Predigt am 1. Sonntag nach Trinitatis, 06.06.2021

Predigt:   Jona 1,1-16 u. 2,1.2.11

  I. Liebe Gemeinde, Die Geschichte von Jona und dem Wal dürfte fast allen von Ihnen – zumindest in groben Zügen – bekannt sein. Im Bibeltext lesen wir von einem einzigen Fisch – einem Wal. Und ein Wal ist noch nicht einmal ein Fisch, wie wir heute wissen, sondern ein Meeressäuger! Weder ein Wal noch ein Fisch kann einen Menschen lebendig verschlucken. Und genauso wenig kann ein Mensch drei Tage im Bauch eines solchen Tieres überleben. Die  Geschichte von Jona und dem Wal macht erneut deutlich, dass uns auch hier das wörtliche Verständnis des Textes nicht weiterbringt. Es geht nicht darum, die biblischen Geschichten wörtlich zu nehmen,   sondern darum, was diese Geschichten uns zu sagen haben. Was können wir aus diesen Geschichten für uns, für unseren Alltag, für unser Leben mitnehmen. Ich lese aus dem Buch Jona im 1. Kapitel die Verse 1-16 und aus dem 2. Kapitel die Verse 1, 2 und 11.

1) Es geschah das Wort des HERRN zu Jona […]: 2) Mache dich auf und geh in die große Stadt Ninive und predige wider sie; denn ihre Bosheit ist vor mich gekommen. 3) Aber Jona machte sich auf und wollte vor dem HERRN nach Tarsis fliehen und kam hinab nach Jafo. Und als er ein Schiff fand, das nach Tarsis fahren wollte, gab er Fährgeld und trat hinein, um mit ihnen nach Tarsis zu fahren, weit weg vom HERRN. 4) Da ließ der HERR einen großen Wind aufs Meer kommen, und es erhob sich ein großes Ungewitter auf dem Meer, dass man meinte, das Schiff würde zerbrechen. 5 Und die Schiffsleute fürchteten sich und schrien, ein jeder zu seinem Gott, und warfen die Ladung, die im Schiff war, ins Meer, dass es leichter würde. Aber Jona war hinunter in das Schiff gestiegen, lag und schlief.   6) Da trat zu ihm der Schiffsherr und sprach zu ihm: Was schläfst du? Steh auf, rufe deinen Gott an! Vielleicht wird dieser Gott an uns gedenken, dass wir nicht verderben. 7) Und einer sprach zum andern: Kommt, wir wollen losen, dass wir erfahren, um wessen Willen es uns so übel geht. Und als sie losten, traf es Jona. 8) Da sprachen sie zu ihm: Sage uns, um wessen Willen geht es uns so übel? Was ist dein Gewerbe, und wo kommst du her? Aus welchem Lande und von welchem Volk bist du? 9) Er sprach zu ihnen: Ich bin ein Hebräer und fürchte den HERRN, den Gott des Himmels, der das Meer und das Trockene gemacht hat. 10) Da fürchteten sich die Leute sehr und sprachen zu ihm: Was hast du da getan? Denn sie wussten, dass er vor dem HERRN floh; denn er hatte es ihnen gesagt. 11) Da sprachen sie zu ihm: Was sollen wir denn mit dir tun, dass das Meer stille werde und von uns ablasse? Denn das Meer ging immer ungestümer. 12) Er sprach zu ihnen: Nehmt mich und werft mich ins Meer, so wird das Meer still werden und von euch ablassen. Denn ich weiß, dass um meinetwillen dies große Ungewitter über euch gekommen ist. 13 Doch die Leute ruderten, dass sie wieder ans Land kämen; aber sie konnten nicht, denn das Meer ging immer ungestümer gegen sie an. 14) Da riefen sie zu dem HERRN und sprachen: Ach, HERR, lass uns nicht verderben um des Lebens dieses Mannes willen und rechne uns nicht unschuldiges Blut zu; denn du, HERR, tust, wie dir es gefällt. 15) Und sie nahmen Jona und warfen ihn ins Meer. Da wurde das Meer still und ließ ab von seinem Wüten. 16) Und die Leute fürchteten den HERRN sehr und brachten dem HERRN Opfer dar und taten Gelübde. Kap.2,1) Aber der Herr ließ einen großen Fisch kommen, Jona zu verschlingen. Und Jona war im Leibe des Fisches drei Tage und drei Nächte. 2) Und Jona betete zu dem HERRN, seinem Gott, im Leibe des Fisches […] 11) Und der HERR sprach zu dem Fisch, und der spie Jona aus ans Land. Herr, segne unser Reden und Hören durch deinen Heiligen Geist.            Amen.    

