Predigt am Reformationstag 31.10.2021

über Matthäus 10,26-33

Jesus spricht:

26 Es ist nichts verborgen, was nicht offenbar wird, und nichts geheim, was man nicht wissen wird.

27 Was ich euch sage in der Finsternis, das redet im Licht; und was euch gesagt wird in das Ohr, das predigt auf den Dächern.

28 Und fürchtet euch nicht vor denen, die den Leib töten, doch die Seele nicht töten können; fürchtet euch aber viel mehr vor dem, der Leib und Seele verderben kann in der Hölle.

29 Kauft man nicht zwei Sperlinge für einen Groschen? Dennoch fällt keiner von ihnen auf die Erde ohne euren Vater.

30 Nun aber sind auch eure Haare auf dem Haupt alle gezählt.

31 Darum fürchtet euch nicht; ihr seid besser als viele Sperlinge.

32 Wer nun mich bekennt vor den Menschen, den will ich auch bekennen vor meinem himmlischen Vater.

33 Wer mich aber verleugnet vor den Menschen, den will ich auch verleugnen vor meinem himmlischen Vater.

Liebe Gemeinde,

in der Reformationszeit gab es in England einen bekannten Volksprediger namens Hugh Latimer. Einen seiner Gottesdienste besuchte auch König Heinrich VIII. Latimer wusste, dass seine Verkündigung dem König nicht passen würde. Darum führte er zu Beginn der Predigt auf der Kanzel ein Selbstgespräch, das alle hören konnten: „Latimer, Latimer! Sei vorsichtig und bedenke, was du sagst! König Heinrich ist anwesend.“ Dann machte er eine Pause und fuhr fort: „Latimer, Latimer! Sei vorsichtig und bedenke, was du sagst! Der König der Könige ist anwesend!“ – Latimer wurde übrigens später als evangelischer Märtyrer hingerichtet, verbrannt.

Ja: Der König der Könige ist anwesend: Jesus Christus, der Herr aller Herren; er ist auch hier unter uns. Und er ist Herr nicht nur hier in der Kirche, sondern ist Herr der ganzen Welt. Die Botschaft von ihm muss weitergesagt werden, sie darf nicht verschwiegen werden. Daran denken wir besonders heute am Reformationstag.

Darum hat Jesus damals seine Jünger ausgesandt. Unser Text gehört zur sogenannten Aussendungsrede: Jesus sendet seine Jünger zu den Menschen. Er sendet sie in seiner Autorität. Sie sollen den Menschen Heilung bringen, Dämonen austreiben und die Botschaft vom Reich Gottes predigen. Sie sollen sich zu ihm, zu Jesus, und zu seinem Namen bekennen!

Aber da war auch bei den Jüngern das große Problem, das es bei vielen Christen gibt: Sie fürchteten sich vor den Menschen. Sie hatten Menschenfurcht. Dieses Problem taucht nicht nur bei Predigern auf, sondern ist das Grundproblem vieler Christen. Die Menschenfurcht hemmt uns daran, die Botschaft von Jesus weiter-zusagen, Jesus vor den Menschen zu bekennen.

Aber Jesus möchte uns zum Bekennen ermutigen, indem er uns diese Menschen-furcht nimmt und uns zur wahren Gottesfurcht führt. Darum geht´ s heute, dazu wollen wir uns (neu) ermutigen lassen.

Aber zuerst die Frage: Woher kommt diese Menschenfurcht? Wie äußert sie sich? Warum haben Christen Angst, etwas von Jesus zu sagen, sozusagen „eine Lippe für Jesus zu riskieren“? Es gibt Christen, die reden bei allem Möglichen mit , aber wenn das Gespräch auf religiöse Themen kommt, wenn sie dran wären, was von ihrem Glauben und von Jesus zu sagen – da werden sie plötzlich stumm! – Das Problem ist: Wir wollen oft unseren „guten Ruf“ bei den anderen nicht verlieren, sind abhängig von ihrer Meinung; wir wollen´ s mit ihnen „nicht verderben“… Wenn wir noch so abhängig sind von anderen Menschen, dann müssen wir davon frei werden. – Oder: Wir wollen den anderen nicht „zu nahe treten“, meinen, die würden sowieso ablehnen.

