Predigt am Karfreitag 15.04.2022

über Lukas 23,33-49

Liebe Gemeinde,

vorhin haben wir sie wieder gehört, die Leidensgeschichte von Jesus, haben sie in Gedanken vor uns gesehen: harte Soldaten, weinende Frauen, neugierige und spottende Zuschauer und dazwischen der Gekreuzigte – und die Frage heißt: Was ist daran so wichtig, dass wir im Jahr 2022 daran denken? Gefolterte und Ermordete gibt es viele in der Menschheitsgeschichte. Die Nachrichten sind voll davon. Täglich bekommen wir das mit aus der Ukraine, all die unsäglichen Grausamkeiten, die dort geschehen – aber auch an vielen anderen Orten der Erde, die kaum in den Nachrichten erwähnt werden. Es ist gut, dass uns der Karfreitag immer neu zur Sensibilität für das Leiden vieler Unschuldiger, Verfolgter oder Hungernder bewegt – gegen alle egoistische Gleichgültigkeit.

Aber, so fragen wir, warum gerade der Karfreitag? Was ist am Sterben von Jesus so einzigartig?

Hören wir auf der Suche nach Antworten noch einmal genauer hinein in die Worte, die Jesus, schon am Kreuz angenagelt, gesprochen hat, die drei Worte, die das Lukasevangelium überliefert. Wer schon Sterbende begleitet hat, weiß, wie wichtig letzte Worte sein können.

1. »Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun«

»Da kreuzigten sie ihn« – so berichtet die Passionsgeschichte kurz und knapp, ohne Schnörkel und ohne einen Hinweis auf die entsetzlichen Qualen einer Kreuzigung. Da führen die römischen Soldaten einen Befehl aus, tun ihren Job mit Hammer und Nägeln, brutal, hart, wie sie es gewohnt sind. Was zählt für sie schon ein Menschenleben?!

Da kreuzigten sie ihn – und dann: »Jesus aber sprach: Vater, vergib ihnen …«

Dieses »aber« ist wichtig. Jeder andere Mensch schreit bei diesem Schmerz. Jeder andere brüllt das Unrecht hinaus, das da an ihm geschieht. Jeder andere verflucht, verdammt, verwünscht. Aber Jesus betet: »Vater, vergib!« Verwirf sie nicht, so wie sie mich verworfen haben. Nagle sie nicht darauf fest, dass sie einen Unschuldigen annageln.

So bittet Jesus; und wir verstehen sein Sterben recht, wenn wir dieses Wort nicht einfach auf die Henkersknechte damals beziehen. Jesu Kreuz ist ein mächtiger Schrei nach Vergebung über dieser Welt. Da hält Jesus diese geschundene Erde seinem Vater entgegen, all das Leiden in der Welt, Hunger und Elend, die kriegerischen Schand- und Gräueltaten, alles Abirren der Menschheit in Gottesferne und Gottlosigkeit: »Vater, vergib ihnen!«

Und von dieser letzten Bitte von Jesus am Kreuz zieht sich nun eine Spur auch in unser Leben, eine heilende Spur der Liebe. Was hat sich nicht vielleicht angesammelt an Verbitterung: darüber, das andere uns schlecht behandelt haben. An Belastungen, wo wir schuldig geworden sind und uns das bis heute nachgeht: „Hätte ich das doch damals anders gemacht!“ Wo ich mir selber nicht vergeben kann. Wo mir immer wieder die Erinnerung an damals hoch kommt und mich in Scham und Angst versetzt.

Aber nun steht seit Karfreitag die große Bitte darüber: »Vater, vergib ihnen!«

Mit der Hingabe seines Lebens öffnet uns Jesus die Tür zu einem befreiten, frohen Leben mit Gott. All das Belastende darf zu ihm, in seinen Tod hineinfallen. Wer unter dem Kreuz von Jesus steht, der kann Vergebung annehmen, Heilung der Seele. Jesu Bitte an seinen Vater ist wie ein befreiendes Geschenk für uns: »Vater, vergib!«

Und das führt dazu, dass auch wir – vielleicht nach langer Zeit – anderen vergeben können, die an uns schuldig geworden sind. Dass auch wir aussprechen: „Vater, vergib ihnen…!“

Am 14. November 1940 griffen Nazi-Bomber London und unter anderem auch die Stadt Coventry an. Während eines elfstündigen Angriffs wurde die St. Michaels-Kathedrale fast vollständig zerstört. Über 1000 Menschen starben dabei. Als Pfarrer Dick Howard durch die Ruinen ging, fehlten ihm die Worte. Alles, was er tun konnte, war, mit Kreide auf eine stehen gebliebene Wand die Worte „Vater, vergib“ („Father forgive“) hinter den Altar zu kritzeln. Howard fügte nicht „den Nazis“ hinzu, sondern ließ die beiden Worte stehen, um uns alle in unsere eigene Sünde und Not einzuschließen.

