Predigt am 11. Sonntag nach Trinitatis, 15.08.2021

zu 2. Samuel 12,1-10.13-15a

Liebe Gemeinde,

im heutigen Predigttext geht es um einen der ganz großen Namen der Bibel, um den König David. Das ist ein Name, der einen guten Klang hat: das war der König Israels, der von Gott auserwählte König. Der Träger göttlicher Verheißung. Dazu ein Mensch mit tiefen geistlichen Erfahrungen und Erkenntnissen, von dem auch viele der Psalmen in der Bibel stammen. Noch 1000 Jahre später, zur Zeit des Neuen Testaments, hat dieser Name seinen guten Klang.

Die Bibel berichtet aber auch anderes von David. Sie verschweigt nicht, dass dieser Name auch in ganz anderen Zusammenhängen vorkommt. In Zusam-menhängen, von denen man eigentlich schweigen sollte, weil sie diesem Namen keine Ehre machen. Aber die Bibel ist ein ehrliches Buch, sie erzählt, dass dieser große König, dieser Mann Gottes ein Ehebrecher ist und ein Mörder dazu.

Im 2. Buch Samuel lesen wir im 11. Kapitel: König David ergeht sich am Abend auf dem Flachdach seines Königspalastes. Da sieht er eine schöne Frau in der Nachbarschaft, wie sie sich wäscht. Ihr Name ist Batseba. David verliebt sich in sie, lässt sie holen, verbringt eine Nacht mit ihr. Sie war verheiratet! Und dann ist ein Kind unterwegs. Alles wird dadurch herauskommen. David entfaltet hektische Aktivitäten, um das zu verhindern – auch wenn es einem anderen das Leben kostet. Heute wäre es das Kind, das im Mutterleib umgebracht würde – damals musste der Ehemann (Uria) sterben (!). Vom Schreibtisch aus geht das, es sieht aus wie ein Unglücksfall. Die Frau ist Witwe, niemand kann mehr dran Anstoß nehmen, dass David sie zu sich holt und heiratet. Also ist doch alles in Ordnung gekommen. Und über die unerfreulichen Begleitumstände wird bald Gras wachsen. Das Leben kann weitergehen.

Es geht weiter, aber wie, davon spricht unser heutiger Text:

1 Der HERR sandte den Propheten Nathan zu David. Als Nathan vor dem König stand, sagte er zu ihm: »Ich muss dir etwas erzählen: Ein reicher und ein armer Mann lebten in derselben Stadt. 2 Der Reiche hatte sehr viele Schafe und Rinder, 3 der Arme aber besaß nichts außer einem kleinen Lamm, das er erworben hatte. Er versorgte es liebevoll und zog es zusammen mit seinen Kindern groß. Es durfte sogar aus seinem Teller essen und aus seinem Becher trinken, und nachts schlief es in seinen Armen. Es war für ihn wie eine Tochter.

4 Eines Tages bekam der reiche Mann Besuch. Er wollte seinem Gast, der einen weiten Weg hinter sich hatte, etwas zu essen anbieten. Aber er brachte es nicht über sich, eines seiner eigenen Schafe oder Rinder zu schlachten. Darum nahm er dem Armen sein einziges Lamm weg und bereitete es für seinen Besucher zu.« 5 David wurde vom Zorn gepackt und brauste auf: »So wahr der HERR lebt: Dieser Mann hat den Tod verdient! 6 Dem Armen soll er vier Lämmer geben für das eine, das er ihm rücksichtslos weggenommen hat.«

7 Da sagte Nathan zu David: »Du bist dieser Mann! Der HERR, der Gott Israels, lässt dir sagen: ›Ich habe dich zum König von Israel erwählt und dich beschützt, als Saul dich umbringen wollte. 8 Den gesamten Reichtum Sauls und auch seine Frauen habe ich dir gegeben. Ganz Israel und Juda gehören dir. Und sollte dir das noch zu wenig sein, würde ich dir sogar noch mehr schenken. 9 Warum also missachtest du meinen Willen? Warum hast du getan, was ich verabscheue? Den Hetiter Uria hast du ermordet und dann seine Frau geheiratet. Ja, du, David, bist der Mörder Urias, denn du hast angeordnet, dass Uria im Kampf gegen die Ammoniter fallen sollte!

10 Du hast dich mir widersetzt und Uria die Frau weggenommen.

Darum soll dein Königshaus von nun an immer wieder das Schwert zu spüren bekommen. 13 Da bekannte David: »Ich habe gegen den HERRN gesündigt.« Nathan erwiderte: »Der HERR hat dir vergeben, du wirst nicht sterben. 14 Doch wegen deiner Tat spotten die Feinde Gottes noch mehr über ihn. Darum muss der Sohn, den Batseba dir geboren hat, sterben.« 15 Nach diesen Worten ging Nathan wieder nach Hause.

„Ich habe gesündigt gegen den Herrn“um dieses Bekenntnis kreist die ganze Geschichte. Um diesen kleinen und doch so unendlich schwer auszuspre-chenden Satz. Um diesen scheinbar so unmodernen, altmodischen Vorgang, dass einer seine Sünde bekennt.

