Predigt am 10. Sonntag nach Trinitatis 08.08.2021

zum Wochenspruch Psalm 33,12:

Wohl dem Volk, dessen Gott der Herr ist, dem Volk, das er zum Erbe erwählt hat.“

Liebe Gemeinde,

heute, am „Israel-Sonntag“, denken wir nach über das Gottesvolk Israel. Viele Fragen stellen sich immer wieder im Hinblick auf Israel, auch in der christli-chen Kirche. Als ein Beispiel sei nur die Siedlungspolitik des Staates Israel genannt. Dabei müssen wir freilich immer wieder auch bedenken, wie einseitig oft in der internationalen Presse Israel dargestellt wird!

Nun, ich will heute und hier von der Kanzel keine politische Rede halten (hoffentlich nicht!). Aber wir müssen, gerade als Kirche, als christliche Gemeinde, fragen: Was ist das Besondere an Israel, an diesem Volk? Was sagt Gottes Wort, die Bibel, grundsätzlich über dieses Volk? Warum begehen wir extra einen „Israel-Sonntag“? Welche Stellung hat die Kirche Jesu Christi zu Israel?

Dazu will ich einige Gedanken zum Wochenspruch geben: „Wohl dem Volk, dessen Gott der Herr ist, dem Volk, das er zum Erbe erwählt hat.“

Die Bibel sagt eindeutig: Israel ist Gottes Volk. So haben wir es vorhin in der Lesung aus 5. Mose 7 gehört. Ich lese noch einmal die Verse 6 bis 8:

6 Israel, du bist ein heiliges Volk dem HERRN, deinem Gott. Dich hat der HERR, dein Gott, erwählt zum Volk des Eigentums aus allen Völkern, die auf Erden sind. 7 Nicht hat euch der HERR angenommen und euch erwählt, weil ihr größer wäret als alle Völker – denn du bist das kleinste unter allen Völkern –, 8 sondern weil er euch geliebt hat und damit er seinen Eid hielte, den er euren Vätern geschworen hat. Darum hat der HERR euch herausgeführt mit mächtiger Hand und hat dich erlöst von der Knechtschaft, aus der Hand des Pharao, des Königs von Ägypten.

Dieses Volk ist von Gott „erwählt“. Das heißt nicht, dass es „was Besseres“ ist, sondern das geschah aus Gottes freier (Gnaden-) Wahl. Er hat ja gerade das kleinste unter den Völkern erwählt. Ihm gilt Gottes besondere Liebe!

Dieses Volk ist „ein heiliges Volk“, d.h. es ist ausgesondert: Es hat eine besondere Verpflichtung, ist von Gott beschlagnahmt. Man kann es vergleichen mit dem Stempel, der einem Rind eingebrannt von seinem Eigen-tümer wird und der besagt „Du gehörst (zu) mir!“

An Israel soll(te) deutlich werden, was es heißt, mitGott zu leben, für Gott zu leben.

Gott hat dieses Volk aus der Versklavung in Ägypten befreit und mit ihm einen Bund geschlossen. Er hat ihm die Gebote gegeben. In ihnen wird deutlich, dass er der Herr ist: „Wohl dem Volk, dessen Gott der Herr ist.“

Gott hat sich dieses Volk „zum Erbe“, zum Eigentum erwählt. Ja, im Propheten Sacharja wird Israel sogar bezeichnet als „Gottes Augapfel“! Also: Dieses Volk gehört sich nicht selbst, sondern Gott. Und darum hat es eine besondere Verantwortung!

Nun, wie ist dieses Gottesvolk Israel damit umgegangen, mit der Tatsache, dass es Gottes Eigentum und Erbe ist?

Wenn wir in die Geschichte Israels im Alten Testament sehen, nehmen wir ein ständiges Auf und Ab wahr, doch es ging eigentlich immer mehr abwärts: Sie wandten sich oft von Gott ab, übertraten seine Gebote. Die Propheten muss-ten immer wieder im Namen Gottes zur Umkehr rufen.

Ein katholischer Priester und Theologe, der eine Schrift zum Nahost-Konflikt verfasst hat, mit Namen Tilbert Moser, ein Kapuziner aus der Schweiz, schreibt:

„Die Juden bleiben das Demonstrationsvolk Gottes im Guten wie im Bösen. In ihnen spiegelt sich modellhaft der Sündenfall und die Erwählung der ganzen Menschheit. Sie bleiben das zu einer besonderen messianischen Aufgabe auserwählte Volk Gottes. Sie sind Erwählte dem Stande nach, aber noch nicht dem Zustande nach.“

Und darum entstand auch die Erwartung des Messias im Alten Testament: dass einer kommen würde, der das Volk wieder zu Gott zurückführen und Gottes Reich aufrichten würde. Und das Neue Testament sagt uns: Dieser Messias, dieser Christus ist Jesus. Aber Jesus wurde von der Mehrheit seines Volkes verworfen!