Die Kathedrale wurde 1962 wieder aufgebaut, die Ruinen stehen neben dem neuen Gebäude. Die Worte „Father forgive“ sind nun dauerhaft über dem Altar eingraviert. Es sind aber nicht nur Worte. In der Kathedrale wird ein Dienst der Versöhnung ausgeübt, der in seiner Wirkung die ganze Welt berührt.

So wollen auch wir bereit sein, anderen, die uns Böses getan haben, die uns verletzt haben, zu vergeben, es ihnen nicht vielleicht bis an unser Lebensende nachzutragen, sondern durch das Vergeben selber frei zu werden..

Das führt uns zum zweiten Wort, das Jesus vom Kreuz herab sagt:

2. »Wahrlich ich sage dir: Heute wirst du mit mir im Paradies sein.«

Die beiden Männer neben Jesus am Kreuz: Der eine verhöhnt Jesus. Seinen Spott und den der Oberen des Volkes können viele Menschen heute verstehen: Wo ist die Macht Gottes gegen ein solches Leiden? Der Verurteilte hat sein eigenes Bild von einem starken Gott und von einem Retter, der von der römischen Macht befreit. Welches Gottesbild tragen wir in uns? Passt es zu Karfreitag?

Der andere der beiden kann Schuld bekennen und Vergebung erfahren.

Er kann in seiner letzten Lebensstunde etwas Tiefes bitten. „Herr, denke an mich, wenn du in dein Reich kommst.“ (V. 42). Jesus antwortet ihm: „heute wirst du mit mir im Paradies sein.“ (V. 43) Eine starke Zusage, ein tiefer Trost, eine helle Verheißung vom Kreuz herab. Kurz gesagt heißt sie: Du und ich – wir gehören zusammen. Auch wenn du schuldig bist, bleibst du mit mir. Sogar das Paradies steht jemandem offen, der von seiner Schuld weiß, aber der dann auch den kennt, der Versöhnung bereithält. Das gilt auch durch den Tod hindurch. Licht der Ewigkeit auf Golgatha.

Wenn Jesus unsere Schuld trägt und die unserer Mitmenschen, dann müssen wir nicht mehr nachtragend sein. Wer nachtragend ist, trägt ja etwas – er trägt eine Last, und die Seele wird dabei bitter. Wie eine bittere Wurzel kann sich Unversöhntheit im Leben einnisten. Da ist es eine starke, heilende Kraft, wenn Jesus bittet: »Vater, vergib«, und wenn er zusagt: Du und ich – wir bleiben verbunden selbst durch den Tod.

Vielleicht haben Sie schon einmal das Bild vom Klosterbrunnen in Maulbronn gesehen: Das Wasser läuft zuerst in die oberste Schale und von dort in die mittlere und dann weiter in die untere. So soll es mit Karfreitag auch sein: Die vergebende Liebe Gottes, die Kraft der Versöhnung will die Schale unseres Lebens füllen und dann überfließen zu den Menschen um uns und in all die Schalen unserer Lebensbezüge hinein.

Was brauchen wir dazu, um die Kraft der Versöhnung aufzu-nehmen? Im Kopf haben wir es wohl, aber wie kommt es ins Herz, in die Lebensmitte? Hören wir auf das – nach dem Lukasevangelium – letzte Wort von Jesus:

3. »Vater, ich befehle meinen Geist in deine Hände«

Jesus betet einen Psalm: das Abendgebet eines frommen Juden. Man muss sich das vorstellen: Die Soldaten, die Spötter und Gaffer, grausam geschäftiger Lärm – und darin dieses Gebet, dieses Sichfallenlassen in die Geborgenheit bei Gott. In deine Hände – meinen Geist, mein Leben. Wer mit dem Psalm und mit Jesus am Kreuz so beten kann, ist geborgen. Er kann im Vertrauen darauf leben – und auch sterben.

Diese Geborgenheit in Gott brauchen wir. Hier ist die Antwort, wie die versöhnende Kraft des Karfreitags vom Kopf ins Herz kommt. Wer mit dem sterbenden Jesus beten kann: Vater, in deine Hände gebe ich mein Leben, der kann auch alles Ungelöste ihm hinlegen. Der lernt Vertrauen und kann dann auch in großer Glaubensgelassenheit wieder in den Alltag gehen, auch zu seiner Arbeit, zu Mitmenschen und zu den Nöten unserer Welt.

Wie berichtet Lukas? Da kreuzigten sie ihn – und dann: Jesus aber sprach: »Vater, vergib ihnen.«

Dieses Aber steht da. Das große »Aber« Gottes über unserer schuldbeladenen Welt. Das Kreuz über den Nöten unserer Erde.

Da ist viel Leid – aber Jesus ist auch in den Tiefen da.

Da ist viel Schuld – aber es gibt die Kraft der Versöhnung.

Da ist der Tod – aber Jesus weist über die Schwelle hinüber. Ostern leuchtet auf. Neues Leben. Wir sind nicht allein, und wir sind nicht verloren. Denn »nun gehören unsre Herzen ganz dem Mann von Golgatha«. Amen.

Lied nach der Predigt: EG 93: Nun gehören unsre Herzen

Pfarrer Hans Weghorn, Neunkirchen am Sand