Liebe Gemeinde!

Was tun, wenn man Verdauliches und Schmackhaftes anbieten will? In Bayern kein Problem! Man nimmt  sein „Bayerisches Kochbuch“ zur Hand, das hierzulande in kaum einem Haushalt fehlt und schlägt beim Thema Fisch nach – noch dazu bei einem Meeresfisch (so die Bibel). Und bei einem überdimensional riesengroßen Exemplar, bedarf es unbedingt der grundlegenden Anleitung eines Fachbuches. Schnell wird man im „Bayerischen Kochbuch“ fündig. Bei Fisch, so ist es unter der Kochlehre zu lesen, ist immer das Drei-S-System zu beachten: säubern, säuern, salzen. Mit diesen drei Schritten nähern wir uns heute dem großen „Fisch“ in dem kleinen Jona-Buch. Säubern, säuern, salzen. Einfache Hausmannskost halt. Besonderheiten wie Filetieren und Vakuum-Garen lassen wir erst einmal beiseite.

I. Erstens:       „Säubern“

Noch bevor der „Fisch“ ins Spiel kommt, wird Jona mit einer Reinigungsaktion beauftragt. Anscheinend ist sie längst überfällig und dringend notwendig. Jona bekommt von Gott die Weisung, Ninive zu „säubern“. Seine Predigt soll das Volk von Ninive zur Umkehr bewegen, die Menschen wieder rein machen und strahlend neu zum Vorschein bringen, was unter dem Schutz der Bosheit und des Fehlverhaltens verborgen ist. Doch, statt den prophetischen Schrubber zu schwingen, macht sich Jona einfach sauber aus dem Staub. Statt nach Ninive zu gehen, nimmt er die entgegengesetzte Richtung. Er bucht ein Fernreiseschiff bis ganz an das Ende der damals bekannten Welt – nach Tarsis in Spanien. Doch dem Auftrag Gottes kann auch ein Jona nicht einfach so entfliehen!   Er kann den Auftrag Gottes nicht einfach wegwischen oder abwaschen. Gott lässt Jona nicht aus! Gott entlässt Jona nicht aus seiner Verantwortung. Das Schiff gerät in Seenot und Jonas Flucht vor Gott und seinem Auftrag wird als Grund dafür offensichtlich. Interessanterweise versuchen die Schiffsleute, Jona zu retten, obwohl er die lebensbedrohliche Situation verursachte; und das, nachdem bereits die ganze Ladung über Bord geworfen wurde. Doch als alles Rudern gegen den Sturm nichts hilft, bitten sie Gott – den Gott Jonas und nicht einen ihrer Götter –  um Vergebung und werfen Jona ins Meer. Sie geben ein Menschenopfer, um die bösen Seegeister zu bezähmen. Trotz aller Zweifel scheint es zu funktionieren. Eine schnelle und saubere Sache. Der Schuldige wird bestraft und alles wird wieder gut. Schon hier könnte diese Geschichte zu einem schnellen Ende kommen. Doch der Höhepunkt der Jona-Erzählung kommt erst noch. Gott lässt nicht locker! Gott versucht weiter, Jona zu läutern und ihn zurück auf den Pfad der Tugend – oder zumindest auf den Pfad nach Ninive – zu bringen. Nach drei Tagen – so heißt es – scheint der Besuch im „Fisch“  für Gott lange genug gewesen zu sein. Vielleicht hat Jona dem „Fisch“ gestunken oder zumindest schwer im Magen gelegen. Auf den Befehl Gottes hin speit er Jona ans Land. Der Fisch reinigt sich und vielleicht auch den unwilligen Propheten. Denn ohne weiteren Widerstand macht sich der geläuterte Jona daran, Gottes Auftrag auszuführen. Am Ende jedoch ist Jona von seinem eigenen Erfolg enttäuscht: Das Volk in Ninive bereut seine Sünden und bekennt sich zu Gott. Und so hadert Jona mit Gott, weil seine verbale Säuberungsaktion in Ninive so erfolgreich gewesen ist. Denn – Jona ist nicht von einem liebenden, sondern von einem strafenden Gott ausgegangen, der ausputzt, was nicht rein ist. Und so beschmutzt sich Jona selbst, weil er sich nicht daran freuen kann, welcher Glanz unter all dem Schmutz der Bosheit  wieder zum Vorschein kommt.

