Predigt am Pfingstsonntag 23.05.2021

1. Korinther 12,4-11

4 Die uns zugeteilten Gaben sind verschieden, der Geist jedoch ist derselbe.

5 Die Dienste sind verschieden, der Herr aber ist derselbe.

6 Das Wirken der Kräfte ist verschieden, Gott jedoch ist derselbe, der alles in allen wirkt.

7 Jedem wird die Offenbarung des Geistes so zuteil, dass es allen zugute kommt.

8 Dem einen nämlich wird durch den Geist die Weisheitsrede gegeben, dem anderen aber die Erkenntnisrede gemäß demselben Geist;

9 einem wird in demselben Geist Glaube gegeben, einem anderen in dem einen Geist die Gabe der Heilung,

10 einem anderen das Wirken von Wunderkräften, wieder einem anderen prophetische Rede und noch einem anderen die Unterscheidung der Geister; dem einen werden verschiedene Arten der Zungenrede gegeben, einem anderen aber die Übersetzung der Zungenrede.

11 Dies alles aber wirkt ein und derselbe Geist, der jedem auf besondere Weise zuteilt, wie er es will.

Liebe Gemeinde,

Gott ist in dieser Welt wirksam durch den Heiligen Geist. Das feiern wir beson-ders heute am Pfingstfest. Wir haben einen Gott, der in seiner Gemeinde und durch seine Gemeinde aktiv ist und uns daran beteiligt. Dazu gibt er seiner Gemeinde die Geistesgaben, die Gaben des Heiligen Geistes, um die es in unserem heutigen Bibelabschnitt geht. Ein anderer Begriff ist das griechische Wort Charismen, das man am besten mit Gnadengaben übersetzen kann.
In einer dreifachen Weise spricht Paulus über die Gnadengaben:
Erstens, woher sie kommen; zweitens: wie sie sich praktisch auswirken und vielfältig entfalten; und drittens: worauf sie hinzielen.

1. Woher kommen die Gnadengaben?
Mit klaren Worten nennt der Apostel den dreieinigen Gott als Urheber:

Dieser ist ein Geist, ein Herr, ein Gott.
In feierlicher, ja liturgischer Sprache bringt Paulus das Wirken Gottes in seiner ganzen Weite und Vielfalt zum Ausdruck:
4 Die uns zugeteilten Gaben sind verschieden, der Geist jedoch ist derselbe.

5 Die Dienste sind verschieden, der Herr aber ist derselbe.

6 Das Wirken der Kräfte ist verschieden, Gott jedoch ist derselbe, der alles in allen wirkt.
Hier wird etwas von der Großartigkeit der christlichen Lehre, von der Dreieinigkeit Gottes deutlich: Das Wirken Gottes in seiner Vielfalt.
Gott ist der Schöpfer, der einem jeden Menschen bestimmte Fähigkeiten gegeben hat;
er ist uns in Jesus nahe gekommen, dessen ganzes Leben ein Dienst – im Griechischen: eine Diakonie – gewesen ist;
und als Geist ist er auch in unserer Zeit da; durch seine Gläubigen will er in mannigfacher Weise weiter wirken.

Gott ist reich in sich; er ist in sich verschieden und doch eins. Und weil er so reich ist, gibt er gerne reichlich, schenkt er ganz verschiedene Gaben, Gnaden-Geschenke.

Die Gestalt des einen Gottes ist die Mannigfaltigkeit; Gott ist nie uniform, er ist immer vielfältig. Und das gilt auch für die Charismen, die Gnaden- oder Geistesgaben.

Dieser reiche Gott gibt einem jeden: „Jedem wird die Offenbarung des Geistes so zuteil, dass es allen zugute kommt.“ (Vers 7) Keiner soll sagen, er sei vom Heiligen Geist übersehen worden. Jeder Christ, jeder, der an Jesus als seinen Herrn glaubt und mit ihm lebt, ist mit seinem Geist begabt. Jeder bekommt ihn, aber keiner in seiner ganzen Fülle. Es ist nicht so wie in der Karikatur von Tiki Küstenmacher, wo man im Hintergrund den Pfarrer sieht beim Gottesdienst-halten, in der Jugendgruppe, beim Besuch, bei praktisch allen Aktivitäten des Gemeindelebens, ja sogar beim Rasenmähen vorm Gemeindehaus. Im Vordergrund steht ein Gemeindeglied und sagt: „Bei uns hat der Pfarrer alle Gaben…“ Nein, die Gaben und damit auch Aufgaben in der Gemeinde sind verteilt. Keiner muss oder soll alles machen.

Das alles macht uns froh und dankbar: Wir haben einen reichen Gott, der gerne gibt, austeilt, der auch uns seine Gaben gegeben hat.

