Predigt am 20. Sonntag nach Trinitatis  17.10.2021

über Prediger 12,1-7    

Liebe Gemeinde, alt werden wollen alle, alt sein will niemand. Vor allem nicht »alt aus-sehen«. Dabei werden wir immer älter, denn die durchschnittliche Lebenserwartung ist bei uns in den letzten Jahrzehnten stetig gestiegen. Die dritte Lebensphase ist für viele Menschen in unserem Land so lang geworden, dass die Altersforscher längst unterscheiden: Es gibt die Jung-Senioren ab 55, das klassische Seniorenalter ab 67 und die Hochaltrigen ab 80. Es beginnt mit Mitte fünfzig, weil hier oft eine Unruhe einsetzt. Sie wird dadurch ausgelöst, dass sich Alterserscheinungen bemerkbar machen. Plötzlich wird uns klar, dass das Leben begrenzt ist. Am Ende der Erwerbstätigkeit kann eine Sinnkrise dazukommen. Die Krise gipfelt in der Frage, wie wir mit dem Altern zurechtkommen wollen. Wir hören heute aus dem Alten Testament, wie sich der Prediger Salomo zu den Altersjahren äußert. Eher pessimistisch, denn er weiß – vielleicht sogar aus eigener Erfahrung –, dass uns im Alter Gebrechen zu schaffen machen. Mit einer Reihe von Anspielungen auf körperliche Verfalls-erscheinungen zeichnet er ein ziemlich düsteres Altersbild. Kein Wunder, gab es doch zu seiner Zeit weder Brillen gegen Sehschwäche noch Hörgeräte gegen Schwerhörigkeit oder Prothesen gegen den Zahnausfall. Von hilfreichen Medikamenten ganz zu schweigen. Allerdings – und das ist das Besondere – verfällt der Prediger Salomo nicht vollständig in den Klagemodus, sondern hält trotz allem den Blick auf Gott gerichtet. Hören wir, was der Weisheitslehrer sagt (nach „Gute Nachricht“):   1 Denk an deinen Schöpfer, solange du noch jung bist, ehe die schlechten Tage kommen und die Jahre, die dir nicht gefallen werden. 2 Dann verdunkeln sich dir Sonne, Mond und Sterne und nach jedem Regen kommen wieder neue Wolken. 3 Dann werden deine Arme, die dich beschützt haben, zittern und deine Beine, die dich getragen haben, werden schwach. Die Zähne fallen dir aus, einer nach dem anderen; deine Augen werden trüb 4 und deine Ohren taub. Deine Stimme wird dünn und zittrig. 5 Das Steigen fällt dir schwer und bei jedem Schritt bist du in Gefahr, zu stürzen. Draußen blüht der Mandelbaum, die Heuschrecke frisst sich voll und die Kaperfrucht bricht auf; aber dich trägt man zu deiner letzten Wohnung. Auf der Straße stimmen sie die Totenklage für dich an. 6 Genieße dein Leben, bevor es zu Ende geht, wie eine silberne Schnur zerreißt oder eine goldene Schale zerbricht, wie ein Krug an der Quelle in Scherben geht oder das Schöpfrad zerbrochen in den Brunnen stürzt. 7 Dann kehrt der Leib zur Erde zurück, aus der er entstanden ist, und der Lebensgeist geht zu Gott, der ihn gegeben hat.   1. … und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat »Denk an deinen Schöpfer, solange du noch jung bist.« – Ob sich junge Leute heutzutage diesen Ratschlag des Predigers Salomo noch gefallen lassen würden? Wie gut, wenn sie in einem Umfeld aufwachsen können, in dem der Glaube an Gott noch nicht völlig ausgeblendet ist. In unseren Gemeinden müssen wir Kindern und Familien helfen und Angebote zur christlichen Erziehung machen. Auch wenn die gesellschaftliche Entwicklung in eine andere Richtung geht, bleiben wir dran. Denn die meisten Erwachsenen, die sich zu Jesus Christus bekennen, haben irgendwann im Kindesalter oder als Jugendliche schon von ihm gehört. »Denk an deinen Schöpfer in deiner Jugend!