II. Zweitens:     „Säuern“

Jona ist sauer. Er ist wütend auf seinen Gott. Vielleicht auch auf sich selbst und wegen seines Erfolgs in Ninive. Und es gibt auch kein „Happy End“. Es bleibt offen, ob Jona irgendwann doch durch die Güte und Größe Gottes verändert wird – oder, ob sein sauertöpfisches, miesepetriges Gemüt Bestand hat. Jona wirft Gott vor, er – Gott – sei schuld daran, dass er nach Tarsis fliehen wollte. Denn Jona wusste, wie Gott wirklich ist: „Gnädig, barmherzig, langmütig, von großer Güte, und er lässt sich des Übels gereuen.“ [1] Jona hätte es lieber gesehen, wenn Gott Schwefel und Feuer als Reinigungsmittel verwendet hätte, statt ein gutes Wort, das zur Einsicht und Umkehr einlädt. Liebe Gemeinde,  Hand aufs Herz, kennen wir das nicht auch? Wir lesen Berichte in der Zeitung, wo jemand von einem Gericht verurteilt wird, aber eben nicht wirklich, weil die Strafe zur Bewährung ausgesetzt wird, da mildernde Umstände ins Feld geführt werden. Wir laufen letztlich immer wieder – wie Jona Gefahr, auf ein mildes Urteil hart zu reagieren. Demjenigen oder derjenigen müsste man es doch endlich einmal zeigen, wo es langgeht. Und auch da ist uns die Erzählung von Jona nahe, wo sich Gottes Langmütigkeit zeigt: Gott ist mit Jona langmütig. Und auch wir dürfen mit uns gnädig sein, wenn wir  Zeit brauchen, weil wir noch gar nicht in der Lage sind, zu verstehen, wie Gott wirklich ist:           „Gnädig, barmherzig, langmütig, von großer Güte!“ Die Geschichte von Jona lehrt uns, dass auch Gott mit uns noch manchen Weg und durch manche Diskussion gehen will.   Auch wenn wir noch wie Jona trotzig auf unserer Sicht der Dinge beharren, Gott wird uns geduldig auf seinem Weg führen. Der Sauerteig, von dem Christus später spricht, wird auch uns irgendwann erreichen. Seine Liebe wird uns im besten Wortsinn durchsäuern und gären lassen, damit wir immer mehr vom Sauerteig der Liebe und Güte erfasst werden. Und das braucht Zeit. Mal schnell einen Sauerteig ansetzen, geht nicht. Auch das kann man im „Bayerischen Kochbuch“ gut nachlesen. Der Sauerteig ist vor dem Backen schier ungenießbar. Aber am Ende werden wir „im großen Backofen der Liebe Gottes vollendet“, um ein Bild von Martin Luther aufzunehmen.