2. Wie wirken sich die Gaben praktisch aus?

Paulus zählt in unserem Predigtabschnitt einige Gaben, Charismen auf, die in der Gemeinde von Korinth praktiziert wurden. Korinth war eine sehr „charisma-tische“ Gemeinde mit vielen Geistesbegabungen. An anderer Stelle, z.B. im Römerbrief, erwähnt Paulus auch andere Gaben, die teilweise nicht so „spektakulär“ sind wie die in Korinth.

Aber wenden wir uns einigen der hier erwähnten Gnadengaben zu:

– Die Gabe des Glaubens (Vers 9): Damit ist hier nicht gemeint, dass jemand an Gott, an Jesus Christus glaubt (auch das ist ja nicht mein eigenes Verdienst, sondern Gabe Gottes…), vielmehr: in besonderen Situationen, wo vielleicht alles schwierig oder verloren erscheint, mit Gottes Macht rechnen, ihm vertrauen.

Bei einer Freiluft-Evangelisation vor vielen Zuhörern in einem muslimisch geprägten Land zog drohend eine gewaltige Gewitterfront auf. Es sah danach aus, dass die Veranstaltung abgebrochen werden musste. Doch der Redner bekam von Gott großen Mut. Öffentlich, vor aller Ohren, betete er, dass das Gewitter sich verziehen solle, ja, er gebot sogar im Namen Jesu Christi dem Unwetter, dass es weichen müsse. Und das geschah tatsächlich: Er konnte seine Predigt unbehelligt von Sturm und Wetter halten. Und das führte dazu, dass sehr viele der Versammelten Christen wurden, anfingen, dem Gott zu vertrauen, der solche Macht hat.

– Die Gabe der Prophetie, des prophetischen Redens (Vers 10). Damit ist nicht gemeint, dass jemand vor einer Kristallkugel sitzt und einem anderen die Zukunft wahrsagt. Prophetie im biblischen Sinn ist vielmehr: dass jemand von Gott hört und Gottes Willen ausspricht in die jeweilige Situation hinein: zu einzelnen, zu einer Gemeinde, zu einem ganzen Volk. Denken wir an die Propheten des Alten Testaments, die oft das Volk Gottes zur Umkehr zu Gott gerufen haben. Die aber auch im Namen Gottes Trost und neue Ermutigung ausgesprochen haben. Und auch im Neuen Testament finden wir das, sogar das „Amt“ des Propheten. Wie nötig ist das auch in unserer Zeit, dass Menschen im Auftrag Gottes sprechen und dazu auffordern, sich neu ihm zuzuwenden.

Aber brechen wir das einmal auf unser Leben herunter: Es kann sein, dass wir einen starken Gedanken oder Eindruck bekommen an einen bestimmten Menschen. Wir rufen ihn dann an, und er erzählt uns von seiner aktuellen schwierigen Situation, dass ihn so viel entmutigt. Wir können ihm zuhören, einen Zuspruch aus dem Gottes geben und ihn ermutigen. Und er bedankt sich dafür, dass ihm zur rechten Zeit das rechte Wort gesagt wurde. – Das kann „Prophetie im Alltag“ sein.

Ich denke an Menschen aus unserer früheren Gemeinde. Gabi und ihr Mann waren neu zugezogen und freundeten sich mit ihren Nachbarn an, die Mitarbeiter in der Gemeinde waren. Nach einiger Zeit, als etwas Vertrauen entstanden war, schilderte Gabi ihrer Nachbarin Schwierigkeiten, mit denen sie nicht klarkam. Da bekam Barbara den Mut, ihr zu sagen: „Versuch‘ s doch mal mit Beten!“ Etwas verdutzt ging Gabi nach Hause und befolgte dann den Rat ihrer Nachbarin. Das war der Beginn eines Weges, der dann dazu führte, dass sie und ihr Mann mit der Zeit auch zu Gott, zu Jesus Christus fanden und dann sich in die Gemeinde einbrachten.

Angeregt durch ein, wie ich sagen möchte, „prophetisches Wort“ der Ermutigung.

Dabei ist freilich auch eine der hier aufgezählten Gaben wichtig: die Gabe der Unterscheidung der Geister. Nicht alles, was „fromm“ erscheint, nicht jede „Spiritualität“ ist damit schon christlich und durch die Bibel abgedeckt. Es kann ein ganz anderer „Geist“ dahinter stecken als der Heilige Geist: Es kann rein menschlich sein, „seelisch“, wie die Bibel auch sagt; es kann im schlimmsten Fall dämonisch inspiriert sein, sozusagen „von der Gegenseite“. Oft ist es einfach der „Zeitgeist“, der bitte nicht mit dem Heiligen Geist zu verwechseln ist! Das ist gerade das Problem der Evangelischen Kirche, die sich oft dem jeweils neuen gesellschaftlichen Trend anschließt… Die Gabe der Unter-scheidung hilft, durch intensives Hören auf die Bibel, zu erkennen, was die Quelle ist, aus der sich eine Aussage speist. Sie gibt dem einzelnen und der Gemeinde Orientierung und will davor bewahren, dass wir falsche Wege gehen. Ich glaube, die Gabe der Unterscheidung der Geister ist eine der wichtigsten Gaben in unserer Zeit!

