Predigt am 1. Sonntag nach Epiphanias 09.01.2022

über Jesaja 42,1-4

1 Siehe, das ist mein Knecht, den ich halte, und mein Auserwählter, an dem meine Seele Wohlgefallen hat. Ich habe ihm meinen Geist gegeben; er wird das Recht unter die Heiden bringen.
2 Er wird nicht schreien noch rufen, und seine Stimme wird man nicht hören auf den Gassen.
3 Das geknickte Rohr wird er nicht zerbrechen, und den glimmenden Docht wird er nicht auslöschen. In Treue trägt er das Recht hinaus.
4 Er selbst wird nicht verlöschen und nicht zerbrechen, bis er auf Erden das Recht aufrichte; und die Inseln warten auf seine Weisung.

Liebe Gemeinde,
an den Samstagen sind unsere Tageszeitungen dicht gefüllt mit
Stellenanzeigen. Es ist interessant, sie je und dann einmal zu überfliegen. Was kann man in diesen Anzeigen nicht alles lesen! Dynamische Persönlichkeiten werden da gesucht. Teamfähig sollen sie sein, und Durchsetzungsvermögen müssen sie haben. Analytisches Denken wird bei den Bewerbern vorausgesetzt. Kreativität und – wie man heute sagt – ein Feeling für neue Entwicklungen, Sicherheit im Auftreten und Begabung für die Menschenführung. So stellt man sich heute Mitarbeiter in führenden Positionen vor. Man muss schon einiges mitbringen, wenn man es zu etwas bringen will. Denn mit nichts ist nichts zu erreichen. Darum die hohen Anforderungsprofile in den Stellenangeboten, darum Arbeitsplatzbeschreibungen, die nur Spitzenkräfte erfüllen können.

Unser Text aus den Jesaja-Buch ist auch so etwas wie eine Arbeitsplatzbeschreibung. Doch wird hier nicht ein Arbeitsplatz in einem Industrieunternehmen angeboten. Hier werden auch nicht Top-Manager für Wirtschaft oder Banking gesucht. Es ist ein „Facharbeiter“ besonderer Art, der in diesen Versen beschrieben wird. Hier geht es um einen Mitarbeiter im Reich Gottes, um einen, der einen besonderen Auftrag hat.

„Siehe, das ist mein Knecht – ich halte ihn – und mein Auserwählter, an dem meine Seele Wohlgefallen hat. Ich habe ihm meinen Geist gegeben…“ Von einem Knecht ist hier die Rede. Da denken wir vielleicht an frühere Zeiten: an Knechte auf Bauernhöfen. Das ist hier aber nicht so gemeint. Das Stichwort „Knecht“ meint hier nicht ein Diener oder Sklaven, der für die niedrigsten Arbeiten gerade gut genug ist. Unter „Knecht“ wird hier vielmehr der Mitarbeiter einer hochgestellten Person verstanden, damals vielleicht der engste Vertraute des Königs. Das könnte ein Minister sein, ein Beamter von Geltung und Einfluss.
Und so wird nun auch der Mitarbeiter Gottes hier vorgestellt: Er ist einer, den Gott berufen hat, um seine eigene Sache zu vertreten, um in seinem Namen und in seiner Vollmacht etwas in Bewegung zu bringen. Der Auftrag dieses „Knechtes“ wird genauer beschrieben: „Er wird das Recht unter die Heiden bringen.“ Und dann: „In Treue trägt er das Recht hinaus. Er selbst wird nicht verlöschen und nicht zerbrechen, bis er auf Erden das Recht aufrichte…“: Es geht um Gottes Recht!

Die Ausleger weisen darauf hin, dass mit Gottes „Recht“ etwas Ähnliches gemeint ist wie dort, wo das Neue Testament vom „Reich Gottes“ redet. Gottes Reich ist dort, wo Gottes Recht gilt. Er herrscht, wo man sich seinem Wort und Gebot unterstellt und sein Recht anerkennt. Diese Herrschaft Gottes anzusagen und dazu einzuladen – das ist die Aufgabe des Knechtes Gottes, wie sie in unserem Text beschrieben wird. Menschen in Verbindung mit Gott zu bringen, ihnen seine Worte und Weisungen zu vermitteln und zu einem Leben in Gottes Nähe zu verhelfen, das ist seine Sendung.

Aber nicht nur der einzelne ist hier im Blick; die ganze Welt, die „Inseln“, wie es hier heißt, sollen das Recht Gottes hören, auf seine Gebote merken und auf seine Weisungen hören. Gerade jetzt in der Epiphaniaszeit haben wir die Weltmission im Blick.

