. Es ist ein Zelt der Begegnung mit Gott. Immer wieder läuft Mose dorthin, um die Begegnung mit Gott zu suchen. Und immer, wenn er dort war, wird der Glanz, der von ihm ausgeht, erneuert.

Mehr als tausend Jahre später erleben viele Menschen Ähnliches, wie die Israeliten damals. Sie erleben es durch Jesus. Begeistert berichten sie später: »Wir sahen seine Herrlichkeit« (Johannes 1,14). Und auch: »Sein Angesicht leuchtete wie die Sonne« (Matthäus 17,2).

Wie damals Mose steigt jetzt Jesus auf einen Berg. Er nimmt drei seiner Jünger mit: Petrus, Jakobus und Johannes. Jesus redet mit seinem himmlischen Vater und betet. Auf einmal wird seine Gestalt verklärt.

Sein Körper leuchtet. Er ist eingetaucht in den Glanz eines überirdischen Lichtes.

Es ist alles ganz ähnlich wie damals und doch ganz anders. Jesus erhält kein neues Gesetz, sondern er begründet eine neue Beziehung. Die Jünger, die ihn begleiten, erstarren nicht vor Furcht. Sie zeigen große Freude und Begeisterung. Am liebsten wollten sie die Momente hier festhalten und für immer an diesem Ort bleiben. Jesus muss sich nicht verhüllen, sondern kann sich offen zeigen. Sie sahen seine Herrlichkeit: Und dann sehen sie sie immer wieder. Wie er Kranke heilt, Tote vom Tod auferweckt, die Naturgewalten beherrscht und Sünden vergibt. Welch ein Glanz!

Und wie können wir so etwas erleben? Es geht ganz ähnlich wie damals bei Mose und damals bei Jesus. Am Anfang steht die Sehnsucht nach der Herrlichkeit, die von außen kommt. Die Sehnsucht: »Herr, ich möchte in neuem Glanz erstrahlen.«

Mose hat gebeten: »Herr, lass mich deine Herrlichkeit sehen.« Die Jünger äußerten die Bitte: »Herr, zeige uns den Vater.« Seinen Jüngern antwortet Jesus: »Schaut mir ins Gesicht! Wer mich sieht, der sieht den Vater« (Johannes 14,9). Und dann sehen wir Jesus an. Wir machen einen Termin mit ihm. Ich reserviere mir Zeit für ihn und mich. Ich lese in der Bibel und lasse mich ansprechen und höre auf ihn. Ich rede mit ihm im Gebet und bleibe in seiner Gegenwart. Es ist so, wie wenn meine innere Batterie wieder ans Netz kommt und aufgeladen wird.

Ich fange an zu strahlen. Der Glanz der Herrlichkeit Gottes liegt auf mir. Ich merke das oft nicht einmal, denn es kommt nicht von mir selbst, sondern von ihm. Aber die anderen sehen es und bemerken es. Jesus sagt dazu: »Ihr seid das Licht der Welt, du bist das Licht der Welt. Du strahlst. Du strahlst mich und mein Wesen aus in die Welt hinein.«

Kurz nach seiner Ankunft in einem Missionsland sprach ein Missionar zum ersten Mal zu einer Gruppe von Dorfbewohnern. Er versuchte, ihnen das Evangelium vorzustellen. Als er den Herrn Jesus Christus beschrieb, zeigte er ihn als einen mitfühlenden, freundlichen, liebevollen und sorgenden Mann, der umherzog und Gutes tat. Während er sprach, bemerkte er, dass sein Vortrag ein vertrautes Lächeln auf die Gesichter seiner Zuhörer zauberte, und diese als Zeichen der Übereinstimmung mit dem Kopf nickten. Etwas erstaunt unterbrach er seine Rede und fragte: »Wisst ihr, wovon ich spreche?« Einer der Dorfbewohner erwiderte schnell: »Ja, du hast von einem Mann gesprochen, der früher immer zu uns gekommen ist.« Eifrig erzählten sie von einem Missionsarzt, der in ihr entlegenes Dorf gekommen war, um ihnen in ihren körperlichen Nöten zu dienen. Sein Leben war dem des Christus so ähnlich in Bezug auf die Sorge für die Menschen, dass sie den Herrn Jesus in ihm sahen. Dieser Christ spiegelte den Glanz, die Herrlichkeit und Freundlichkeit von Jesus wider.

Wie können wir wieder zurückfinden zu unserer eigentlichen Bestimmung, nämlich »Bild Gottes sein und seine Herrlichkeit widerspiegeln«? Das geschieht, wenn wir vor dem Herrn über seinem Wort sitzen. Wo wir dem Herrn alles bringen, unsere Not, unseren Ungehorsam, unsere Sünde. Wo wir erleben, wie er alles wegnimmt.

Manchmal sind es gerade kranke und schwache Menschen, die ganz vom Glanz der Herrlichkeit Gottes erfüllt sind. Sie merken gar nicht, wie von ihnen ein Glanz ausgeht. Aber andere merken es und sagen: »Der hat mir entscheidend geholfen. Der hat mir den Weg gezeigt zu Jesus.«

Es gibt viel Versagen in der Kirche. Aber da, wo Menschen Gottes Herrlichkeit entdeckt haben und davon erzählen, da spiegeln sie etwas wider von Gottes Güte und Liebe. Da, wo wir in der Not und Traurigkeit, in der wir sind, in die Not und den Jammer des Lebens diese Herrlichkeit hineinscheinen lassen, da werden andere staunen, wie ein Lichtschein in die Welt fällt. So wie Paulus im 2. Korintherbrief schreibt: »Wir alle aber spiegeln mit aufgedecktem Angesicht die Herrlichkeit des Herrn wider, und wir werden verwandelt in sein Bild von einer Herrlichkeit zur andern von dem Herrn, der der Geist ist« (2. Korinther 3,18). Amen.

Lied nach der Predigt: Du bist das Licht der Welt, du bist der Glanz, der uns unseren Tag erhellt

Pfarrer Hans Weghorn, Neunkirchen