« Diese Aufforderung des Prediger Salomo fordert alle Älteren heraus, den jüngeren Generationen Glaubenserfahrungen zu ermöglichen. Es geht um eine Art geistlicher Generationengerechtigkeit. Jugendliche sind durchaus auf den Glauben ansprechbar. Warum würden sie sonst den Konfirmandenunterricht besuchen – oder die Jugendgruppe unserer Kirchengemeinde, die nun neu entstanden ist? Als Erwachsene sind wir skeptisch. Wir denken, den Konfis ginge es vor allem ums Geld. Dem widersprechen die Umfragen. Die zeigen schon seit Jahren, dass Glaubensfragen und der Segen die entscheidenden Beweggründe für die Teilnahme am Konfirmandenjahr sind. Und was machen wir, wenn unsere Kindheit schon weit zurückliegt? Was machen wir, wenn wir gar die Last des Alters an »bösen Tagen« zu spüren bekommen? Sollen das wirklich Jahre sein, zu denen wir sagen: »Sie gefallen mir nicht«? »Denk an deinen Schöpfer!« Der Aufruf des Predigers Salomo kann auch allen, die sozusagen zur »reiferen Jugend« gehören, aufhelfen. Besinnen wir uns doch auf den Schöpfer, der uns selbst im Alter Lebenskraft schenkt. Freuen wir uns über alles, was wir noch tun können. Und entdecken wir, was er in unserem Leben Gutes getan hat. Ein achtzigjähriger Pfarrer hat das in den Corona-Monaten ganz bewusst in Angriff genommen. Er setzte sich hin und nahm sich Zeit, auf sein Leben zurückzublicken. Dann schrieb er einiges auf. Es wurde keine lückenlose Biographie. Aber am Ende hatte er doch eine erstaunliche Sammlung von Ereignissen aus seinem Leben, von denen er sagen konnte: Hier war Gottes Hand im Spiel. Wer es ausprobieren möchte: Man braucht dazu ein Blatt Papier und zwei Stunden Ruhe. Ich bin überzeugt, dass jeder von uns den Segen Gottes in seinem eigenen Leben entdecken kann. »Denk an deinen Schöpfer!«, empfiehlt uns der Prediger Salomo. Und der Psalmbeter ermuntert uns zum Lobpreis des Schöpfers: »Lobe den Herrn, meine Seele, und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat.« Selbst in Erlebnissen aus schweren Tagen können wir rückblickend Segensspuren unseres Schöpfers erkennen.   2. Chancen im dritten Lebensabschnitt In biblischen Zeiten kannten die Menschen keinen spürbaren Fortschritt. Die an Jahren Ältesten hatten deshalb auch die größte Erfahrung in der bäuerlichen Wirtschaft oder im Familienhandwerk. Auf ihren Rat konnten die Jüngeren nicht verzichten. Er war geradezu überlebenswichtig. Das ist heute anders. Die Welt verändert sich so schnell, dass ältere Menschen leicht abgehängt werden können. Wer im Alter nicht mehr gelernt hat, digital unterwegs zu sein, der kommt heute ohne Hilfe von Jüngeren kaum durch. Wen wundert’ s, dass alten Menschen oft wenig Achtung entgegengebracht wird. Ein junger Mann charakterisierte das ältere Ehepaar, mit denen er im Haus wohnte, erschreckend einfach so: »Alle Sinne nehmen im Alter ab, nur der Starrsinn nimmt zu.« (!) Sind die Altersjahre wirklich nur eine Last? Wer die Aussagen des Predigers Salomo liest, der erkennt wenig Spielraum für erfreuliche Gedanken. Nun haben sich aber auch hier die Verhältnisse gründlich gewandelt. Denn die Altersjahre bieten heute viele Möglichkeiten, die es früher so nicht gab. Jeder hat schon mit Freunden oder Bekannten gesprochen, die kurz vor dem Renteneintritt stehen. Und alle haben sie ziemlich genaue Vorstellungen davon, was sie dann unbedingt machen möchten: Endlich zur Tauch-Saison an den Malawi-See fahren, weil das im Berufsleben in den kurzen Herbstferien nie möglich war. Endlich eine komplette Durchquerung Deutschlands mit dem Fahrrad, weil frühere Versuche aus Zeitgründen nur Stückwerk geblieben sind. Und natürlich der allgegen-wärtige Traum von wochenlangen Wohnmobil-Touren durch Südeuropa.   