Predigt am letzten Sonntag nach Epiphanias 31.1.2021

Predigt über 2. Petrus 1,16-21



16 Denn wir sind nicht irgendwelchen klug ausgedachten Geschichten gefolgt, als wir euch die machtvolle Ankunft Jesu Christi, unseres Herrn, verkündeten, sondern wir waren Augenzeugen seiner Macht und Größe.
17 Er hat von Gott, dem Vater, Ehre und Herrlichkeit empfangen; denn er hörte die Stimme der erhabenen Herrlichkeit, die zu ihm sprach: Das ist mein geliebter Sohn, an dem ich Gefallen gefunden habe.
18 Diese Stimme, die vom Himmel kam, haben wir gehört, als wir mit ihm auf dem heiligen Berg waren.
19 Dadurch ist das Wort der Propheten für uns noch sicherer geworden und ihr tut gut daran, es zu beachten; denn es ist ein Licht, das an einem finsteren Ort scheint, bis der Tag anbricht und der Morgenstern aufgeht in eurem Herzen.
20 Bedenkt dabei vor allem dies: Keine Weissagung der Schrift darf eigenmächtig ausgelegt werden;
21 denn niemals wurde eine Weissagung ausgesprochen, weil ein Mensch es wollte, sondern vom Heiligen Geist getrieben haben Menschen im Auftrag Gottes geredet.

Liebe Gemeinde,
Sie sind heute wahrscheinlich durch den Haupteingang in die Kirche gekommen. Warum? Weil der geöffnet ist, weil man das halt so macht und nicht durch die Sakristei hereinkommt (außer Mesner, Pfarrer. Lektor…). Man könnte also auch durch den anderen Eingang hereingehen.
Die ganz großen Kirchen, die Kathedralen haben viele Eingänge. Wer etwa das Ulmer Münster betreten will oder den Kölner Dom, der kann das durch zahlreiche Türen tun. Da gibt es breite Portale und schmale Seiteneingänge, enge Pforten und auch ausgesprochene Hintertüren. Egal wie und wo man eintritt, man befindet sich immer im gleichen Innenraum.

Ich möchte dieses Bild heute einmal für dieses Buch hier nehmen: für die Bibel. Die Bibel ist wie so ein Dom mit vielen Zugängen. Auch hier gibt es stattliche Portale, durch die man sich hineinlesen kann in die Bibel: die Psalmen, die Propheten, die Geschichten von Jesus in den Evangelien, der Römerbrief des Paulus. Und dann gibt‘ s auch eine Anzahl von Seiteneingängen: mit einem interessanten Blick auf Einzelheiten im Innenraum. Und schließlich gibt es auch einzelne schmale Nebentüren, die erst angebracht wurden, als das ganze Gebäude schon fertig war.

Wir wollen heute durch eine dieser „Nebentüren“ in den Raum der Bibel treten. Es ist der 2. Petrusbrief. Das ist wahrscheinlich der späteste Brief des Neuen Testaments. Der 2. Petrus-Brief ist in einer Zeit entstanden, in der es Probleme gab: Irrlehrer und falsche Propheten traten auf und rüttelten an den Grundlagen des christlichen Glaubens. Sie sagten: Na, das ist doch ein Märchen, dass Christus wiederkommen wird als der Herr – wo ist er denn geblieben? Die ersten Christen sind doch alle schon längst gestorben! Ihr müsst das alles „innerlich“, „geistig“ verstehen. Das Christsein spielt sich in erster Linie im Kopf ab. – Es kommt also gar nicht so drauf an, wie du lebst, wie du dich verhältst; du kannst so leben, wie du willst, du brauchst dich nicht an Gottes Ordnungen zuhalten; Hauptsache, du bist „geistig“ mit Gott verbunden; dann ist alles in Ordnung!

