Predigt am 4. Sonntag vor der Passionszeit 06.02.2022

über Markus 4,35-41

Und am Abend desselben Tages sprach Jesus zu seinen Jüngern: Lasst uns ans andre Ufer fahren.

36 Und sie ließen das Volk gehen und nahmen ihn mit, wie er im Boot war, und es waren noch andere Boote bei ihm.

37 Und es erhob sich ein großer Windwirbel, und die Wellen schlugen in das Boot, sodass das Boot schon voll wurde.

38 Und er war hinten im Boot und schlief auf einem Kissen. Und sie weckten ihn auf und sprachen zu ihm: Meister, fragst du nichts danach, dass wir umkommen?

39 Und er stand auf und bedrohte den Wind und sprach zu dem Meer: Schweig! Verstumme! Und der Wind legte sich und es ward eine große Stille.

40 Und er sprach zu ihnen: Was seid ihr so furchtsam? Habt ihr noch keinen Glauben?

41 Und sie fürchteten sich sehr und sprachen untereinander: Wer ist der, dass ihm Wind und Meer gehorsam sind!

Liebe Gemeinde,

diese Geschichte, die viele von uns von Kindesbeinen an kennen, hat schon vielen Menschen in ihren Schwierigkeiten Kraft und Mut gegeben. Es ist eine Geschichte, die aufzeigt, welche Macht Jesus hat, gerade in unüberwindlich erscheinenden Problemen. Sein Wort überwindet die Angst, den Sturm und die Wellen, die auf uns einstürzen und uns fertigmachen wollen.Als ich diese Geschichte einmal im Religionsunterricht erzählte, machten die Kinder spontan Bewegungen dazu: Sie trommelten auf die Bänke wie der Regen auf das Boot; sie bliesen und ahmten den starken Wind nach.

„Stürme des Lebens“ erlebt jeder, seien es Krankheiten, Arbeitsprobleme, Todesfälle in der Familie und Freundschaft oder der Zerbruch von Beziehungen. Und weltweit, global erleben wir nun schon seit fast zwei Jahren eine Pandemie, die allen zusetzt und vieles durcheinander bringt.

Aber wir wollen diese Geschichte von der Sturmstillung zuerst einmal für die Gemeinde Jesu hören, für die Kirche, die Jünger/innen von Jesus. Denn dieses Boot, das Schiff ist ein Sinnbild, ein Symbol für die christliche Kirche, für die Gemeinde Jesu Christi. Eben haben wir das Lied gesungen: „Ein Schiff, das sich Gemeinde nennt“. Und so haben es die ersten Christen erlebt und seitdem alle Christengenerationen: Jesus ist dabei auf dem „Kirchenschiff“, das bedroht ist und unterzugehen droht; er rettet durch sein machtvolles Wort und bringt seine Gemeinde sicher ans Ziel.

Gehen wir an dieser Geschichte entlang anhand von drei Punkten:

1. Mit Jesus im Boot

2. Mit Jesus im Sturm

3. Mit Jesus ans Ziel

1. Mit Jesus im Boot

Das sind die Jünger von Jesus, die das hier erleben. Also diejenigen, die Jesus nachfolgten, mit ihm unterwegs waren. Christen, das sind Leute, die „mit Jesus im Boot“ sitzen; die mit ihm verbunden sind, Gemeinschaft persönlicher Art mit ihm haben. Im Bild gesprochen: Jesus ist der „Kapitän“ des Schiffes! Und darauf kommt´ s ja an in diesem Leben: dass wir mit Jesus unterwegs sind; dass er der „Kapitän“ unseres Lebens ist. Dass wir uns ihm anvertrauen. Dass wir sozusagen nicht „am sicheren Ufer bleiben“ (wie es doch viele tun!), in einer bestimmten Distanz zu Jesus. Sie haben zwar nichts gegen ihn und gegen seine Gemeinde, aber sie sind eben auch nicht voll dabei. Es könnte ja zu riskant werden; könnte ja eine Entscheidung und Verbindlichkeit von mir verlangen! Mal ehrlich: Wären die Jünger nicht ins Boot bei Jesus eingestiegen, dann wären sie doch gar nicht in den Sturm gekommen. Wären sie am Strand geblieben, dann hätten sie „ihre Ruhe gehabt“, der Sturm hätte ihnen nichts ausgemacht. Da schrieb eine Konfirmandin in einer anderen Gemeinde vor Jahren Gedanken zu ihrem Konfirmationsspruch auf, der lautete: Jesus spricht: „Meinen Frieden gebe ich euch.“ Sie schrieb: „Jesus wird mich schon in Frieden lassen.“ (!) Da hat das Mädchen aber was falsch verstanden…Jesus will nämlich klare Sache, er will Entscheidungen: „Steig ganz ein – oder lass es ganz sein!“ (!) Bei alledem sind wir ja nicht allein unterwegs. Es heißt: „und es waren noch andere Boote bei ihm.“ Wenn wir Jesus vertrauen, sind wir mit vielen anderen unterwegs, die auch Jesus als Herrn haben! Wir leben den Glauben als Gemeinschaft und stehen uns gegenseitig bei.