Aber was kommt danach? Wie gestalten wir den dritten Lebensabschnitt, wenn unsere »Unbedingt-noch-Projekte« abgehakt sind? Der Musik-produzent und Liedautor Gerhard Schnitter hat mit 80 ein Buch veröffentlicht. Es trägt den Titel: »Wie möchte ich alt werden? – Erfrischende Perspektiven für die reifen Jahre.« Aus Begegnungen und Gesprächen mit Senioren und aus dem, was er in der Bibel gefunden hat, stellt er zwölf Leitlinien auf, die seine Altersjahre bestimmen sollen. So sagt er zum Beispiel: »Ich möchte dankbar sein.« Und: »Ich möchte versöhnt leben.« Und: »Ich möchte singend alt werden.« Unsere Altersjahre sind von Gott geschenkte Zeit. Es lohnt sich unbedingt, auch für die Altersjahre Perspektiven zu entwickeln. Ein »Jung-Ruhe-ständler« hatte die bemerkenswerte Idee: Wir segnen Erstklässler zum Schulbeginn, Jugendliche bei der Konfirmation und Paare bei ihrer Hochzeit. Warum nicht über Ruheständlern den Segen Gottes sprechen, der sie in ihrer neuen Lebensphase begleitet?   3. Der Blick hinter den Vorhang So nüchtern und schonungslos der Prediger Salomo das Alter und unsere Vergänglichkeit beschreibt, so bemerkenswert ist sein Schlusswort. Es ist im Grunde auch das letzte Wort im ganzen Buch des Predigers Salomo: „Dann kehrt der Leib zur Erde zurück, aus der er entstanden ist, und der Lebensgeist geht zu Gott, der ihn gegeben hat.“ Ja, es ist so, wie wir es auf dem Friedhof am Grab der Verstorbenen hören: Erde zur Erde, Asche zur Asche, Staub zum Staube. Aber der Geist, mit dem wir Menschen von unserem Schöpfer ausgestattet wurden, der vergeht nicht. Als Weisheitslehrer gehörte es nicht zu seinen Aufgaben, über die Unsterblichkeit der Seelen oder gar die Auferstehung der Toten zu reden. Das war den Priestern vorbehalten. Deshalb wagt der Prediger Salomo hier nur einen ganz verstohlenen Blick hinter den Vorhang. Er macht nur eine zarte Andeutung, dass unsere Altersleiden, der körperliche Verfall und schließlich der Tod nicht das Letzte sein werden.   Wir dürfen weiter sehen als der Prediger. Denn seit Ostern ist der Vorhang weggezogen. Und Jesus Christus hat uns versprochen: „Ich bin die Aufer-stehung und das Leben. Wer an mich glaubt, der wird leben, auch wenn er stirbt.“ (Joh 11,25) Darum wollen wir alles daran setzen, ob wir nun jung sind oder alt, dass wir an Ihn glauben, mit Ihm unterwegs sind in unserem Leben, und so am ewigen Ziel ankommen. Am besten so früh wie möglich im Leben. Darum, liebe Konfis, beschäftigt euch mit dem Glauben, sagt Ja  zu Gott, zu Jesus, und erfahrt, auch mit anderen jungen Christen zusam-men, dass der Glaube was mit dem Leben zu tun hat. Verschiebt das nicht aufs Alter. Es ist ein Trugschluss, zu sagen: Im Alter werden die Leute fromm oder gläubig. Das kommt – Gottseidank! – auch vor, aber oft ist das Gegenteil der Fall: Menschen sind resistent gegen den Glauben gewor-den, manche gar verhärtet, und wollen mit Gott nichts mehr zu tun haben. Darum zitiere ich nochmals den Prediger: „Denk an deinen Schöpfer, solang du noch jung bist.“ Sagt Ja zu Gott und bleibt bei ihm in allen Zeiten des Lebens! Und das gilt für uns alle. Dann kann auch der körperliche und vielleicht geistige Verfall des Alters uns nicht trennen von unserem Gott und unserem Herrn Jesus Christus, und wenn wir sterben, werden wir in Ewigkeit mit ihm verbunden sein. Amen.   Lied nach der Predigt: EG 408: Meinem Gott gehört die Welt