Ob wir uns nicht heute in einer ähnlichen Lage befinden? Wir leben doch auch in einer Zeit zunehmender Verunsicherung aller Werte des Lebens. Gerade in der christlichen Gemeinde merkt man das. Unser Glaube wird von allen Seiten her in Frage gestellt. Auf dem religiösen Jahrmarkt ist der christliche Glaube nur einer unter vielen, ein „Player“, und viele packen lieber woanders zu. „Euer Glaube? Alles Quatsch! Die Kirche hat versagt!“ Oder: „Wo ist denn Christus geblieben? Die Welt hat sich doch nicht grundlegend geändert!“
Solche Worte verunsichern; schleicht sich da nicht oft der Gedanke ins Herz: Wir Christen haben auf eine Illusion gesetzt, unsere Hoffnung ist nur ein Traum?
Und was dann das Schlimmste ist: In der Theologie sind viele auch nicht mehr so klar über die Grundlagen des Glaubens. Da gibt‘ s sogar „Theologen“, die einem sagen: Ob jetzt Jesus von den Toten auferstanden ist oder nicht, darauf kommt‘ s nicht an; Hauptsache, das, was er wollte (Menschenfreundlichkeit; Nächstenliebe), das lebt unter uns weiter. – Aber was hilft mir denn ein Christus, der tot ist, zu dem ich nicht beten kann?! – Oder man hört heutzutage auch in kirchlichen Kreisen nicht selten: Die Maßstäbe der Bibel sind für den modernen Menschen überholt. Egal ob du nun in der Ehe zwischen Mann und Frau zusammenlebst oder gleich-geschlechtlich oder in welcher Beziehung auch immer, Hauptsache, es ist verbindlich; Gott lässt dir deine Freiheit… Aber da müssen wir uns fragen: Springt die Kirche da nicht auf den Zug des „Zeitgeistes“ auf; wo bleibt das Besondere, Christliche?

Darum brauchen wir in aller Verunsicherung unserer Zeit einen festen Grund: Unser Abschnitt nennt einen dreifachen Grund, auf dem wir stehen können, um als Christen zu leben:

1. Haltet euch an das, was die ersten Apostel gesehen und gehört haben!
„Wir waren Augenzeugen der Größe und Macht“ des Herrn Jesus Christus, steht in unserem Abschnitt. Hier sprechen nicht Leute, die irgendwann mal etwas gelesen haben, so aus der Distanz, und dann legten sie‘ s weg; sondern: es sprechen persönlich Betroffene. Die Jünger waren selbst dabei, sie erlebten einige Jahre mit, wie Jesus war, was er tat. Sie waren Zeugen. Sie haben ihn gesehen und gehört und merkten: Hier spricht nicht „irgendeiner“, einer von den Hunderten von Religionsstiftern oder Meinungsmachern, sondern hier spricht der lebendige Gott selbst. Sie verstanden vieles am Anfang nicht, aber dann wurde es ihnen immer deutlicher: Jesus kommt von Gott; Er ist die entscheidende Figur der Weltgeschichte!
Darum wird in unserem Abschnitt an die Verklärung Jesu erinnert, wie wir es in der Lesung vorhin gehört haben (Matthäus 17,1-9). „Diese Stimme haben wir gehört…“ Jesus ist der „Sohn Gottes“. Das haben die ersten Christen weitergesagt. Das ist eine vertrauenswürdige Botschaft, die Menschen auch heute erreichen will.
Die Frage ist jetzt an uns: Kennen wir Jesus, sind wir von ihm betroffen? Persönlich? Nicht nur „vom Hörensagen“. Wir können Jesus persönlich kennenlernen. Wir können zu ihm beten, erfahren, dass er Gebet hört/erhört, dass er da ist gerade auch in schwierigen Situationen und Hilfe und Kraft gibt. Oft geschieht das, wenn andere Christen uns von ihrem Glauben etwas weitergeben, mit uns beten und uns begleiten.

2. Beachtet das Wort der Propheten, „denn es ist ein Licht, das an einem finsteren Ort scheint, bis der Tag anbricht und der Morgenstern aufgeht in euren Herzen.“
Was die ersten Christen von Jesus erzählten, war von den Propheten längst angekündigt: Jesu Geburt, seine öffentliche Tätigkeit, sein Leiden: all das ist schon im Alten Testament angedeutet.
Es ist wie bei einer Gegenlichtaufnahme mit dem Fotoapparat: Da treten nur die äußeren Konturen hervor, die Einzelheiten können wir nicht bis ins Letzte erkennen. Aber das genügt, um neugierig zu werden, sich auf die Suche zu machen. Die Propheten des Alten Testaments wussten: Da kommt einer, der ganz Gottes Auftrag erfüllt. Ihre Worte waren wie eine Lampe mitten in der Finsternis – bis der Tag anbricht und der „Morgenstern“ aufgeht: Christus.
Ihre Worte sind wie eine Lampe auch in unserer Finsternis, im Dunkel unserer Tage, und sie sagen uns: Jesus, der Morgenstern, kommt bald! Lasst euch nicht verunsichern durch die Untergangsstimmung und durch alle möglichen Spekulationen, durch Wahrsager und selbsternannte Propheten, vielmehr: Haltet fest, beachtet das Wort der Bibel! Jesus wird wiederkommen; lebt darauf zu, nutzt die Zeit aus! Wenn ihr Christus jetzt schon „in euren Herzen“ habt, wenn ihr ganz bewusst mit ihm lebt – dann seid ihr fest gegründet.
Das ist die große Hoffnung aller Christen, dass Jesus Christus, der Morgenstern, einmal hereinbricht und dann alle Dunkelheit verschwinden wird. Das ist die Hoffnung der verfolgten Gemeinde Jesu in vielen Teilen unserer Erde. Das darf unsere Hoffnung sein, wenn wir uns auf das Wort der Bibel einlassen.
Und damit sind wir beim

