Predigt am Pfingstsonntag 05.06.2022

über Römer 8,1-11

1 Also gibt es jetzt für die, die zu Christus Jesus gehören, keine Verurteilung mehr.

2 Denn die Macht des Geistes, der Leben gibt, hat dich durch Christus Jesus von der Macht der Sünde befreit, die zum Tod führt.

3 Das Gesetz konnte uns nicht retten, weil unsere menschliche Natur ihm widerstand. Deshalb sandte Gott seinen Sohn zu uns. Er kam in menschlicher Gestalt wie wir, aber ohne Sünde. Gott zerstörte die Herrschaft der Sünde über uns, indem er seinen Sohn stellvertretend für unsere Schuld verurteilte.

10 Da Christus in euch lebt, wird zwar euer Körper aufgrund der Sünde sterben, aber durch den Geist empfangt ihr Leben, weil ihr von Gott gerecht gesprochen wurdet.

11 Der Geist Gottes, der Jesus von den Toten auferweckt hat, lebt in euch. Und so wie er Christus von den Toten auferweckte, wird er auch euren sterblichen Körper durch denselben Geist lebendig machen, der in euch lebt.

Liebe Gemeinde,

jemand hat nachgezählt: 21mal kommt das Wort „Geist“ im 8. Kapitel des Römerbriefes vor, häufiger als in allen anderen Kapiteln des ganzen Briefes zusammen. Damit ist dieses Kapitel (Römer 8) das „Geist-Kapitel‘“ nicht nur im Römerbrief, sondern im ganzen Neuen Testament! Der Apostel Paulus spricht vom „Leben im Geist“, im Heiligen Geist. Was ist nun dieses “Leben im Geist“? Einige wichtige Aussagen aus unserem heutigen Text:

1. Es ist ein befreites Leben

Zu allen Zeiten sehnt sich der Mensch nach einem Leben in Freiheit. Wir wollen nicht durch andere unterdrückt sein. Wir wollen unser Leben selber bestimmen können. Die Lebensphilosophie des (post)modernen Menschen besteht in der Selbstbestimmung: Ich will machen, was ich will. Die anderen sollen sich nach mir richten. – Wenn aber viele diese Anschauung vertreten und leben, kommt es zu riesigen Spannungen und Zusammenstößen. Es ist wie bei zwei Kreiseln, mit denen wir vielleicht als Kinder gespielt haben: Jeder dreht sich blitzschnell um sich selbst. Das ist gut anzusehen. Wenn sich aber beide aufeinander zu drehen und einander immer näher kommen, was passiert dann? Sie stoßen zusammen, und jeder fällt um. Keiner ist mehr in Bewegung.

So ist es, wenn es dem Menschen nur um seine eigene Freiheit geht. Das Ich steht im Mittelpunkt und kollidiert mit anderen. Wir denken an persönliche Konfikte, aber auch im Großen an Kriege mit all ihren katastrophalen Folgen. Und seit einigen Monaten bekommen wir das wieder tagtäglich mit, was am Rand von Europa, in der Ukraine, geschieht. Die „Freiheit“ führt zur Unfreiheit, zum völligen Chaos.

Paulus sagt: „Wenn du dich von deiner menschlichen Natur bestimmen lässt, führt das zum Tod.“ (Vers 6) Damit meint er zuerst gar nicht den leiblichen Tod, sondern den „Tod“ in der Beziehung zu Gott. Er spricht von der „Macht der Sünde, die zum Tod führt“ (Vers 2): Der Mensch ist auf sich selbst fixiert und ist unfrei, weil er keinen Bezug mehr zu Gott hat. Er kann sich nicht selber aus seiner Lage befreien. Im vorhergehenden Kapitel beschreibt Paulus das Dilemma deutlich: „Das Gute, das ich will, das tue ich nicht, sondern das Böse, das ich nicht will, das tue ich.“ (Römer 7,19) Der Mensch, der frei sein will, ist durch die Macht der Sünde zutiefst unfrei.

