Predigt am 2. Sonntag nach Epiphanias 16.01.2022

über 1. Korinther 2,1-51

Liebe Brüder, als ich das erste Mal zu euch kam, habe ich euch die Botschaft Gottes nicht mit hochtrabenden Worten und großartigen Gedanken verkündet,

2 sondern ich hatte mir vorgenommen, mich allein auf Jesus Christus und seinen Tod am Kreuz zu konzentrieren. 3 Ich kam als schwacher Mensch zu euch, war zurückhaltend und ängstlich. 4 Meine Botschaft und meine Predigt waren schlicht, ich gebrauchte keine klugen Worte und versuchte auch nicht, euch zu überreden, sondern die Kraft des Heiligen Geistes hat unter euch gewirkt. 5 So verhielt ich mich, damit ihr auf die Kraft Gottes vertraut und nicht auf menschliche Weisheit.

Liebe Gemeinde,

der Vertrauensmann des Kirchenvorstands zog einen Brief aus der Tasche und ließ vernehmen: „Das ist ein Bewerbungsschreiben für die Pfarrstelle unserer Gemeinde von einem Kandidaten, der bestimmt alle Stimmen auf sich vereinigt.“ Dann las er dem Kirchenvorstand den Brief vor:

„Ich habe gehört, dass Ihre Gemeinde einen Pfarrer sucht, und würde mich gerne als Bewerber vorstellen. Mir scheint, dass ich einige Eigenschaften habe, die Sie schätzen könnten. Ich habe die Gabe erhalten, mit Überzeugungskraft zu predigen. Auch habe ich Erfolge erzielt mit dem, was ich geschrieben habe. Manche sagen, ich könne gut organisieren. Tatsächlich habe ich an den meisten Orten, wo ich bisher gewesen bin, immer die Fäden fest in der Hand gehabt. Andere haben an mir etwas auszusetzen. Ich habe schon die Fünfzig überschritten. Noch nie bin ich länger als drei Jahre ununterbrochen in einer Gemeinde gewesen. Einige dieser Gemeinden habe ich verlassen müssen, weil es Uneinigkeit gegeben hat. Auch darf ich nicht verschweigen, dass ich drei- oder viermal im Gefängnis gesessen habe, wenn auch nicht wegen eines wirklichen Verbrechens. Meine Gesundheit lässt zu wünschen übrig, aber trotzdem arbeite ich noch viel. Von Zeit zu Zeit arbeite ich noch in dem Handwerk, das ich erlernt habe, um mein Brot zu verdienen.

An den meisten Orten habe ich mich nicht gerade gut mit den Vorstehern der anderen religiösen Gemeinschaften verstanden. Ja, einige haben mich sogar vor Gericht gebracht und mich aufs heftigste bekämpft. Verwaltungsarbeit ist nicht meine Stärke. Ich bin als einer bekannt, der mitunter vergisst, wen er getauft hat. Trotzdem würde ich mein Bestes geben, um Ihrer Gemeinde zu dienen, selbst wenn ich mir wieder etwas dazuverdienen müsste.“

Das gab ein Hallo! Man fragte sich im Kirchenvorstand, wie ein solcher vorbestrafter, kränklicher, streitsüchtiger und gedächtnisschwacher Mann auf die Idee käme, sich zu melden. Das war so ungewöhnlich, dass man unbedingt den Namen dieses üblen Kandidaten wissen wollte.

Der Vertrauensmann des Kirchenvorstands antwortete: „Liebe Freunde, der Bewerber ist der Apostel Paulus!“

Nun, liebe Gemeinde, wie wäre es uns ergangen? In einiger Zeit steht ja auch bei uns die Neubesetzung der Pfarrstelle an. Wir wollen doch in der Regel auch starke Persönlichkeiten für den Aufbau und die Leitung einer Gemeinde. Doch Gottes Maßstäbe scheinen oft anders zu sein. Seine Gemeinde und seine Leute, eben auch die leitenden Personen, entsprechen nicht immer den Erwartungen, die man hat.Es ist interessant, in welchem Zusammenhang unser heutiger Text steht. Direkt vorher hat Paulus geschrieben, dass die christliche Gemeinde in Korinth aus vielen “Schwachen“ besteht, aus Leuten, die in dieser Welt nicht besonders angesehen sind. Menschen, die erfahren, sie sind auf Gott, auf Jesus angewiesen.Für genau solche Leute ist doch das Evangelium, die Botschaft von Jesus und dem Kreuz! Für Leute, die irgendwo merken, dass sie „schwach“ sind, die ihr eigenes Unvermögen erkennen und zugeben. Und auch für „Starke“, „Bedeutende“, denn auch die will Gott, will Jesus Christus auch für sich, die aber erkennen, dass sie ohne Jesus nichts sind; die sich beugen vor Gott und ihr Leben in seine Hand geben.