III. Und drittens:           „Salzen“

Ein Fisch braucht Salz wie der Sauerteig auch. Doch hier in der Geschichte gibt der „Fisch“ – also der Wal – erst die nötige Würze. Jona hat im Wal vor allem Zeit,  – Zeit zum Nachdenken. Drei Tage – wenn auch biologisch völlig unmöglich – sitzt Jona in einem feuchten, dunklen Loch voll mit halbverdautem Zeug. Dabei hat er Zeit zu überlegen, was Gott eigentlich mit ihm vorhat. Er hat Zeit darüber zu sinnieren, ob dies tatsächlich bereits das Ende oder nur eine Station auf seinem weiteren Weg ist. Diese Zeit gibt Gott auch uns, wenn wir durch dunkle Krisen gehen oder in dunklen Löchern stecken. Solche dunklen Krisen und Löcher – wie etwa Krankheiten oder Beziehungsprobleme, falsche Berufsentscheidungen  oder auch ein falsches Wort, das zu früh, zu spät oder in der falschen Stimmung gesprochen eine Beziehung zum Zerbrechen oder eine Situation zum Platzen brachte, sind für viele Menschen zu wichtigen und verändernden Momenten im Leben geworden. Erst im Nachhinein können solche dunklen Löcher manchmal als notwendiges Salz im Leben gedeutet werden. Oft jedoch bleiben diese Zeiten auch dauerhaft ungenießbar – wie sonst auch, wenn man zu viel Salz auf einmal erwischt.

Zusätzlich zu dieser Erkenntnis, dass dunkle Augenblicke letztlich weiterbringen, vielleicht sogar bereichern können, steckt noch mehr Salz in der Jona-Geschichte. Es ist doch sehr ungewöhnlich, in welchem Licht, unter welchem Blickwinkel die fremden Seeleute, die ja für Jona Heiden sind, erscheinen.  Bereits auf dem Schiff werden sie, auch wenn sie nicht den Gott des Jona verehren, als fromm, bedacht und überlegt handelnd geschildert. Diese Heiden, diese Seeleute versuchen sogar Jona zum Beten zu motivieren. Und diese Fremden beten dann um Vergebung, nachdem sie Jona in ihrer Ausweglosigkeit über Bord werfen mussten. Und sie beten nicht zu ihren Göttern, – nein, – sondern zu Jonas Gott!  Und auch der Kern der Geschichte von Jona und dem Wal nimmt vor allem die Fremden in den Blick. Gott sorgt sich um die weit entfernte Stadt Ninive mit ihren Menschen. Auch sie haben bei Gott einen Wert. Auch für sie steht er mit all seiner Güte und Liebe ein.   Und die entscheidende Würze und damit Bedeutung erfährt das Buch Jona dann durch Jesus Christus selbst. Die drei Tage im Fisch und sein Weiterleben werden für uns zum Symbol für Christi Sterben und Auferstehen. „Es wird kein anderes Zeichen geben“, so sagt Jesus zu seinen Gegnern, „als das Zeichen des Jona.“ [1] So lesen wir bei Matthäus im 12. Kapitel, Vers 39.

Die Geschichte von Jona und dem Wal säubert, säuert und salzt. Sie reinigt und säubert von irrigen Gedanken und von der eigenen Bosheit. Gott will uns vom Recht haben und Vergelten hin bewegen zum Erbarmen und Vergeben. Gott weiß besser als wir, wohin unser Weg führen soll. Wir müssen auch nicht entscheiden, was für andere gut ist – Gott weiß es. Und so wird aus „sauer“ – wie der Volksmund sagt – dann doch wieder irgendwie „lustig“. Oder anders gesagt: „Der Mensch denkt, Gott lenkt.“ Oder auch so: „Der Mensch dachte, Gott lachte.“

Liebe Gemeinde, das „Bayerische Kochbuch“ gehört in jeden Haushalt. Die „Drei-S-Methode“ ist bei jedem Fisch hilfreich. Und das Filetieren und das Vakuum-Garen schauen wir uns bei anderer Gelegenheit genauer an. Amen.

Bearbeitet und gepredigt von Lektor Erich Ponsel, Schnaittach

Verfasser: Pfarrer Thomas Wolf, Rehau


[1]            Mt 12,39