Aber die frohe Botschaft der Bibel ist: Es gibt ein befreites Leben. „Gott zerstörte die Herrschaft der Sünde über uns, indem er seinen Sohn stellvertretend für unsere Schuld verurteilte.“ (Vers 3) Durch Jesus sind wir von der Macht der Sünde befreit, die zum Tod führt.

Wir wissen, was eine Kettenreaktion ist. Sie geht beispielsweise in einer Atombombe vor sich, wenn sie explodiert. Ein winziges Uranteilchen wird getroffen von einem Neutron. Es zerfällt und fängt nun auf einmal an, seine Umgebung mit Neutronen zu bombardieren. Diese Neutronen treffen vielleicht zehn weitere Uranteilchen. Die machen es ebenso, und nun ist die Kettenreaktion im Gange und überschreitet im Handumdrehen jede Grenze mit furchtbar zerstörender Gewalt. In Oak Ridge, der amerikani-schen Atomstadt, ereignete sich vor Jahren eine stille Heldentat. Infolge des Versagens einer Kontrolllampe wurde der kritische Punkt überschritten und der unheimliche Prozess nahm hinter den Bleiwänden ein immer beängstigenderes Tempo an. Die Katastrophe, die Tausende das Leben gekostet hätte, konnte, wie es schien, nicht mehr aufgehalten werden. – Da ging ein junger jüdischer Physiker, einer von den wenigen „Eingeweihten“, die das innerste Geheimnis jeder Vorgänge genau kennen, in die „Todeskammer“, und tat dort rasch die notwendigsten Handgriffe, um die Kettenreaktion zum Stehen zu bringen. Von Milliarden unsichtbarer Strahlen durchbohrt verließ er den unheimlichen Raum. Er fuhr ins Krankenhaus und starb unter furchtbaren Qualen.

Vor fast 2000 Jahren starb auch einer, lange und qualvoll, durchbohrt an Händen und Füßen, weil er es gewagt hatte, die Kettenreaktion des Bösen

– die Macht der Sünde, wie Paulus es hier nennt – zu unterbrechen. Wie der jüdische Physiker Tausende rettete, so hat Jesus Christus Millionen und Abermillionen vor einem unausweichlichen Tod gerettet. Die Ketten-

reaktion der Sünde wurde gestoppt.

Jetzt geht es darum, dass wir diese Tat von Jesus für uns selbst anerkennen und im Glauben annehmen. Das kann man im Gebet tun. Es sind nicht die Worte entscheidend, die man spricht, sondern die Bereitschaft, das bisherige Leben ohne Gott einzutauschen gegen das neue Leben aus Gott. Etwa so: „Herr Jesus Christus, vergib mir meine Schuld, nimm mein altes, ichhaftes Leben und gib mir das neue Leben aus dir, denn du hast dein Leben auch für mich am Kreuz gegeben. Ich will dir gehören in Zeit und Ewigkeit.“

Wer so sein Leben in die Hand von Jesus Christus legt, für den gilt, was Paulus am Anfang unseres heutigen Textes schreibt: „Also gibt es jetzt für alle, die zu Christus Jesus gehören, keine Verurteilung mehr.“ (Vers 1)

Das ist die frohe Botschaft des Römerbriefs! Wir sind befreit von der Verurteilung, von der Verdammnis im letzten Gericht Gottes! Ich habe die Gewissheit, dass Gott am letzten Tag dieser Welt mich annimmt, nicht zur Seite stößt – nicht weil ich so „gut“ bin, sondern weil Jesus mich befreit hat und ich ihn angenommen habe als meinen Herrn. Diese Gewissheit schenkt und erhält mir der Heilige Geist.