Die christliche Gemeinde ist die Gemeinde dessen, der sein Leben am Kreuz für sie gab. Die Schwachheit, das Anstößige des Kreuzes bildet sich auch in der Gemeinde Jesu Christi ab: Sie ist „Gemeinde unter dem Kreuz“. Sie hat nicht menschliche Macht zu bieten; sie darf nicht nach äußerer Macht und Geltung in dieser Welt aus sein. Und jetzt: 1. Der gekreuzigte Jesus bildet sich auch in den Boten, in den Verkündigern des Evangeliums ab.

Das, was für die Gemeinde gilt, gilt auch für den Gemeindegründer, den Leiter. Ganz volkstümlich gesagt: „Wie der Herr, so‘ s G’scherr!“Mal ehrlich: Was erwartet man von einem Verkündiger der Evangeliums? Ich zähle mal einiges auf:

Er oder sie soll eine imposante Persönlichkeit sein; soll fast überall „präsent“/anwesend sein; soll die Kirche/Gemeinde gut nach außen vertreten. Und natürlich soll er oder sie vor allem ein guter, mitreißender Redner sein; eine Führungspersönlichkeit, voller Entschlussfreude. All das kann man heutzutage in Ausschreibungen von Pfarrstellen nachlesen. Am besten ist man noch Medienfachmann, und es stehen ständig Berichte von ihm oder von der Kirchengemeinde in der Zeitung.

In den USA bewarb sich ein Pfarrer vor mehreren Jahren um einige Pfarrstellen. Überall wurden großartige Fähigkeiten gefordert. Er sagte dann resigniert: „In keiner einzigen Ausschreibung habe ich die Erwartung gelesen, dass der neue Pfarrer Jesus von Herzen lieb hat.“ (!)Wenn wir auf Paulus blicken, der die Gemeinde in Korinth gegründet hat, dann sehen wir, dass er viele dieser „normalen“ Erwartungen nicht erfüllt hat. Er war wohl in seiner äußeren Erscheinung nicht gerade beeindruckend und klein von Gestalt. Er war kein großer Redner, der mit seiner Eloquenz die Massen begeisterte. Er schreibt: „Ich kam als schwacher Mensch zu euch, war zurückhaltend und ängstlich.“ Er redete nicht in hochtrabenden Worten, gespickt mit Fremdwörtern – obwohl er es gekonnt hätte, denn er war äußerst gebildet, hochgelehrt als Theologe, der beste Theologe der Urchristenheit. Er war kein affektierter „Kanzelredner“, dem die Leute nachlaufen. Er predigte nicht sehr „geistreich“, „voller Esprit“ und Wortspiele. Denn: nicht alles, was „geist-reich“, „geist-voll“ ist, muss „voll des Heiligen Geistes“ sein!… Er überredete Menschen nicht, er manipulierte nicht durch Worte oder dadurch, dass er bewusst Emotionen, Gefühle erzeugte. Paulus bog auch die Botschaft des Evangeliums nicht um, passte sie nicht an den herrschenden Zeitgeist an, wie das heute oft geschieht. Vielmehr ließ er sich vom Geist Gottes leiten.Paulus hatte eine Entscheidung getroffen: „Ich hatte mir vorgenommen, mich allein auf Jesus Christus und seinen Tod am Kreuz zu konzentrieren.“ Er predigte die Mitte des Evangeliums: Jesus, den Gekreuzigten. Und das spürte man ihm ab: Durch diesen so schwachen Mann spricht der lebendige Jesus Christus; er handelt in der Schwachheit seiner Boten. Das ist Gottes Prinzip: Er gebraucht schwache Werkzeuge (auch dich und mich), damit Menschen zum Glauben finden.Ich denke an manche eigenen Erfahrungen (und die anderer): Manchmal hatte ich den Eindruck, eine „tolle“ Predigt gehalten zu haben, aber es kam keine Antwort, es tat sich nichts. Und dann fühlt man sich schwach und unvollkommen, hat vielleicht „nicht den besten Tag“ – und Gott stellt sich dazu; Menschen werden ermutigt und aufgebaut.Ich denke an einen katholischen Pater, der aus Deutschland stammte und in Uganda einen großen geistlichen Durchbruch bei einer Tagung miterlebte, wo er predigte. Er war die ganze Zeit durch eine Grippe gesundheitlich sehr angeschlagen; aber Gott gebrauchte ihn.Oder die Erfahrung eines anderen Gemeindepfarrers bei einer Bibelwoche in seiner Gemeinde: Ein Freund von ihm sprach am Abend vor Männern und redete seiner Meinung nach ziemlich wirr. Darauf angesprochen, sagte der Redner dann: „Ich konnte nicht anders…“ Und gerade das öffnete diese Männer für die Botschaft von Jesus!Also: Es sind gute Voraussetzungen, wenn wir uns vielleicht gar nicht so „gut“, „kompetent“ fühlen. Natürlich soll man sich bestens vorbereiten, sich fortbilden. Aber wir sollen wissen: Es hängt nicht an mir, sondern an Gott! Darum müssen wir nicht immer gleich und zu allem etwas sagen. Aber wir dürfen die Hauptsache nicht verschweigen! Charles Haddon Spurgeon, der „der König der Prediger“ des 19. Jahrhunderts in England genannt wurde, sagte auf seinem letzten Krankenlager: „Meine Theologie wird immer einfacher, sie besteht nur noch aus vier Worten: Jesus starb für mich!“