In einem Hochhaus in einer Großstadt wohnten zwei Männer zehn Jahre lang Tür an Tür nebeneinander. Sie waren Berufskollegen, die sich täglich sahen. Der eine war bewusster Christ, der andere ein ehrlicher Zweifler. Eines Tages fehlte der Zweifler am Arbeitsplatz, und es hieß: Er liegt schwerkrank in der Klinik. Da drängte es den christlichen Kollegen, ihn zu besuchen. Er sah: Mit dem anderen geht´s bald zu Ende, und da sagte er ihm: Es gibt einen Weg, wie man auch nach einem verfehlten Leben Frieden finden kann und ruhig in den Tod gehen kann. Dieser Weg führt über Jesus Christus. Als er das gesagt hatte, legte der Sterbende seine Hand schwer auf die Hand des Kollegen und fragte mit harter Stimme: „Wie lange haben Sie das schon gewusst?“ – „Fast zwanzig Jahre“, war die Antwort. – „Und mir niemals gesagt! Nicht ein Wort, obwohl wir jahrelang nebeneinander wohnen und uns fast jeden Tag gesprochen haben! Gehen Sie!“ Damit legte er sich auf die Seite, und in der folgenden Nacht starb er!

Vielleicht finden wir ähnliche Beispiele und Erfahrungen aus unserem Leben, wo die Menschenfurcht uns bestimmt hat, wo wir auf uns selber geschaut haben und nicht auf Jesus und Möglichkeiten versäumt haben, anderen etwas von Jesus zu sagen.

Darum sagt Jesus in diesem Abschnitt dreimal: „Fürchtet euch nicht vor ihnen (= den Menschen)!“ Diese Worte von Jesus sind wirksam, die machen uns Mut. Wenn Jesus zu mir sagt: „Fürchte dich nicht!“ – dann soll ich diese Worte ernst nehmen; wenn Jesus das sagt, dann befreit er mich dadurch von der Menschenfurcht!

Wie nimmt Jesus uns diese Furcht vor den Menschen?

– Zuerst sagt er: „Was ich euch sage in der Finsternis, redet im Licht; und was euch gesagt wird in das Ohr, das predigt auf den Dächern.“(Vers 27)Jesus weist uns hier auf unsere persönliche Beziehung zu Ihm hin. Es gehtum das Hören auf ihn und sein Wort, das Gebet, die „Stille Zeit“, wie man auch sagt. Nehmen wir uns diese Zeit, lesen wir die Losungen, den Bibeltext des Tages, und lassen wir uns ermutigen zum Leben mit ihm jeden Tag neu.  Denn dann werden wir abhängig von Ihm, von Seiner Meinung, und unabhängiger von Menschen-meinungen, und die Menschenfurcht wird geringer.

Es hat mich beeindruckt, dass beim „Christustag“ vor einem Jahr in Lauf der Polizeipräsident von Mittelfranken, der ja ein vielbeschäftigter Mann ist, sagte: Er nimmt sich jeden Morgen 20 Minuten Zeit fürs Lesen der Bibel und fürs Gebet und geht dann so in den Tag. Und so bekennt er sich auch im Alltag zu seinem Herrn Jesus Christus.

Nehmen wir uns bewusst Zeit für die Stille vor Gott, vor Jesus! Dann bekommen wir Mut und werden immer unabhängiger von der Meinung der Menschen.

So war es ja auch bei Martin Luther, der durch das Lesen der Bibel seine reformatorische Erkenntnis bekam und dann mutig, gegen viele Feinde, das Evangelium von Jesus verkündigt hat.

– Als Zweites sagt uns Jesus: Habt keine Furcht vor den Menschen, denn Gott, euer Vater, sorgt für euch! „Kauft man nicht zwei Sperlinge für einen Groschen? Dennoch fällt keiner von ihnen auf die Erde ohne euren Vater. Nun aber sind auch eure Haare auf dem Haupt alle gezählt. Darum fürchtet euch nicht; ihr seid besser als viele Sperlinge.“ (V. 29-31) Gott sorgt für die Spatzen, die so wenig wert sind; und erst recht für euch! Keiner von ihnen fällt auf die Erde ohne euren Vater, d.h. ohne dass euer Vater es will. D.h.: Auch ihr fallt nie in die Hände von Menschen, sondern immer in die Hände Gottes. Er sorgt für euch. Ihr braucht keine Angst vor der Zukunft zu haben. Gott hat die Verantwortung für euch übernommen, für alles, was euch geschehen kann. Es ist seine Sache. Eure/ unsere Sache ist es, dass wir bei ihm bleiben und seine Sache nicht verleugnen.

