Predigt am 16. Sonntag nach Trinitatis 19.9.2021

Text: Klagelieder 3,21-26.31-33

21 Dies nehme ich zu Herzen, darum hoffe ich noch:

22 Die Güte des HERRN ist‘ s, dass wir nicht gar aus sind, seine Barmherzigkeit hat noch kein Ende,

23 sondern sie ist alle Morgen neu, und deine Treue ist groß.

24 Der HERR ist mein Teil, spricht meine Seele; darum will ich auf ihn hoffen. 25 Denn der HERR ist freundlich dem, der auf ihn harrt, und dem Menschen, der nach ihm fragt.

26 Es ist ein köstlich Ding, geduldig sein und auf die Hilfe des HERRN hoffen.

31 Denn der Herr verstößt nicht ewig;

32 sondern er betrübt wohl und erbarmt sich wieder nach seiner großen Güte.

33 Denn nicht von Herzen plagt und betrübt er die Menschen.

Liebe Gemeinde,

aus dem Buch der Klagelieder soll ich predigen. Klagelieder singt so mancher… Wer in einer Woche, nach der Bundestagswahl, das große Klagelied singen wird, das wird sich noch zeigen. Und auch die Kirche hat ja ihre Klagelieder, und in manchen Gegen-den oder Gemeinden ist das besonders ausgeprägt: Wann endlich kommen die Leute wieder zu uns, anstatt uns den Rücken zu kehren?

Klagelieder gibt es genug; auch in der Bibel. Wir begegnen hier einem Mann, der zu klagen hat. Wir hören von einem,

1. der viel Schweres auf dem Herzen hat. Wir hören aber auch von einem,

2. der einen Blick in Gottes Herz tun darf. Und wir hören von einem,

3. der sich Gott zu Herzen nimmt.

Das ist unser Thema: Gott ist kein herzloser Kerl. Darum trau und hoff auf seine Hilfe.

1. Da ist einer, der viel Schweres auf dem Herzen hat.

Die Klagelieder führen uns zurück in eine besondere Zeit. Es war die Zeit des Zusammenbruchs. Jerusalem war von Feinden erobert. Die wichtigsten Männer und Frauen, die Fachleute und Führungskräfte, hatten sich entweder aus dem Staub gemacht oder waren ins Feindesland weggeführt worden. Und die, die noch im Lande waren, litten unter der Schmach und Schande, aber auch unter handfestem Hunger. Sie litten, weil sie nicht wussten, was aus ihren Verwandten geworden war. Sie litten, weil es wohl keine Familie gab, die nicht einen der Ihren verloren hatte. Es war eine dunkle, eine schwere Zeit. Darum erklangen auch die Klagelieder in den Gottesdiensten der Gemeinde. So ist das, wenn Gottesdienste wirklich Gottesdienste sind: da kann alles laut werden, was laut werden muss, in guten Tagen der Jubel und die Freude, in schlechten Tagen die Trauer und Klage. Die Bibel verschweigt das alles nicht. Da muss es nicht brav und fromm zugehen. Der Bibel ist nichts Menschliches fremd und sie deckt nicht zu, was rausgeweint werden muss.

Denken wir an die Klagepsalmen der Bibel!

Ich denke auch an einen freien Gottesdienst meiner früheren Gemeinde: Die „Moderatorin“ konnte nach der Predigt des Pfarrers nicht die Abkündigungen halten, weil sie weinte, weil sie völlig aufgewühlt und berührt war. Aber niemand regte sich darüber auf oder dachte: Wie kann sie nur! Denn wir dürfen weinen, Gefühle zeigen.

Dem Sänger der Klagelieder hier geht es also nicht gut. Ihm nicht und seinem Glauben auch nicht. Er muss im Gottesdienst hinausschreien, wie das ist mit seinem Leiden und dem seines Volkes. Ja, er ruft es aus, der Gemeinde zu: Er, Gott, war es, er hat uns in die Finsternis geführt; er hat seine Hand gegen uns erhoben. Ja, es war Gottes Gericht über den Ungehorsam Seines Volkes… Gott „plagt und betrübt die Menschen“ (Vers 33)

Das ist die Tiefe des biblischen Gottesbildes – und nicht nur im Alten, sondern auch im Neuen Testament: Dieser Gott antwortet auf die Tatsache, dass seine Menschen sich von ihm entfernen. Er schaut manchmal eine ganze Zeitlang zu, lässt uns gewähren, aber es kann die Zeit kommen, wo er Gericht übt. Denken wir an unsere deutsche Vergangenheit im 20. Jahrhundert, die Gottlosigkeit des Nationalsozialismus und das darauf folgende Gericht Gottes!Unser Gott ist kein „zahnloser Gott“. Die Bibel spricht auch vom „Zorn Gottes“. Den erfahren manche Menschen hautnah, oder ganze Völker. Bei Israel war das damals ganz eindeutig so, und das Volk hat das erkannt.