Und nun beginnt die Fahrt: mit Jesus im Boot. Am Anfang ist es ganz nett, wunderbar, kein Wölkchen am Himmel, alles harmlos und beschwingt. Es herrscht Freude und Friede an Bord. Am Anfang sieht das Leben mit Jesus harmlos aus: Als kleines Kind wird man getauft, dann geht man in den Kindergottesdienst und in die Kindergruppe, dann kommt der Konfi-Unterricht, man besucht den Gottesdienst – alles schön feierlich, vielleicht auch ein bisschen langweilig, jedenfalls ziemlich ungefährlich. Also: „Mit Jesus im Boot“: das macht das Christsein aus. Jesus ist der „Kapitän“ unseres Lebens, ihm, unserem Herrn folgen wir.

Aber plötzlich geht´ s los:

2. Mit Jesus im Sturm

„Da erhob sich ein großer Windwirbel, und die Wellen schlugen in das Boot, sodass das Boot schon voll wurde.“ (Vers 37) Es kommt fast zwangsläufig. Das Leben mit Jesus ist keine harmlose Vergnügungsfahrt. Gerade Leute, die sich bewusst zu Jesus halten, werden auf Dauer den Gegenwind merken. Wer bei Jesus einsteigt, mit Jesus lebt, muss mit Sturm rechnen! Wer keine Scherereien haben will wegen Jesus, für den ist es besser, gar nicht erst „einzusteigen“. Jesus nachfolgen, das heißt auch: einen Schritt heraustreten aus der Masse. Und das gefällt vielen nicht! Wer möchte, dass die Fahrt seines Lebens nur glatt verläuft, der ist bei Jesus auf dem falschen Dampfer.

Jesus ist kein Talisman, der unfallfreie Lebensfahrt garantiert! Manche betrachten ihn so und steigen dann bei den ersten Schwierigkeiten aus; aber solche Schwierigkeiten treten unweigerlich auf!Plötzlich ist alles anders, und die Jünger bekommen panische Angst – auch die erfahrenen Fischer, die schon manchen Sturm überstanden haben. Sie merken: Heute bläst noch ein ganz anderer Wind, heute geht´ s ans Eingemachte! Nun: Es ist nicht Jesus, der Angst einjagt! Er schläft nämlich ganz friedlich. Es sind vielmehr Mächte von außerhalb des Kahns, wider-göttliche Mächte, letztlich der Teufel, der dagegen Sturm läuft, dass Menschen klare Sache mit Jesus machen. Er kann und will das friedliche Schiff der Gemeinde nicht in Ruhe lassen. Er will die Jünger Jesu, die Christen mit aller Gewalt wieder aus dem Boot herausholen, bringt sie in schwierige Situationen hinein, so dass sie am liebsten aufgeben möchten… Denken wir nur an die Christenverfolgungen damals und zu allen Zeiten; und auch heute werden sehr viele Christen wegen ihres Bekenntnisses zu Jesus diskriminiert und verfolgt. Und: Auch Christen sind nicht gefeit vor Krankheiten, vor Kündigung des Arbeitsplatzes, vor familiären Problemen, Todesfällen!

Doch was das besonders Schlimme ist hier: Jesus schläft – während seine Jünger kämpfen!

Haben wir nicht manchmal den Eindruck, dass alle widergöttlichen Kräfte voll aktiv, wach sind – und dass Gott schläft? Auch im globalen Bereich: Es herrschen Krieg, Hunger und Ungerechtigkeit, und auch wir als Christen fragen: Wie kann Gott das alles zulassen? Ist denn Gott überhaupt noch da?