Liebe Gemeinde, das sind nur einige Gaben aus dem reichen Spektrum, das Gott gibt. Wir könnten noch viele andere aufzählen als Ausdruck seiner wunderbaren Vielfalt: die Gabe der Musik – wie wichtig auch bei uns; die Gabe der Seelsorge, die Gabe der Organisation. Diese Gaben sollen in der Gemeinde aufgespürt, entdeckt, entwickelt und eingesetzt werden. Ermutigen wir doch einander, unsere Gaben zu entdecken und sie zu praktizieren…

3. Worauf zielen nun die Charismen hin?
Diese Frage beantwortet unser Korinthertext ganz klar:
Sie sind zum Nutzen aller da, nicht nur für den, der sie empfangen hat. Es darf nicht darum gehen, dass jemand, der eine Gabe bekommen hat, sich besonders herausstellt; dass er oder sie „groß rauskommt“. „Groß raus-kommen“ soll vielmehr der Geber der Gaben, der dreieinige Gott!
Und für die Gemeinde als Leib des Herrn soll gelten, dass in ihr keine Spaltung sein soll. Ja, es soll alles geschehen zur Auferbauung des Leibes, der Gemeinde. Die Gaben/Charismen sind Dienst-Gaben: Wir dienen damit nicht uns selbst, sondern der Gemeinde und den Menschen. In einer Zeit, in der Individualismus und Egoismus zunehmen, macht uns die Bibel deutlich: Du lebst von dem, was andere dir geben. Und Gott will, dass du die kleinen oder großen Gaben, die du empfangen hast, einsetzt – für Menschen und für Gott.
Und es sollen durch alles, was geschieht, gerade auch Ungläubige und Unkundige (so drückt das der Apostel aus) gewonnen werden, damit sie Gott erkennen und anbeten.
Wie entscheidend es ist, dass alles in der Liebe geschieht, darauf weist in wunderbarer Weise das Hohelied der Liebe hin, das dann im nächsten Kapitel folgt. Wenn einer die höchsten Gnadengaben hätte und keine Liebe, dann würde ihm und der Gemeinde das nichts nützen. Die Liebe ist die größte unter ihnen.

Alles soll dem Aufbau und der Ermutigung der Gemeinde dienen. Und das kann im Gottesdienst geschehen, in den die geistlichen Gaben eingebracht werden.

Ein deutsches Ehepaar, das viele Jahre in Argentinien gelebt hat, berichtet von Gemeinden unter den Stämmen der Toba-Indianer. Da gibt es keine hauptamtlichen Pfarrer. Die Gemeindeglieder gestalten die gottesdienstlichen Zusammenkünfte. Viele bringen etwas ein: ein spontanes Gebet, ein Lied, das sie beginnen und in das immer mehr einstimmen, eine Glaubenserfahrung, eine Fürbitte, den Bericht über eine besondere Not, und alle beten etwa für ein leidendes Mitglied der Gemeinde.
Die deutsche Berichterstatterin war verwundert und beeindruckt: Wie konnten gerade diese ganz einfachen Menschen einen solchen Gottesdienst zustande bringen? Das war tatsächlich ein Wirken des Heiligen Geistes! Das „Priester-tum aller Gläubigen“, das sie als eine der wichtigsten Lehren Martin Luthers kannte, hatte hier Gestalt angenommen.

Und so geschieht es ja auch in unserem Land, dass Christen ihre Gaben einbringen in Gottesdienste, in Gemeindekreise, in das Alltagsleben und so andere ermutigen zum Leben mit Jesus Christus und mit seiner Gemeinde.

Liebe Gemeinde, lassen auch wir uns ermutigen, unsere geistlichen Gaben zu erkennen, sie einzuüben und in die Gemeinde einzubringen – auch wenn es keine „spektakulären“ Gaben sein mögen. So leben wir als Gemeinde, die vom Heiligen Geist geleitet wird, vom Geist, der an Pfingsten ausgegossen wurde. So beschenken wir als von Gott reich Beschenkte einander und andere, so „dass es allen zugute kommt.“ Amen.

Lied nach der Predigt: Neues Liederbuch „Kommt, atmet auf“

Nr. 0159: Du, Herr, gabst uns dein festes Wort

Pfarrer Hans Weghorn, Neunkirchen am Sand

Die heutige Kollekte ist für das Diakonische Werk Bayern bestimmt.