Predigt am 4. Sonntag nach Trinitatis 27.6.2021 

zu Römer 12,17-21

17 Vergeltet niemandem Böses mit Bösem. Seid auf Gutes bedacht gegenüber jedermann.

18 Ist‘ s möglich, soviel an euch liegt, so habt mit allen Menschen Frieden.

19 Rächt euch nicht selbst, meine Lieben, sondern gebt Raum dem Zorn Gottes; denn es steht geschrieben: »Die Rache ist mein; ich will vergelten, spricht der Herr.«

20 Vielmehr, »wenn deinen Feind hungert, so gib ihm zu essen; dürstet ihn, so gib ihm zu trinken. Wenn du das tust, so wirst du feurige Kohlen auf sein Haupt sammeln«.

21 Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem.

Liebe Gemeinde,

wie geht es Ihnen, wenn sie solche Worte hören? „Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem.“ Das klingt ja gut, aber ist es so leicht zu leben? Wie ist das, wenn mir einer ständig auf die Nerven geht mit seiner Nörgelei; wenn einer dem anderen das Leben „zur Hölle macht“, z.B. im Beruf durch Mobbing, durch üble Nachrede?

Dem natürlichen Menschen widerstrebt es, auf das Böse nicht auch gleich so zu reagieren: „Dem zeig‘ ich‘ s aber!“ – „Wie du mir, so ich dir!“ Irgendwo haben wir das alle im Blut… In allen Lebensbereichen ist das so. Das fängt doch nicht erst im Nahen Osten an zwischen Palästinensern und Israelis, sondern schon mitten im Alltagsleben unter uns: bei Kindern in der Familie; zwischen Mann und Frau; zwischen Nachbarn; ja, leider auch manchmal in einer Kirchengemeinde!

Ein bekannter Fußballspieler sagte kurz vor einer Weltmeisterschaft in einem Fernsehinterview: „Ein Vollprofi kann sich Fairness nicht leisten. Jeder von uns muss absichtlich foul spielen, um erfolgreich zu sein.“ Die derzeitige Europa-meisterschaft liefert dazu genügend Beispiele…

So sind wir Menschen: Wir vergelten, wollen heimzahlen. Das sind die Spielregeln dieser Welt, vom kleinsten persönlichen Konflikt bis hinein in die großen weltpolitischen Zusammenhänge.

Jesus aber und das Neue Testament sagen: Ihr habt als Christen andere, neue Spielregeln! – Dieser Text ist an bewusste Christen gerichtet. Menschen, die mit dem Glauben an Jesus nichts anfangen können, können diese Aufforderungen nicht verstehen. Für die ist das „weltfremd“. Menschen aber, die mit Jesus Christus leben und nach Seinen Maßstäben handeln wollen, lassen sich Hilfen geben, weil auch sie von Natur aus nicht dazu fähig sind.

Die 1. Grundregel: Überwinde das Böse in dir selbst; besser gesagt: Lass das Böse in dir selbst überwinden!

Damit ist schon ausgedrückt: Ich kann‘ s selber nicht! Ich werde nicht Herr über das Böse in mir.

Dabei gehen wir aus von dem biblischen Realismus, der sagt: Der Mensch ist von Natur aus nicht gut. Das behaupten zwar viele, sogar bis hinein in den Raum der Kirche, dass der Mensch im Kern seines Wesens gut sei und nur durch seine Umwelt, durch falsche Erziehung, durch das Gesellschaftssystem und andere äußere Einflüsse sich zum Bösen entwickele. Doch das ist Humanismus, nicht christlicher Glaube. Die Bibel ist radikal und sagt: „Das Dichten und Trachten des menschlichen Herzens ist böse von Jugend auf.“ (1. Mose 8,21) Das ist nicht schmeichelhaft und der gerade Gegensatz zu Goethes Satz: „Edel sei der Mensch, hilfreich und gut.“ – Doch wenn wir ehrlich sind, entdecken wir bei uns Böses: schlechte Gedanken über andere, destruk-tive Worte und Verhaltensweisen. Ich bin dann vielleicht durchaus „im Recht“, aber ich bin entsetzt über mich selbst, was da nun alles zum Vorschein kam an angestautem Ärger, was in mir brodelt und nicht bewältigt ist.