Paulus schreibt (nach der Luther-Übersetzung): „Das Gesetz des Geistes, der lebendig macht in Christus Jesus, hat dich frei gemacht von dem Gesetz der Sünde und des Todes.“ (Vers 2) Das alte Gesetz der Sünde und des Todes existiert zwar noch, aber Gott hat das neue Gesetz in Kraft treten lassen für alle, die zu Jesus gehören. Das ist das Werk des Heiligen Geistes.

Wenn ich ein Taschentuch in der Hand halte und es loslasse, fällt es durch das Gesetz der Schwerkraft nach unten. Wenn ich aber meine andere Hand unter das Taschentuch halte, fange ich es auf. So stoppt „das Gesetz des Geistes“ den unaufhaltsamen Zug nach unten, den das „Gesetz der Sünde und des Todes“ bewirkt.

2. Dieses neue Leben ist ein geistbestimmtes Leben

Paulus schreibt hier deutlich, dass Gottes Geist in den Christen lebt oder wohnt (Vers 9 und 11). Wenn wir Jesus Christus als Herrn angenommen haben, ist er „in uns“ – und wir sind “in ihm“. Jesus ist in uns durch seinen Heiligen Geist! Das ist die wunderbare Tatsache im Leben jedes Christen: Der Heilige Geist ist in mir. Ich „habe“ ihn: nicht „in der Tasche“, so dass ich über ihn verfügen könnte, vielmehr in meinem Herzen, im Zentrum meiner Person, und er kann mich bestimmen.

Ich will einige Kennzeichen dieses geistbestimmten Lebens aufzeigen:

– Das Allerwichtigste: Jesus wird uns durch den Heiligen Geist immer größer und wichtiger. Denn der Heilige Geist macht Jesus groß, verherrlicht ihn. Jesus ist dann nicht nur eine große Persönlichkeit, sondern der lebendige Herr, mit dem wir jeden Tag rechnen können. Wir beten zu ihm. Wir werden in eine neue, tiefe Beziehung zu Jesus geführt. Jesus wird uns „konkurrenzlos wichtig“. Der Heilige Geist verbindet uns so mit Jesus, dass Jesus der große Magnet ist, von dem wir unser ganzes Leben nicht mehr lassen können. Wir sprechen dann nicht nur von “Gott“, wie das weithin üblich ist, sondern auch und gerade von Jesus und laden Menschen zum Leben mit ihm ein.

– Sodann: Geistbestimmtes Leben heißt: Ich lebe nicht mehr aus eigener Kraft, sondern geleitet vom Heiligen Geist, abhängig von ihm und seinen Impulsen und Führungen. „Wer vom Heiligen Geist geleitet wird, richtet sich nach dem, was der Geist will.“ (Vers 5)

Das Problem ist ja, dass auch ein Christ seine eigenen Wege gehen kann ohne den Geist Gottes. Auch als Christ versage ich leider immer wieder und fühle mich dann vielleicht innerlich wertlos, ja von Gott verurteilt. Ich bemühe mich dann, beiße sozusagen die Zähne zusammen, um wieder ein guter Christ zu sein. Und schon bin ich wieder drin im alten Strudel.

Ich will es aber lernen, nicht auf mein (frommes, christliches) Tun zu vertrauen, sondern auf das, was Jesus getan hat. Wenn wir sagen: Herr, ich kann nicht mehr, ich vertraue aber, dass du es für mich tust – dann werden wir entdecken, dass uns eine Kraft trägt, die stärker ist als wir.

Der chinesische Christ Watchman Nee, durch den viele zum Glauben an Jesus fanden, erzählt: In China wohnten Christen an einem Fluss, wo sie sich wuschen und täglich badeten. Einmal bekam einer im Wasser einen Wadenkrampf und begann zu sinken. Ein ausgezeichneter Schwimmer wurde darauf aufmerksam gemacht, rührte sich allerdings überhaupt nicht vom Fleck, auch nicht auf Bitten, ja Drohen der anderen. Inzwischen wurden die Stimme und die Bewegungen des Ertrinkenden immer schwächer. Als dieser dann tatsächlich unterzugehen drohte, war der Schwimmer mit ein paar kräftigen Zügen bei ihm, und in kurzer Zeit waren beide sicher am Ufer. Andere beschwerten sich bei dem Retter: „Warum hast du so lange gewartet?“ Der aber sagte: „Wäre ich früher gekommen, hätte er mich so fest umklammert, dass wir beide untergegangen wären. Einen Ertrinkenden kann man erst retten, wenn er völlig erschöpft ist und keine Anstrengungen mehr macht, sich selbst zu retten.“ (!)