3. Haltet euch ganz an die Bibel, an die Heilige Schrift!
Es heißt in unserem Text: „Niemals wurde eine Weissagung ausgesprochen, weil ein Mensch es wollte, sondern vom Heiligen Geist getrieben haben Menschen im Auftrag Gottes geredet.“ Aus diesem Buch spricht Gott. Diesem Buch können wir vertrauen. Da ist die Geschichte Gottes mit Seinen Menschen aufgezeichnet.
Gewiss: Dieses Buch ist nicht „vom Himmel gefallen“, wie das der Islam von seinem heiligen Buch, dem Koran, behauptet. Die Bibel hat einen Lebenslauf. Es hat Jahrhunderte gedauert, bis die einzelnen Schriften der Bibel zu einem Buch zusammengestellt waren, so wie wir sie heute haben. Die Bibel ist von Menschen geschrieben worden. – Aber sie ist doch kein Buch wie jedes andere. Sie hat ein Geheimnis. Gott selber redet durch diese Worte zu uns, führt uns zum Glauben, gibt Kraft für den Tag.

Ein Pfarrer erzählt: Bei einem Trauerbesuch erzählte der Sohn aus dem Leben seiner verstorbenen Mutter. Als wir auf ihren Glauben zu sprechen kamen, zeigte er mir ihre Bibel und sagte: Sehen Sie mal, meine Mutter hat intensiv die Bibel gelesen und daraus Kraft geschöpft. Das können Sie auch an den vielen Unterstreichungen sehen.“ Ich blätterte in dieser Bibel. Offenbar hat sie Bibelstellen, die ihr besonders wichtig waren, unterstrichen, und davon gab es viele. Worte Jesu, Worte zum Glauben, Worte der Hoffnung und des Trostes. Als ich die Psalmen aufschlug, fand ich einen Vers, den sie kräftig markiert hatte. Psalm 119, Vers 105: „Dein Wort ist meines Fußes Leuchte und ein Licht auf meinem Wege.“ Ich dachte, dass dieser Vers besonders gut das Leben der Mutter aus dem Wort Gottes beschreibt. Das Wort war wie ein Licht für sie, und sie hat es gelebt: Gottes Wort als Wegweisung in die Ewigkeit.

Darum: Lesen wir dieses Buch! Lassen wir uns nicht nur daraus vorlesen, hören wir nicht nur Predigten (so wichtig das ist!), sondern lesen wir selber, persönlich darin. Wir brauchen keinen „Glauben aus zweiter Hand“ (immer nur durch andere vermittelt: Pfarrer; Gottesdienst etc.), sondern: „Glauben aus erster Hand“, aus der Beschäftigung mit der Bibel, aus dem Staunen darüber, was da alles über mich drinsteht, was Gott mit mir vorhat!
Gott kennenlernen – das können wir immer mehr. – Blasen Sie darum den Staub von Ihrer Bibel ab und fangen Sie an, drin zu lesen. Bitten wir um den Heiligen Geist! Vieles werden Sie nicht verstehen. Sprechen Sie mit anderen darüber, z.B. im Bibelgesprächskreis. Dann wird es geschehen, dass wir Jesus immer mehr kennenlernen und Sein Licht in der Dunkelheit erfahren, wie es heißt: „Ihr tut gut daran, es zu beachten, denn es ist ein Licht, das an einem finstern Ort scheint, bis der Tag anbricht und der Morgenstern aufgeht in eurem Herzen.“ Amen.

    Bitte Name und Vorname eingeben:

    Bitte E-Mail-Adresse eingeben:

    Ihre Telefonnummer:

    Geben Sie hier bitte Ihren Text ein:

    Ich möchte bitte