Der gekreuzigte Jesus bildet sich also in den Boten, den Verkündigern des Evangeliums ab, er gebraucht schwache, unvollkommene Leute.Und so gilt: 2. Der gekreuzigte Jesus erweist seine Kraft Paulus schreibt: „Die Kraft des Heiligen Geistes hat unter euch gewirkt.“ (Vers 4)Der Heilige Geist überredet nicht, aber er überführt: Er überführt Menschen von Schuld, zeigt ihnen die Wahrheit in Jesus Christus. Da findet jemand zum Glauben und beugt sich vor Gott/Jesus.Es gibt Kraftwirkungen des Heiligen Geistes: Menschen werden von Krankheiten geheilt. Es kommt zu Lebensveränderungen; zur Befreiung von Süchten und zerstörerischen Abhängigkeiten.Ein Mann, der ein schwerer Alkoholiker war und seine Frau grün und blau schlug, kam zum Glauben. Alles veränderte sich bei ihm. Im Alter hob er seine gehbehinderte, an den Rollstuhl gefesselte Frau liebevoll herum, war immer für sie da. Das ist die Kraft des Heiligen Geistes!

So ist Gottes Kraft am Wirken: Sie verändert Menschen; so haben es auch die Korinther erfahren! Korinth war ja Hafenstadt mit allen möglichen Lastern. Da gab es Leute mit schweren sexuellen Verfehlungen, da gab es Trunkenbolde, Geizige, Diebe. Paulus erwähnt das im 6. Kapitel seines Briefes. Doch dann schreibt er: „Aber ihr seid rein gewaschen, geheiligt, gerecht geworden durch den Namen des Herrn Jesus Christus und durch den Geist unseres Gottes.“Und so kann Paulus sagen: „So verhielt ich mich, damit ihr auf die Kraft Gottes vertraut und nicht auf menschliche Weisheit.“ (Vers 5) Das ist das Ziel: 3. Auf das richtige Fundament kommt es an! Nicht von Menschen darf unser Glaube abhängen, nicht auf Menschen sollen wir uns gründen oder uns an sie hängen, seien sie noch so „powerful“, noch so tolle Prediger, Seelsorger und geistliche Persönlichkeiten.Gegen Ende des 19. Jahrhunderts ging die Kunde durch Europa, der Glockenturm auf dem Markusplatz in Venedig, der Campanile, sei ganz plötzlich am helllichten Tag zusammengestürzt und habe den Markusplatz mit seinen Trümmern überschüttet. Wie kam das? Im Bau selbst hatten sich nirgends Risse gezeigt. Die Quadersteine waren fest ineinander gefügt. Der Fehler lag im Fundament. Die schweren Balken, mit denen dieser alte Bau in den Meeresgrund der Lagunen eingerammt war, waren morsch geworden; daher der plötzliche Zusammenbruch.

Wer seinen Glauben auf Menschen gründet und nicht auf Gottes Kraft, wird irgendwann Ähnliches erleben. Wenn Schwierigkeiten auftreten, Leiden und Enttäuschungen; denn auch die besten, die „Superchristen“ sind nur Menschen und fehlerhaft. Darum sollen wir unseren Glauben auf Gott und seine Kraft gründen.Was ist denn, wenn so ein geistlicher Leiter, wenn ein Pfarrer, ein Seelsorger dann mal weggeht oder in den Ruhestand geht; wenn er oder sie vielleicht sogar einen Fehltritt begeht? Nein, wir wollen und sollen uns nicht letztlich an Menschen binden, sondern an Jesus!

Denn Jesus, der Gekreuzigte, ist der Grund des Glaubens. Das Kreuz ist die Mitte des Glaubens. Und der gekreuzigte Jesus bildet sich ab in der Gemeinde und ihrer Schwachheit; er bildet sich ab in den Verkündigern und ihren Unvollkommenheiten; und er erweist seine Macht, seine Kraft so, dass Menschen verändert werden und ihm immer mehr vertrauen – „damit ihr auf die Kraft Gottes vertraut und nicht auf menschliche Weisheit.“ Amen.

Lied nach der Predigt: Neues Liederbuch 032: Du bist mein Zufluchtsort

Pfarrer Hans Weghorn, Neunkirchen am Sand