– Und deshalb will Jesus uns zur Gottesfurcht führen: „Fürchtet euch nicht vor denen, die den Leib töten, doch die Seele nicht töten können; fürchtet euch aber viel mehr vor dem, der Leib und Seele verderben kann in der Hölle.“ (Vers 28) Die Menschen können nur unseren Körper töten, aber nicht die Seele. Aber Gott hat Macht, Leib und Seele zu vernichten!

Und nun die Frage: Wie können wir den Namen Jesus bekennen? Denn Jesus sagt ja: „Wer nun mich bekennt vor den Menschen, den will ich auch bekennen vor meinem himmlischen Vater.“ (Vers 32)

Es geht dabei um das Bekenntnis zu Jesus! Von „Gott“ reden heute viele, aber nicht von Jesus…! Jesus ist die Mitte, Er gibt Rettung! Das hat die Reformation damals wieder ganz neu entdeckt, und darum geht es auch heute! Das ist das Allerentscheidendste, so wie die Bibel es an anderer Stelle bezeugt: „Wer den Namen des Herrn anrufen wird, der wird gerettet werden!“

Haben wir schon den Namen Jesus angerufen, ganz ernsthaft, so dass die Gewissheit entstanden ist, zu ihm zu gehören? Heute kann die Gelegenheit dazu sein!

– Wenn wir mit Jesus Verbindung haben, sollen wir offen sein, dass wir Jesus bekennen können, mitten im Alltag. Wir können für Menschen beten, dass sie mit uns über solche Fragen reden oder über ihre Nöte, und dass wir ihnen dann von Jesus erzählen können, wie Er hilft.

Wir können von Glaubenserfahrungen mit Gott, mit Jesus erzählen, wie wir Hilfe in Nöten erfahren haben..

Da war eine Frau, die oft sehr griesgrämig geschaut hatte. Aber dann merkten die Kollegen: Ihr Gesichtsausdruck hat sich verändert, die ist fröhlicher geworden. Sie fragen sie deswegen, und sie antwortet: Ich weiß jetzt, dass es einen gibt, der mich froh macht: Jesus! Er hat mir meinen Ärger genommen. Das ist Bekenntnis zu Jesus!

Oder: Da war eine Feier im Restaurant mit gut 20 Leuten. Einer zahlt für alle. Der Kellner kommt und rechnet in Nullkommanix die ganze Zeche zusammen und nennt dann den Endbetrag. Da sagt der leicht angeheiterte Gast zu ihm: „Kopfrechnen hervorragend, aber Religion schwach!“ Da zieht der Kellner ein kleines Neues Testament aus seinem Frack und sagt: „Bitte, wollen Sie mich auch im christlichen Glauben prüfen?“ – Da ist Bekenntnis zum Glauben, zu Jesus!

Nun, wir haben nicht die Garantie, dass die Menschen „begeistert“ sind; oft bleiben sie gleichgültig, und manche lehnen das Bekenntnis zu Gott, zu Jesus auch ab. Aber wir sind es ihnen schuldig, wir wollen die beste Botschaft der Welt, die von Jesus Christus, nicht verschweigen! Wir wollen nicht von der Reaktion der Menschen abhängig sein, sondern von Jesus allein!

Liebe Gemeinde, Jesus möchte uns zum Bekennen ermutigen: dass wir seinen Namen vor den Menschen bekennen. Darum will er uns die Menschenfurcht nehmen, die in uns ist. Das haben die Reformatoren neu erkannt und getan. Wir werden befreit von der Menschenfurcht

– indem unsere Beziehung mit Jesus tiefer wird in der Stille vor Ihm; wir werden abhängiger von Ihm.

– indem wir wissen: Gott, unser Vater, sorgt für uns, Er hat alles in Seinen Händen.

– indem wir wahre Gottesfurcht lernen und Gott/Jesus über alles stellen.

Dann können wir Jesus Christus in den vielen Bereichen unseres Lebens bekennen.

Denn es gilt: „Wer nun mich bekennt vor den Menschen, den will ich auch bekennen vor meinem himmlischen Vater.“ Amen.

Lied nach der Predigt:

EG 136,1-4: O komm, du Geist der Wahrheit

Pfarrer Hans Weghorn, Neunkirchen am Sand