Wir wollen jetzt nicht schadenfroh werden nach dem Motto: Jetzt hat´s auch einen von den Großen erwischt; da denken wir an die vielen Skandale und Skandälchen der Großen und Stars gerade in diesem Bereich des Sex. Wir wollen auch nicht bei diesem Thema Schuld stellvertretend für andere hören: Prima, dass dieses Thema heute dran ist, hoffentlich macht der da zwei Reihen vor mir auch die Ohren richtig auf. – Und wir wollen auch nicht fromm und demütig den Kopf senken und das scheinheilige Bekenntnis im Herzen mitsprechen: „Ja, wir sind halt alle Sünder“ – damit dann alles beim Alten bleiben kann…

Wir wollen es vielmehr hören als die Geschichte eines Mannes, der wieder aufrecht gehen lernt. Als die Geschichte eines Menschen, der seines Lebens wieder froh wird. Der wieder froh wird, nicht, weil es ihm endlich gelingt, die alten dunklen Geschichten zu vergessen, sondern weil ihm vergeben wird. Weil er neu anfangen kann.

So ist diese Geschichte eine Hoffnungsgeschichte: für Menschen, die sich wie David abquälen unter einer Lebenslast. Vielleicht weiß kein Mensch davon. Vielleicht ist tatsächlich schon längst „Gras darüber gewachsen“. Aber es ist halt nicht wahr, dass damit alles erledigt sei. Es ist halt nicht wahr, dass die Zeit solche Wunden heilt.

Wir wollen uns miteinander die drei Menschen ansehen, die in der Geschichte vorkommen. Die drei Menschen, von denen jeder auf seine Weise mit Davids Sünde umgehen muss.

1. Nathan, der unbequeme, aber hilfreiche Prophet

Die Stadt Jerusalem muss damals gekocht haben von Gerüchten und Geschich-ten, von Klatsch und Tratsch über David und Batseba. Klammheimliche Schadenfreude und ohnmächtige Wut erfüllte die Menschen. Alle haben sie darüber geredet – mit David aber hat keiner geredet (!). Er war wie im Märchen von des Kaisers neuen Kleidern: Alle sehen den König bloßgestellt, aber keiner spricht ihn darauf an.

Nathan tut es. Nicht freiwillig; nicht als Moralapostel und Tugendwächter, sondern als Beauftragter: „Und der Herr sandte Nathan zu David.“Leicht gefallen ist ihm dieser Gang gewiss nicht. Aber er schweigt nicht und redet auch nicht nur wie die anderen über David. Er geht hin, um mit ihm zu reden.

Leute, die über andere herziehen, gibt es mehr als genug – nicht nur damals in Jerusalem, sondern auch heute unter uns. Menschen wie Nathan sind selten.

Nathan hätte ja auch sagen können: Das geht mich nix an. Aber er nimmt diesen schweren Auftrag Gottes ernst und drückt sich nicht drum rum. Er wird seinem König zum Seelsorger. Er hilft ihm, die Wahrheit zu erkennen und auszu-sprechen.

Es geht hier nicht darum, einen, der schuldig geworden ist, fertig zu machen oder an den Pranger zu stellen. Es geht auch nicht darum, im Leben eines anderen so lange rumzustochern, bis etwas Unrechtes ans Licht kommt. Es geht vielmehr darum, einem Bruder, einer Schwester zu helfen, der dringend Hilfe braucht. David hatte es doch versucht. Mit allen Mitteln wollte er seine Sünde ungeschehen machen – und hat noch mehr Schuld auf sich geladen. Er schafft es selber nicht, da wieder rauszukommen! Er braucht Hilfe.

David hat seine Hilfe bekommen, weil Nathan seinem Auftrag gehorsam war und ihn mit viel Sensibilität und Liebe, aber auch mit aller Klarheit ausgeführt hat. Auch bei uns in der evangelischen Kirche gibt es die Beichte. Sie ist so fremd geworden, aber unendlich wichtig. Die Gestalt des Nathan, dieses großen Beichtvaters, erinnert uns heute wieder daran. – Er spricht das lösende Wort. Aber nicht erst das Wort der Vergebung ist das lösende Wort. Die Er-Lösung fängt schon damit an, dass er David hilft, ja zu sagen zu seiner Schuld, sie auszusprechen, sie zu bekennen.

Vielleicht gibt es auch hier bei uns, in der Kirche, Menschen, die nichts dringender brauchen als einen Nathan, einen oder eine, der oder die ihnen hilft, Sünde beim Namen zu nennen, auszusprechen, zu bekennen. Wo aber sind die Nathans und „Nathaninnen“, die den unbequemen, aber hilfreichen Dienst Nathans tun? Nochmals: Es geht nicht darum, einen fertig zu machen, sondern zurecht zu helfen, nicht, ein Verdammungsurteil zu sprechen, sondern das lösende Wort zuzusagen!