Gott wartet oft auch, bis wir ans Ende unserer eigenen Möglichkeiten gekommen sind. Sowohl wenn wir zum Glauben finden als auch wenn wir in Glaubenskrisen sind und uns abmühen, um wieder „über Wasser zu kommen“. Auch wenn wir „ausgepowert“ sind, geistlich leer und ausgebrannt. Es gibt ja viele Menschen, die sich für die Sache Jesu und für die Gemeinde aufopfern. Und dann sieht man wenig „Erfolg“, wird enttäuscht und zieht sich vielleicht zurück… Gerade dann kann Gott uns neu beleben durch seinen Geist, wenn wir ehrlich vor ihm sind und unsere Schwachheit vor ihn bringen, um seine Kraft bitten.

3. Dieses Leben im Geist ist ein hoffnungsvolles Leben

Solch ein Leben, das vom Heiligen Geist bestimmt ist, ist ein Leben der Hoffnung. Hoffnung für dieses Leben und Hoffnung auf das zukünftige Leben. Wie wichtig ist das in unserer Welt, die oft so von Hoffnungslo-sigkeit geprägt ist: Da gibt es Menschen, die haben Hoffnung und strahlen Hoffnung aus: die Menschen, die sich von Christus und seinem Geist bestimmen lassen. Paulus schreibt: „Der Geist Gottes, der Jesus von den Toten auferweckt hat, lebt in euch. Und so wie er Christus von den Toten auferweckte, wird er auch eure sterblichen Körper durch den selben Geist lebendig machen, der in euch lebt.“ (Vers 11) Jetzt schon haben wir und leben wir, in diesem Körper, der dem Tod verfallen ist, Hoffnung. Und wenn unser Leben einmal zu Ende sein wird, wird Gott durch die Kraft seines Geistes unseren sterblichen Körper lebendig machen.

Das ist die Hoffnung, die die ersten Christen im Römischen Reich bezeugten und verbreiteten. Denn die meisten ihrer Zeitgenossen hatten Angst vor dem Tod und wussten nicht, was danach auf sie wartet. Doch an den Christen sahen sie, dass es Hoffnung über den Tod hinaus gibt durch den Glauben an Jesus, und so wurden auf diese Weise viele von ihnen Christen und gewannen diese Hoffnung.

Diese Gewissheit haben wir nicht in uns selbst, sondern sie ist uns durch den Heiligen Geist gegeben. Sie lässt uns Ausschau halten nach vorne. Wir bleiben nicht im Diesseits, im Hier und Jetzt allein stecken wie viele unserer Mitmenschen. Man hat den Eindruck, dass es selbst in der Kirche oft nur noch ums „Diesseits“ geht. Wir dürfen aber wissen: Es gibt Besseres. („Das Schönste kommt noch!“) Dann können wir dieses Leben, das gewiss nicht ohne Sorgen und Probleme abläuft, meistern, und wir freuen uns darauf, dass wir einmal in Ewigkeit bei Jesus Christus, unserem Herrn, sein werden.

Liebe Gemeinde, lassen wir uns am Pfingstfest einladen zu einem Leben im Heiligen Geist und bitten wir Jesus Christus neu um das Wirken Seines Geistes. Amen.

Lied nach der Predigt: NL 159: Du, Herr, gabst uns dein festes Wort

Pfarrer Hans Weghorn, Neunkirchen am Sand