Aber das Volk damals hat sich in all dem doch an diesen Gott gewendet, hat es vor ihm geklagt, was es auf dem Herzen hatte. Dieser Klagesänger hat keinen abstrakten Gott, der mit alle dem nichts zu tun hat, was er durchmacht. Vielmehr: er bringt all das Leiden vor Gott. Das ist „Klage“ im biblischen Sinn: der Blick auf die Not; und: unsere Not, unser Leiden in Beziehung setzen zu Gott, mit ehrlichen Worten.

Vor Gott darf alles laut werden, was uns umtreibt. Vor Gott müssen wir uns nicht verstellen mit wohlüberlegten, vornehmen und frommen Worten. Hat Gott mit allem etwas zu tun, dann ist er auch die Adresse für unsere Klage. Das Schwere soll laut werden – sei es eine Krankheit; seien es Familienprobleme; sei es die zunehmende Schwäche des Alters…

Wir dürfen echt werden vor Gott!

So mancher wäre an diesem Lied kaputt gegangen, wäre daran erstickt. So manchem wäre der Glaube zerbrochen. Bei dem Klagesänger gibt es eine Wende, eine Wende, die überrascht:

2. Da darf einer einen Blick tun in Gottes Herz

Das ist die Wende: Indem er alles mit Gott in Verbindung bringt und auch mit dem Schweren zu Gott geht, öffnet sich ihm Gottes Herz. Er verkriecht sich nicht in ein bitteres Selbstgespräch; er schreit seine Not nicht in einen leeren, dunklen Himmel hinaus, sondern hin zu Gott. Und Gott lässt ihn einen Blick in Sein Herz tun.

„Das, was du jetzt durchmachst, ist nicht mein letztes Wort. Das, was du jetzt erlebst, wird nicht auf immer und ewig so bleiben. Hinter meinem Nein steckt ein Ja. Bei mir ist mehr als Tod und Verderben, bei mir ist Leben und Freude. Meine Barmherzigkeit mit dir/euch ist noch lange nicht erschöpft. Die Güte des HERRN ist‘ s, dass wir nicht gar aus sind, seine Barmherzigkeit hat noch kein Ende.“ (Vers 22)

Als der große Feldherr und Kaiser Napoleon I. nach der Völkerschlacht bei Leipzig auf dem Schlachtfeld das Röcheln der Sterbenden hörte, da rief er geringschätzig und voller Hohn aus: „Wertlose Masse!“ – Bei Gott ist es anders: Er ist voller Erbarmen. Der Klagesänger schaut in Gottes Herz – und er entdeckt Erbarmen. Diesem Gott sind wir nicht egal. Er hat Erbarmen mit uns.

Wer einen Blick in Gottes Herz tun kann, der entdeckt nicht zuerst Zorn und Gleichgültigkeit, er entdeckt Barmherzigkeit. „Denn nicht von Herzen plagt und betrübt er die Menschen.“ (Vers 33)

Denken wir an das Gleichnis vom „verlorenen Sohn“, das Jesus erzählt hat:Der hatalles kaputt gemacht, das Erbe verspielt und sein Leben zerbrochen. Ein Recht hat er nicht mehr, denn was recht und billig war, hatte er ja schon an sich genommen. Aber der Vater kann es nicht ertragen. Er weist ihn nicht hinaus. Er rennt ihm entgegen und schließt ihn in die Arme. Er erbarmt sich und bringt wieder in Ordnung, was zerbrochen war durch die Schuld und das Versagen dieses Jungen.

Und dieses Gleichnis hat ja Jesus erzählt. Wenn wir auf Jesus blicken, dann sehen wir Gottes Erbarmen in Person. Wie er mit den Menschen umging, das geschah aus tiefstem Erbarmen heraus! Bis dahin, dass er sein Leben hingegeben hat. Darum hat Gott Vergebung und den Neuanfang für uns bereit.

Wer einen Blick in Gottes Herz tun kann, der muss auf Jesus schauen und entdeckt tiefe Barmherzigkeit.

Und dieses Erbarmen können wir nicht aufbrauchen. Es ist nicht so, wie es unter Menschen oft ist: Irgendwann ist der Vorrat an Verständnis und Geduld aufgebraucht. Irgendwann geht es nicht mehr… Bei Gott ist es anders: Sein Erbarmen hört nicht auf, was immer geschieht. Er erbarmt sich nicht nur 7mal, sondern 70×7 mal. Mehr noch: Jeden Morgen, wenn wir aufstehen, können wir sagen: so neu wie dieser Tag ist, so neu ist Gottes Erbarmen: ganz frisch und unverbraucht. „Die Güte des HERRN ist‘ s, dass wir nicht gar aus sind, seine Barmherzigkeit hat noch kein Ende, sondern sie ist alle Morgen neu, und deine Treue ist groß.“ (Vers 22/23)

Pfarrer Wilhelm Busch fragte eines Morgens einen Posaunenmeister: „Was gibt’s Neues?“ Der antwortete: “Ich habe eben gelesen: Seine Güte ist alle Morgen neu.“ – Das ist jeden Tag das Aller-, Allerneuste! Aktueller als die Nachrichten aus Radio und Fernsehen oder sonst was. Das lässt uns jeden Tag neu aufleben und mutig in den Tag gehen…

Das ist die Wende:Gott lässt uns in Sein Herz schauen: Wo wir ein Nein sehen, wohnt ein Ja. Und das Schwere, das wir nicht verstehen, soll nicht das letzte Wort behalten.