Ich brauche die Hilfe Gottes. Er hat – Gottseidank! – das Böse überwunden durch seinen Sohn Jesus Christus, der am Kreuz sein Leben auch für mich gab. Ich kann ihn um Vergebung bitten für meine negativen Gedanken, Worte und Verhaltensweisen, ich muss nicht zulassen, dass das Negative sich in mir anstaut. Ich darf aus Gottes Barmherzigkeit und Vergebung leben. Wenige Verse vorher schreibt Paulus zu Beginn des Kapitels (Römer 12,1): „Ich ermahne euch durch die Barmherzigkeit Gottes…“ Das ist die Grundlage für unser Leben und Zusammenleben: Gottes Barmherzigkeit durch Jesus. So wie es auch in der Jahreslosung heißt:„Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist.“ (Lukas 6,36)

Durch Gottes Barmherzigkeit und Seine Güte wird das Böse in uns über-wunden. Ein Christ ist einer, der immer wieder Gott um Vergebung bittet und so neu anfangen kann. Vielleicht am Ende des Tages beim Tagesrückblick. Und wenn ich allein nicht klarkomme, im Gespräch und Gebet mit einem seelsorgerlichen Menschen, der mir zuhört und mir Gottes Vergebung zuspricht. Es ist nur wichtig, dass ich meinen Ärger, meinen Groll und meine Bitterkeit nicht in mich „hineinfresse“!

Im Zweiten Weltkrieg gab es die sogenannten „V-Waffen“: Vergeltungswaffen. Als Christen haben wir dagegen eine andere „V-Waffe“: die Vergebung, die Gott uns schenkt!

Die 2. Grundregel: „Seid auf Gutes bedacht gegenüber jedermann.“ (Vers 17)

Wenn ich Gottes Erbarmen und seine Vergebung erfahren habe, dann werde ich den anderen eher mit Gottes Augen sehen: nicht als „Feind“, sondern als einen von Gott geliebten Menschen, der voller Angst und Probleme ist, ja, der vielleicht wenig Liebe erfahren hat. Dann bekomme ich eine neue Haltung ihm gegenüber, ein neues Denken.

Es ist nicht so wie einem Ehepaar (das war irgendwo anders). Der Ehemann erzählte seinem Freund: „Wenn wir uns mal streiten, wird meine Frau immer gleich historisch.“ – „Du meinst hysterisch“, warf der Freund ein. – „Nein, historisch“, sagte der Ehemann. „Sie hält mir jeden Fehler, jede Lieblosigkeit, jedes falsche Wort aus zehn Jahren Ehe vor!“ – Ja, es gibt so viele Leute, die werden „historisch“…!

Das ist das alte, nicht christusgemäße Denken und Verhalten, das es abzu-legen gilt. Jesus will das neue Denken, die neue Einstellung geben. „Seid auf Gutes bedacht“, d.h.: Lass dein Denken nicht bestimmen von der Vergan-genheit, von negativen Erfahrungen, sondern von Jesus. Jesus sah bei den Menschen zwar das Schlechte, das Abstoßende, das Böse, aber er sah vor allem, was aus ihnen werden könnte. So war es z.B. bei dem Oberzöllner Zachäus, der ein Betrüger war. Jesus aber sah in ihm einen von Gott geliebten Menschen, und durch den Umgang mit Jesus veränderte sich Zachäus völlig.

So soll es auch bei uns sein: Liebe sieht nicht zuerst auf das Böse, auf das, was der andere getan hat, sondern auf das, was durch Gebet, Segen und Liebe aus ihm werden kann. So kann Erbarmen mit ihm entstehen, weil ich merke: Er oder sie ist im Grunde ein armer Kerl. Dann kann ich für diese Person beten, sie im Stillen segnen. Wenige Verse vorher heißt es: „Segnet… und flucht nicht.“ (Vers 14) Und wenn ich für den anderen bete und ihn im Gebet segne, dann werde ich selber verändert.

Ein Christ erzählt: „Von Kinderbeinen an habe ich mich nicht mit meinem Bruder verstanden. Verletzungen rissen einen tiefen Graben zwischen uns. Als Christ wollte ich immer lieb zu ihm sein und ihm vergeben, vermochte es aber nicht. Bei nahezu jeder Begegnung mit ihm stieg die alte Bitterkeit und der Groll ihm gegenüber empor und schon war das nächste Wort vorprogrammiert. Auf einer Seelsorgetagung bekam ich die Gelegenheit, alle Verletzungen, die mir mein Bruder angetan hatte, in der Gegenwart Gottes auszusprechen. Daraufhin vergab ich ihm laut im Namen Jesu und wurde unter Handauflegung von all diesen bösen Bindungen gelöst. Dieses Erlebnis setzte solche Liebe für meinen Bruder in mir frei, dass ich ihm zum ersten Mal von Herzen sagen konnte, dass ich ihn lieb habe. Durch diesen einen Satz änderte sich sein Verhalten grundlegend. Nach einiger Zeit kam es zu einem ersten ehrlichen Gespräch, bei denen Dinge zutage kamen, von denen wir nichts wussten. Wir nahmen uns in die Arme, und ein neues Kapitel in unserer Beziehung begann.“