2. David, der befreite Sünder

David erkennt und bekennt seine Schuld und erfährt den Zuspruch der Vergebung von der Last, die auf ihm liegt. Dazu haben verschiedene Schritte geführt:

a) Konkrete Schuld wird beim Namen genannt

Nathan sagt zu David: „Du bist der Mann!“ So fängt Befreiung an, dass ich an einem ganz konkreten Punkt erkenne: Hier bin ich schuldig geworden. Dass ich mir nicht besser vorkomme als andere, sondern weiß: Ich bin auf Gottes Gnade angewiesen.

Ein berühmter Arzt sollte einen toten Verbrecher obduzieren. Da wurde er bleich und zitterte. Daraufhin angesprochen, sagte er: „Das ist ein alter Freund und Schulkamerad von mir. Nur die Gnade Gottes hat mich davor bewahrt, so zu werden und zu enden wie er!“

b) Das sündhafte Wesen kommt ans Licht

Nathan erinnert David an die Wohltaten Gottes, die er erfahren hat, und zeigt ihm damit: Jede konkrete Schuld hat eine tiefere Ursache: Undankbarkeit und Ungehorsam gegenüber Gott. Das, was die Bibel im eigentlichen Sinn Sünde nennt. Eine ganze Lebenshaltung kommt ans Licht: eine Lebenshaltung, die sich gerne von Gott beschenken lässt, aber ansonsten eigene Wege geht.

c) Das Sündenbekenntnis vor Gott

„Ich habe gesündigt gegen den Herrn“ – ganz kurz ist dieses Bekenntnis. Ja, aber ist das nicht zu kurz, zu einfach? Hat David nicht auch gesündigt gegen Batseba, gegen ihren Mann, gegen die, die er zu Handlangern gemacht hat? Ja, das hat er auch. Aber jetzt erkennt er, wo die Ursache dafür liegt: In seinem Verhältnis zu Gott muss sich was ändern, sonst ändert sich überhaupt nichts!

Es ist nicht einfach, das so auszusprechen. Aber gerade dieser eine kurze Satz zeigt doch, dass David darauf verzichtet, sich selber zu entschuldigen. Darum kann und braucht er nicht mehr zu sagen als dieses „Ich habe gesündigt gegen den Herrn“.

d) Ganze Vergebung erfahren

„Der Herr hat deine Sünde weggenommen“. Das klingt wieder so einfach, zu einfach? Ist damit alles okay?

Ja, Gott sei Dank, dass es nicht mehr braucht als das! Gott sei Dank, dass das genügt: Der Herr hat deine Sünde weggenommen“: “Der allmächtige Gott hat sich über dich erbarmt; du bist frei. Ledig und los“. Durch Jesus Christus vergibt er uns alle Schuld.

Schleppen wir doch unsere Lasten nicht nochmals jahrelang mit uns herum. Nehmen wir doch das Geschenk der Vergebung in Anspruch.

3. Der Sohn, der sterben musste

Über den Schluss der Geschichte kann man nur zutiefst erschrecken: Der schuldige David erfährt Vergebung, aber das unschuldige Kind muss sterben. Tausend Fragen wachen da auf, Fragen nach der Gerechtigkeit, nach Gott. Widerspruch wird laut, wenn wir diesen Schluss aus der Perspektive dieses Kindes zu begreifen versuchen. Und ich kann diesen Widerspruch nicht auflösen. Er bleibt unbegreiflich. Aber zweierlei ist mir klar geworden:

a) Der Sohn, der sterben musste – darin zeigt sich die Sünde unverhüllt in ihrer ganzen Macht. Sünde ist nicht Privatangelegenheit des einzelnen, Sünde zieht Kreise, zieht andere in Mitleidenschaft.

b) Der Sohn, der sterben musste, der wurde nicht einem grausamen Gott geopfert. Ich sehe in seinem Sterben vielmehr einen Hinweis darauf, was Gott tausend Jahre später selber tun wird: Sein Sohn Jesus wird sterben wegen der Sünde der anderen. Der einzig Unschuldige, der jemals auf dieser Erde gelebt hat, der stirbt, „auf dass wir Frieden hätten, und durch seine Wunden sind wir geheilt“. Der Sohn Davids aus unserer Geschichte hat keinen Namen – der andere Davidssohn, Jesus, von ihm heißt es, dass in Seinem Namen Heil ist.

Damit bekommt diese alte Geschichte eine ganz neue Dimension, eine Heilsdimension, die bis in unser Unheil, in unsere Schuld hineinreicht. Nicht nur David konnte umkehren, Vergebung erfahren. Wir können es auch.

Ich möchte uns herzlich einladen: Schleppen wir nicht unsere persönliche Lebensschuld weiter, ziehen wir nicht andere mit hinein, ziehen wir nicht andere in Mitleidenschaft, machen wir nicht andere zu Mitschuldigen. Lassen wir uns helfen, Schuld beim Namen zu nennen, zu bekennen und frei zu werden um Jesu willen. Amen.

Lied nach der Predigt:

Neues Liederbuch Nr. 10: Lobe den Herrn, meine Seele

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