Aber unsere Geschichte zeigt uns Ja, er ist da! Jesus ist mit im Boot – und er ist mit im Sturm: „Mit Jesus im Sturm“! Wenn Jesus mit dabei ist, auch im größten Sturm – dann kann das Boot der Gemeinde nicht untergehen! Dann kann es hin- und hergeworfen werden wie eine Nussschale – und auch unser eigenes Leben – aber wir gehen nicht kaputt, wir versinken nicht im Verderben! Ein Pfarrer erzählt: Ich war mit einer Freizeitgruppe auf der Rückreise von der Ostseeinsel Bornholm. Schon seit Tagen stürmte es über der Ostsee. Die Fähre, mit der wir zurückfahren sollten, konnte wegen des Seegangs zwei Tage nicht anlegen. Auch als dann endlich die Rückfahrt möglich war, bliesen noch Windböen in Orkanstärke. Unser riesiges Schiff wurde wie eine Nussschale über die Ostsee geschaukelt. Auf dem ganzen Schiff gab es nur ängstliche und blasse Gesichter. Wem von unserer Freizeitgruppe nicht übel war, der betete. Irgendwie musste ich mit unserem Busunternehmen telefonisch Kontakt aufnehmen. Damals gab es noch keine Handys. Ein Stuart führte mich auf die Brücke zum Kapitän. Als ich den riesigen Raum betrat, war es mir, als sei ich in einer anderen Welt. Hier war alles ruhig. Der Kapitän und seine Offiziere schauten den meterhohen Wellenbergen gelassen entgegen und steuerten das Schiff routiniert in den Hafen. – So ist es wohl auch bei Jesus, dachte ich. Während es bei den Passagieren drunter und drüber geht, steht des Kapitän unseres Lebens ganz ruhig auf der Brücke und bringt uns zum Ziel, das er für uns bestimmt hat.

Nun, die Angst der Jünger ist völlig verständlich; aber sie ist im Grunde umsonst. Sie ist sinnlos, ja, sie ist Unglaube. Und deshalb sagt Jesus nun auch nicht: Es geht alles vorüber, es geht alles vorbei. Nach jedem Dezember folgt wieder ein Mai! Er sagt auch nicht: Auf meinem Schiff ist Angst verboten, was seid ihr nur für Leute! All das hilft in der Angst nicht weiter. Mit Vernunft ist ihr nicht beizukommen. Denn die Angst sitzt nicht im Kopf, sondern im Herzen, in der Seele, in einem Bereich, wo die Vernunft nicht hinreicht – wo aber der Glaube hinreicht! Der Glaube an einen Frieden, der stärker ist als alle Vernunft! Angst kann nur vom Glauben überwunden werden. Und deshalb stellt Jesus ihnen, nachdem er den Sturm beseitigt hat, nur eine einzige Frage: „Was seid ihr so furchtsam? Habt ihr noch keinen Glauben?“ (Vers 40)

Das ist die Frage, die heute auch an uns gestellt wird, in welcher Situation wir immer uns befinden mögen. Jesus fordert uns auf: Vertraue mir! Vertraue meinem Wort, das mächtiger ist als die Stürme des Lebens. Traue mir noch einmal zu, dass ich dir Ruhe/Frieden geben kann.

Wer sich ihm, Jesus, anvertraut, der wird zwar immer wieder Angst haben, aber er darf auch erfahren: Ein Wort von Jesus genügt, und die Situation wird verändert, Ruhe und Frieden kehren ein…Und so geschieht es:

3. Mit Jesus ans Ziel

Sie kamen drüben an, am andern Ufer: mit Jesus, nach dem Sturm. Ja, so ist es: Wer mit Jesus unterwegs ist, wer ihn als „Kapitän“ hat, der erlebt manche Lebens-Stürme – aber er weiß: Ich komme an „drüben“: am Ziel meines Lebens. In der ewigen Herrlichkeit bei Gott, auch wenn dieses Leben hier auf der Erde vorbei ist. Das ist doch ein Trost für den einzelnen Christen, der zu kämpfen hat in den Stürmen des Leben. Aber auch für die christliche Gemeinde, der ja heute der Wind stärker entgegen weht als früher. Die an Jesus glaubende Gemeinde wird nicht untergehen, weil Jesus dabei ist, mit im Boot ist! Welch eine Ermutigung, mit Jesus zu leben, bei ihm zu bleiben, ihn den Herrn sein zu lassen.

Die Frage für heute an uns ist: Wer ist Jesus für uns, für dich? Die Jünger fragten am Schluss: „Wer ist der, dass ihm Wind und Meer gehorsam sind?“ (Vers 41)

Ist Jesus nur die Gallionsfigur an unserem Schiffsbug, eine fromme Verzierung an der Außenwand, ein christlicher Aufkleber – oder ist er der Kapitän unseres Lebensschiffes?! Lassen wir uns heute neu einladen, bei ihm, bei Jesus einzusteigen, ihm zu vertrauen. So werden wir durch ihn auch in den Stürmen des Lebens bewahrt und gelangen an das Ziel unseres Lebens. Amen.

Lied nach der Predigt: EG 391: Jesu, geh voran

Pfarrer Hans Weghorn, Neunkirchen am Sand