Aber wenn wir nun diesen Text genauer anschauen, dann merken wir: Hier ist nicht die Rede von Durchsetzungsvermögen, von Verhandlungsgeschick oder von Öffentlichkeitswirksamkeit. Ganz anders wird der Dienst dieses „Knechtes“ Gottes gesehen.

Die christliche Gemeinde hat das, was hier beschrieben ist, bald auf Jesus bezogen: Er ist der „Knecht Gottes“. Im ersten Vers unseres Abschnittes heißt es: „…mein Auserwählter, an dem meine Seele Wohlgefallen hat“: Wir haben vorhin die Lesung vom der Taufe Jesu gehört: Gott spricht über Jesus aus, dass er sein auserwählter Sohn ist. Und Jesus wird mit dem Heiligen Geist erfüllt, so wie es in unserem Text heißt: „Ich habe ihm meinen Geist gegeben…“ Das wollen wir nun näher anschauen – und dann immer auch auf uns bezogen, wenn wir Mitarbeitende sind in der Kirchengemeinde: Was folgt daraus für uns?

Was ist das für ein Dienst, den der Knecht Gottes, den Jesus ausgeführt hat? Zu dem auch wir berufen sind?

1. Es ist ein Dienst, der in der Stille geschieht
„Er wird nicht schreien noch rufen, und seine Stimme wird man nicht hören in den Gassen.“ (Vers 2) Der Knecht Gottes, der hier vorgestellt wird, macht keinen Lärm. Der lässt keine laute Propaganda für sich erschallen. Anders als das heute üblich ist, besonders durch die Massenmedien und durchs Internet. Dieser Knecht macht nicht aller Gewalt auf sich aufmerksam.
So war es bei Jesus: Er kam still und verborgen in diese Welt.
Er wuchs in einer ganz normalen jüdischen Familie auf, ohne großes Tamtam. Freilich: Als er in der Öffentlichkeit auftrat, waren die Massen um ihn versammelt; aber er wollte nie „groß rauskommen“… Sehen wir dagegen doch, wie Leute heutzutage, z.B. bei Empfängen, sich im Rampenlicht der Öffentlichkeit sonnen.
Jesus suchte nicht die zustimmende Anerkennung und den Beifall der Einflussreichen. Er ging vielmehr den einzelnen Menschen nach, nahm ihre Fragen ernst, ging auf sie ein.

Und: Jesus suchte immer wieder auch die Stille. Er zog sich von den Massen zurück zum Gebet. Das war ja das Geheimnis seiner Kraft. Und so hat er so Großes bewirkt, und Menschenleben wurden verändert.

Was für Jesus gilt, gilt auch für eine Kirche, seine Gemeinde und alle, die in ihr mitarbeiten. Nicht die Öffentlichkeitswirksamkeit ist das Entscheidende, nicht das Augenfällige, vielmehr der Dienst der Seelsorge. Dass Christen, dass Mitarbeitende selber mit Jesus leben, aus der Stille, aus seinem Wort, und so anderen dienen, beistehen können.
Ich denke an einen einfachen Mann (einen „Laien“), der anderen zum Seelsorger wurde. Er hatte selber manch Schweres erlebt und Gottes Hilfe erfahren. Viele kamen zu ihm zu Gesprächen, er gab ihnen Ratschläge, betete mit ihnen. All das geschah im Verborgenen, aber die Ratsuchenden erfuhren dadurch großen Segen.

Es ist also 1. ein Dienst, der in der Stille geschieht.