Wenn wir den anderen mit Gottes Augen sehen und für ihn beten, dann bekommen wir ungeahnte Kräfte:

3. Grundregel: Übe nicht selber Rache, vergilt nicht Böses mit Bösem (Vers 19)

Die Heilige Schrift fordert uns deutlich auf, das letzte Gericht Gott zu über-lassen. Wir sollen nicht, wie jemand mal sagte, selber „Gott spielen“. Er allein ist der Richter, er wird einmal einen jeden richten und die Übeltäter strafen, die nicht umgekehrt sind.

Gewiss: Menschliche Gerichte sind notwendig und sinnvoll und sollen für Gerechtigkeit sorgen. Justizorgane sind von Gott eingesetzt und vollziehen Strafgericht an denen, die Böses tun. Aber die persönliche Rache ist einem Christen verwehrt. Es ist Gottes Sache!

Der französische Evangelist Dapozzo kam wegen seines Glaubens im Dritten Reich in das Konzentrationslager. Von dort kam er mit einem ganz zerschla-genen Arm heraus. Er erzählt: Im KZ ließ mich um die Mittagszeit mal der Lagerleiter holen. Ich wurde in ein Zimmer geführt, in dem der Tisch gedeckt war. Und dann kommt der Lagerleiter. Ich hatte brüllenden Hunger. Und dann setzt der Lagerleiter sich hin und bekommt ein phantastisches Essen serviert, einen Gang nach dem andern. Und ich muss strammstehen und zusehen. Er macht mir vor, wie es ihm schmeckt – und ich sterbe vor Hunger. Am Schluss lässt er sich Kaffee bringen. Dazu stellt er ein Päckchen auf den Tisch und sagt: „Sehen Sie mal, das hat Ihre Frau Ihnen aus Paris geschickt. Gebäck!“ Ich wusste, wie wenig es zu essen gab und wie meine Frau gespart haben musste, um die Plätzchen zu machen. Ich bitte ihn: „Geben Sie mir wenigstens eins, ich will es nicht essen, ich möchte es zum Andenken an meine Frau haben.“ Und lachend isst er das letzte auf. Das war ein Moment, in dem man hasst! Und Dapozzo fuhr wörtlich so fort: „In dem Augenblick wurde mir klar, was es heißt: „Die Liebe Gottes ist ausgegossen in unser Herz.“ Ich konnte den Mann lieb haben. Ich dachte: Du armer Mann! Keinen Menschen hast du, der dich liebt. Nur Hass umgibt dich. Wie gut habe ich es als Kind Gottes!“ Er konnte ihn einhüllen in Mitleid und Erbarmen. – Da sprang der Mann auf – er spürte das – und rannte hinaus!

Nach dem Krieg hat Dapozzo den Mann besucht. Da wurde dieser bleich: „Sie wollen sich rächen!“- „Ja“, sagt Dapozzo, „ich will mich rächen. Ich möchte eine Tasse Kaffee bei Ihnen trinken. Und im Auto habe ich die Torte mitge-bracht. Und jetzt essen und trinken wir zusammen!“ Und dem Mann geht erschütternd auf, dass ein Mensch, der in die Gewalt von Jesus gekommen ist, nicht mehr hassen muss, dass er frei gemacht ist vom Vergelten und von der Rache, weil die Liebe Gottes ausgegossen ist in sein Herz. Dapozzo erzählt weiter: Der Kommandant begann zu weinen und mich um Verzeihung zu bitten. Ich erzählte ihm, dass ich ihm um Jesu willen vergeben hatte. – Ein Jahr später bekehrte sich dieser Mann mit seiner Frau zu Christus!

Liebe Gemeinde, es ist uns nicht versprochen, dass wir hier auf dieser Erde immer Recht bekommen. Öfter werden wir „den kürzeren ziehen“, obwohl wir doch wirklich Recht hatten. So ging es ja Jesus selbst auch. Doch Gott wird einmal alles zurechtbringen, er wird richten. Wir übergeben die Menschen, die uns das Leben schwer machen, ihm, und hoffen auf seine Gerechtigkeit. Wir wollen nicht nach der Devise handeln: „Wie du mir, so ich dir!“, sondern nach Gottes Grundregeln leben. Darum: „Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem.“ Amen.

Lied nach der Predigt:

Evang. Gesangbuch 572,1-4: Herr, wir bitten: Komm und segne uns

Pfarrer Hans Weghorn, Neunkirchen am Sand