Und darum kommt unser Klagesänger zu einem Entschluss: Er wird

3. Einer, der sich Gott zu Herzen nimmt

Noch ist bei ihm nichts wirklich anders geworden. Israel liegt immer noch in Schutt und Asche. Die Trauer regiert immer noch das Land. Unser Klagesänger ist noch immer im Elend. Aber in ihm reift ein Entschluss: „Das nehme ich zu Herzen“, sagt er (Vers 21). „Ich will auf Ihn hoffen.“ (Vers 24)Von der Hoffnung redet sein Lied: Weil es noch nicht ganz aus ist und weil Gottes Barmherzigkeit jeden Morgen neu ist, will er auf Gott hoffen. Und weil Gott solche Hoffnung nicht enttäuscht, weil Er vielmehr freundlich auf Menschen schaut, die etwas von Ihm erwarten, will er geduldig auf Gott hoffen: „Denn der HERR ist freundlich dem, der auf ihn harrt, und dem Menschen, der nach ihm fragt. Es ist ein köstlich Ding, geduldig sein und auf die Hilfe des HERRN hoffen.“ (Vers 25/26)

Ja, das ist so wichtig. Rechnen wir damit, dass Gott hilft, eingreift; bleiben wir dran, „harren“ wir und geben nicht auf.

Eine indische Fabel erzählt: Auf einem Feigenbaum wohnten zwei Tauben. Eines Tages sagte die eine: „Ach, nun ist unser Stündlein gekommen! Siehst du dort unten den Schützen mit Bogen und Pfeil? Er zielt schon nach uns. Und über uns kreist der blutdürstige Falke, um sich auf uns zu stürzen. Wir sind verloren!“ – „Warum grämst du dich so?“, erwiderte die andere Taube. „Wenn Gott gnädig ist, werden berghohe Nöte klein wie Strohhälmchen. Sein Wille geschehe!“ – In diesem Augenblick biss eine Schlange den Bogenschützen in die Ferse. Verwirrt drückte er ab, und der Pfeil durchbohrte den Falken. Die Täubchen aber flogen fröhlich davon.

Eine verlorene Situation ist für Gott keine verlorene Situation. Das Wort „hoffnungslos“ gibt es für Gott nicht.

Und so lädt der heutige Text uns ein, neu auf Gott zu hoffen. Ja, einen Entschluss zu fassen, den wir vielleicht noch nie so getroffen haben: Alles in meinem Leben soll mit Gott in Verbindung stehen. Gerade das Schwere, das Zerbrochene und Kranke, gerade das, wo ich furchtbar versagt habe und schuldig wurde. Das will ich ihm sagen, mit festem Blick auf sein Erbarmen. Und ich will auf Ihn hoffen, dass Er hilft. Hoffen und Harren soll uns dann nicht zum Narren machen. Er betrübt wohl, so heißt es am Ende des Liedes, aber dann erbarmt Er sich nach Seiner großen Güte.

Und das kann man konkret durchbuchstabieren: Die Hoffnung soll sich ausrichten auf das, was uns wirkliche Not bereitet: die Kinder, die einen anderen Weg gehen: Herr, erbarme dich. Das Gefühl, so überflüssig zu sein, weil die Kraft nachgelassen hat: Herr, erbarme dich. Die Krankheit, die an mir arbeitet und mich allmählich aufzehrt: Herr, erbarme dich. Die Angst, das in der Schule Geforderte nicht zu schaffen: Herr, erbarme dich. Die Sorge um den Weg der Kirche: Herr, erbarme dich.

Lassen wir uns heute neu einladen zur Hoffnung auf Gott. Wir können zu ihm klagen

– als Leute, die viel Schweres auf dem Herzen haben.

– Wir können einen Blick in Gottes Herz tun: Er ist voller Erbarmen und Güte.

– Wir wollen uns Gott zu Herzen nehmen: Ich darf neu auf ihn hoffen in Geduld.

Denn es gilt: „Die Güte des Herrn ist´s, dass wir nicht gar aus sind, Seine Barmherzigkeit hat noch kein Ende, sondern sie ist alle Morgen neu, und deine Treue ist groß.“ Amen.

Lied nach der Predigt:

Evang. Gesangbuch 596: Harre, meine Seele

Pfarrer Hans Weghorn, Neunkirchen am Sand