2. Es ist ein Dienst, der durch Barmherzigkeit geschieht
„Das geknickte Rohr wird er nicht zerbrechen, und den glimmenden Docht wird er nicht auslöschen.“ (Vers 3) Wieder eine Beschreibung, die allem widerspricht, was in dieser Welt erstrebenswert ist, wo es um Vorwärtskommen um jeden Preis geht! Dass man sich behauptet, auch auf Kosten anderer! Nur ein Zitat für viele: „Die Schwachen und Missratenen sollen zugrunde gehen, das sei der erste Satz meiner Menschenliebe“ – so Friedrich Nietzsche…; er war zusammen mit anderen einer der geistigen Väter für die Vernichtung sogenannten „lebensunwerten Lebens“ durch das Regime des Nationalsozialismus im „Dritten Reich“. Und heute gibt es schon wieder gefährliche ähnliche Tendenzen…
Ganz anders der Knecht Gottes, Jesus! Er handelte nicht nach der Devise: Was fällt, soll man noch stoßen! Wer auf dem Boden liegt, den soll man noch treten! Im Gegenteil, er versucht zu stützen, was wankt; er fängt auf, was zu fallen droht. Er facht neue Glut an, wo ein Docht am Verglimmen ist, und ermutigt, wo man verzagen will.
Denken wir an die Kranken, die zu Jesus kamen. Jesus strebte nicht nach oben, sondern zu den Orientierungslosen und Schwachen, zu den Hilflosen.
Und so soll es auch bei seiner Gemeinde sein, die ihm dienen will! Gerade in der. Diakonie der Kirche, der Gemeinde Jesu Christi haben wir es ja vielfach zu tun mit dem „geknickten Rohr“ und dem „glimmenden Docht“, mit den Schwachen und Niedergedrückten. Und es ist ein unverzichtbarer Auftrag der Kirche, sich für sie einzusetzen. Auch für das werdende Leben im Mutterleib und für das vergehende Leben. Die Kirche muss ihre Stimme für sie erheben. So wie das z.B. Friedrich von Bodelschwingh, der Leiter der Betheler Anstalten, im „Dritten Reich“ getan hat, oder der katholische Bischof Franz von Galen, die sich deutlich gegen die Euthanasie und für den Schutz des Lebens der Schwerstbehinderten aussprachen.
Als Gemeinde Jesu Christi wollen wir Menschen neue Hoffnung geben und ihnen Barmherzigkeit erweisen.

Es ist also 2. ein Dienst, der in Barmherzigkeit geschieht.

3. Es ist ein Dienst, der für die ganze Welt geschieht
„Er selbst wird nicht verlöschen und nicht zerbrechen, bis er auf Erden das Recht aufrichte; und die Inseln warten auf Seine Weisung.“ (Vers 4) Der Dienst des Knechtes Gottes, Jesus, und auch der Dienst der Kirche lässt sich aber nicht auf das persönliche Heil und auf die Sorge für die Schwachen eingrenzen, so entscheidend das auch ist. Er gilt vielmehr der ganzen Welt. Denn: „Gott will alle!“ Gott liebt diese Welt, auch wenn sie sich von ihm abwendet. Darum ist die Mission nötig, not-wendig! Alle Menschen sollen die frohe Botschaft von Jesus hören. Darum hat Jesus seine Jünger ausgesandt in alle Welt. Und darum beteiligt er auch uns an seinem Missionsauftrag. Ganz normale, durchaus einfache Leute sollen und können die frohe Botschaft von Jesus weitergeben.

Ludwig Nommensen stammte aus einer Bauernfamilie auf der Insel Nordstrand. Als er zwölf Jahre alt war, hatte er einen schweren Unfall: Ein Pferdefuhrwerk überfuhr ihn, so dass fast seine Beine amputiert werden mussten. Aber er wurde wieder gesund und wollte dann Missionar werden. Er bewarb sich bei einer Missionsgesellschaft, aber die wies ihn zunächst ab, weil er zu „ungebildet“ sei. Er probierte es dann noch einmal; man merkte, dass er‘ s ernst meinte, ja, dass Gott ihn berufen hatte. Er wurde dann nach Sumatra/Indonesien entsandt. Es dauerte lange Zeit, bis sich große Gruppen des Stammes der „Batak“ taufen ließen. Es gab auch große Widerstände gegen ihn und die Botschaft von Jesus; z.B. wurde einmal ein Giftanschlag auf ihn verübt, den er aber überlebte… In seinem Todesjahr (1918) zählte die Kirche der Batak 180.000 (!) Mitglieder in rund 500 Gemeinden (!).

Weil Gottes Liebe allen Menschen gilt und die ganze Welt einschließt, muss auch der Knecht Gottes für alle da sein. Darum wollen auch wir hingehen zu den Menschen und sie einladen zum Leben mit Gott und mit Jesus.

Liebe Gemeinde, im Reich Gottes gelten andere Maßstäbe als in dieser Welt. Nicht dynamische Persönlichkeiten und Leute mit Durchsetzungsvermögen bewirken das Entscheidende, sondern die Menschen, die – wie Jesus, der Knecht Gottes – den Dienst tun:
den Dienst der Seelsorge, der in der Stille geschieht
den Dienst der Diakonie, der durch Barmherzigkeit geschieht und
den Dienst der Mission, der für die ganze Welt geschieht.
Amen.

Lied nach der Predigt: EG 66,1-3.8: Jesus ist kommen

Pfarrer Hans Weghorn, Neunkirchen am Sand