Doch nun ist ganz wichtig: Gott liebt dieses Volk, hält an ihm fest, er hat es nicht verworfen. Gewiss: Er hat immer wieder Gerichte über sein Volk verhängt. Aber es stimmt nicht, was sich leider schon in frühen Jahrhunderten der Kirchengeschichte durchgesetzt hat und was man als „Enterbungs“-Theologie bezeichnet. Da wird gesagt: Israel war einmal Gottes erwähltes Volk. Aber indem sie den Messias (Jesus) ablehnten, verloren sie ihre Erwählung, ihr Erbe, und das ging dann an die „Kirche aus den Völkern“ über.

Das war ja ein starkes Motiv der Judenverfolgungen. Wie viel Unheil und Schuld hat die christliche Kirche damit auf sich geladen!

Da ist in den letzten Jahrzehnten viel aufgearbeitet worden. Man hat neu erkannt, was Paulus im Römerbrief, Kapitel 11, schreibt:

„Hat denn Gott Sein Volk verstoßen? Das sei ferne!…“

Dass dieses Volk immer noch existiert, das ist schon ein Wunder. So fragte einmal Friedrich der Große seinen Hofprediger nach einem Gottesbeweis. Der antwortete: „Majestät, die Juden!“ !…

Ich glaube, ein ganz deutliches Zeichen ist: dass vor 73 Jahren (1948) der Staat Israel neu gegründet wurde. Das war doch ein Wunder, eine Erfüllung vieler Verheißungen des Alten Testaments! Und ebenso, dass dieses Volk, umgeben von seinen Feinden, von einer Riesen-Übermacht, nach wie vor existiert!

Damit soll lange nicht alles für gut befunden werden, was der Staat Israel tut. Ja, weithin ist auch die Bevölkerung des heutigen Israel „säkularisiert“, d.h. viele sind nicht religiös, haben keinen Bezug zum Glauben ihrer Vorfahren.

Aber, was sehr verheißungsvoll ist: Es gibt die „messianischen Juden“. Das sind Juden, die in Jesus den Messias gefunden haben und an ihn glauben als den Sohn Gottes und Erlöser. Sie feiern die jüdischen Feste und wollen auch andere Juden für den Glauben an Jesus als den Messias gewinnen. In Nürnberg z.B. gibt es eine lebendige Gemeinde von messianischen Juden. Weltweit werden es immer mehr!

Der Apostel Paulus befasst sich in seinem Römerbrief mit seinem Volk Israel und sagt am Ende des 11. Kapitels mit prophetischem Blick: Am Ende der Zeiten wird ganz Israel errettet werden, d.h. zum Glauben an Jesus als Messias/Christus finden (!).

Wie nun soll die Kirche, die Gemeinde Jesu Christi mit Israel umgehen – und damit auch wir?

– Wir sollen Gottes Wort über Israel anerkennen! D.h: dass Israel Gottes Volk ist und bleibt!

Wenn wir geprägt sind von der Ideologie des Nationalsozialismus, wie sie im „Dritten Reich“ propagiert wurde: „Die Juden sind unser Unglück!“ oder von anderen Spielarten der Judenfeindlichkeit, so gibt es nur einen Weg nach der Bibel: Umkehr/Buße; dass wir es vor Gott als Schuld bekennen und uns bewusst davon lossagen.

In unserer früheren Gemeinde in Fürth hielt ein messianischer Jude einen Vortrag. Danach bestand das Angebot, dass man um Vergebung beten konnte für die eigene Judenfeindlichkeit. Da betete eine alte Frau: „Herr, vergib mir, dass ich damals die Hand aufhob und sagte: Heil Hitler!“ Der Referent hat ihr die Vergebung dafür öffentlich zugesprochen. Die Frau war sichtlich erleichert. Das hat mich damals ungemein beeindruckt.

– Wir beten für Israel und segnen es. Wir beten für den Nahen Osten, für Israel und die Palästinenser. Wir beten auch dafür, dass viele Juden Jesus als den Messias, als den Christus erkennen und sich ihm zuwenden!

– Schließlich drücken wir unseren Dank dafür aus, dass wir – als Menschen, die an Jesus glauben, mit vielen anderen zusammen, aus vielen Nationen – dazugehören dürfen zum Volk Gottes: dem Volk Gottes aus Juden und „Heiden“-Völkern, wie es im Wochenspruch heißt: „Wohl dem Volk, dessen Gott der Herr ist, dem Volk, das er zum Eigentum erwählt hat.“ Welch ein Privileg, welch ein Vorrecht ist das doch! Und wir erkennen zugleich die daraus entstehende Verantwortung und Verpflichtung und nehmen sie wahr!

So stimmen wir ein in den Vers des Liedes, das wir nach der Predigt singen:

„Jetzt hat er sein Erbarmen an Israel vollbracht, sein Volk mit mächt‘gen Armen gehoben aus der Nacht. Der uns das Heil verheißen, hat eingelöst sein Wort. Drum werden ihn lobpreisen die Völker fort und fort.“ Amen.

Lied nach der Predigt: EG 604,1-3: Den Herren will ich loben

Pfarrer Hans Weghorn, Neunkirchen am Sand

Die heutige Kollekte ist für das Diakonische Werk Bayern bestimmt.

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