Predigt am Sonntag Jubilate 25.04.2021

Johannes 15,1-8

Jesus spricht:

1 Ich bin der wahre Weinstock und mein Vater der Weingärtner.

2 Eine jede Rebe an mir, die keine Frucht bringt, wird er wegnehmen; und eine jede, die Frucht bringt, wird er reinigen, dass sie mehr Frucht bringe. 3 Ihr seid schon rein um des Wortes willen, das ich zu euch geredet habe.

4 Bleibt in mir und ich in euch. Wie die Rebe keine Frucht bringen kann aus sich selbst, wenn sie nicht am Weinstock bleibt, so auch ihr nicht, wenn ihr nicht in mir bleibt.

5 Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht; denn ohne mich könnt ihr nichts tun.

6 Wer nicht in mir bleibt, der wird weggeworfen wie eine Rebe und verdorrt, und man sammelt sie und wirft sie ins Feuer und sie müssen brennen.

7 Wenn ihr in mir bleibt und meine Worte in euch bleiben, werdet ihr bitten, was ihr wollt, und es wird euch widerfahren.

8 Darin wird mein Vater verherrlicht, dass ihr viel Frucht bringt und werdet meine Jünger.

Liebe Gemeinde,

manche Ich-bin-Worte sind legendär:„Ich bin ein Berliner“, sagte der amerikanische Präsident John F. Kennedy am 26. Juni 1963 vor dem Rathaus Schöneberg in West-Berlin. Manche Ich-bin-Worte sind peinlich: „Ich bin ein Star – holt mich hier raus“, rufen die Möchtegern-Promis beim Dschungelcamp in Australien. Manche Ich-bin-Worte sind dumm: „Ich bin eine Marke“, erklärt das amerikanische Party-Girl Paris Hilton. Doch die berühmtesten und zugleich herausforderndsten „Ich-bin-Worte“ stammen von Jesus: „Ich bin das Licht der Welt. Ich bin der gute Hirte. Ich bin das Brot des Lebens. Ich bin die Auferstehung und das Leben. Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben. Ich bin das A und das O.“ Und vorhin haben wir in der Schriftlesung gehört: „Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben.“

„Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht, denn ohne mich könnt ihr nichts tun.“ Ich weiß nicht, ob Sie dem letzten Teil dieses Satzes so ohne Weiteres zustimmen können. Denn stimmt das wirklich? „Ohne mich könnt ihr nichts tun.“ Wir tun doch andauernd etwas ohne Jesus, ohne dass wir ihn um etwas bitten, ohne dass wir ihn um Rat fragen. Die Büroarbeit, der Haushalt, die Kindererziehung – da läuft doch vieles ganz automatisch – ohne Jesus. Man kann sogar einen Gottesdienst besuchen, ohne Jesus zu entdecken. Dauernd machen wir etwas, ohne dass wir wahrscheinlich das Gefühl haben, wir tun es mit Jesus. Wie wäre das aber, etwas mit ihm zu tun? Wie wäre es, mit IHM zu leben? Mit Jesus aufstehen und schlafen gehen, mit ihm lernen, mit ihm auf die Arbeit und zur Schule gehen, mit ihm Sport machen, mit ihm auf die Entdeckungs- reise ins Leben gehen? Was wäre dann anders? Und gäbe es Vorteile, wenn Jesus mit dabei ist? Vielleicht den: dass wir immer jemanden bei uns hätten, der durchblickt? Jemand, der weiter sieht. Jemand, der heute schon in die nächste Woche, das nächste Jahr, ja sogar unsere ganze Lebenszeit überblicken kann und weiß, was gut für uns ist und was nicht.

„Wer in mir bleibt, der bringt viel Frucht.“ Das ist das Versprechen, das Jesus gibt. Dass wir mit ihm kein fruchtloses, nutzloses Leben führen werden, sondern ein Leben, das erfüllt ist, voller guter Gaben und Möglichkeiten. Nun, was ist das für eine „Frucht“?

Im Galaterbrief gibt der Apostel Paulus eine klare Antwort darauf, was gute und schlechte Früchte sind. Er schreibt dazu: „Offenbar sind aber die Werke des Fleisches, als da sind: Ehebruch, Hurerei, Unreinigkeit, Unzucht, Abgötterei, Zauberei, Feindschaft, Hader, Neid, Zorn, Zank, Zwietracht, Rotten, Hass, Mord, Saufen, Fressen und dergleichen, von welchen ich euch zuvor gesagt und sage noch zuvor, dass, die solches tun, werden das Reich Gottes nicht erben. Die Frucht aber des Geistes ist Liebe, Freude, Friede, Geduld, Freundlichkeit, Gütigkeit, Glaube, Sanftmut, Keuschheit“ (Galater 5, 19-22). Die guten Früchte, die der Weingärtner hegt und pflegt, an denen er sich freut und die uns Christen gut anstehen, sind also: Liebe, die für den Nächsten das Beste sucht; Freude, die immer wieder staunt über Gottes Herrlichkeit; Friede, der nicht von äußeren Bedingungen abhängig ist; Geduld, die mir so unsagbar schwer fällt; Freundlichkeit, und zwar auch dann, wenn ich in Zeitdruck bin; Güte, die verzeihen und annehmen kann; Glaube als tiefe Hoffnung auf Gottes unbegrenzte Möglichkeiten; Sanftmut, die nicht mit Schwäche zu verwechseln ist, sondern aus innerer Stärke kommt und Keuschheit, die selten gewordene Tugend der Selbstbeherrschung.

„Gute Frucht“, das sind auchMenschen, die durch die Christen, die durch uns zum Glauben an Gott, an Jesus kommen! Wo wir Helfer sein können, indem wir ihnen von Jesus erzählen, sie auf ihn hinweisen, sie einladen in seine Gemeinde. Das beginnt da, wo es uns nicht kalt lässt, dass so Viele ohne Gott, ohne Jesus und seine Gemeinde leben. Und es erfüllt uns mit großer Freude, wenn wir sehen, dass Menschen zurückfinden zur Quelle des Lebens, zu Gott, und dass sich unser Einsatz dafür gelohnt hat!

„Frucht bringen“ ist also der Auftrag jedes Christen und der christlichen Gemeinde.

Wie geht es uns damit? Setzt es uns unter Druck wie ein Befehl, ein Imperativ: Strengt euch an, Ärmel hoch?!

Nein, Gottseidank nicht! Der Weingärtner stellt sich ja auch nicht vor den Weinstock und kommandiert: Jetzt aber schnell Frucht gebracht! Auf Kommando wächst nichts, auch nicht im Glauben. Früchte kann man nicht befehlen. Frucht muss wachsen. Und darum sagt Jesus: „Wer bleibt, der bringt.“

Sieben Mal steht in diesen Versen der Begriff „bleiben“. Er ist ein Lieblingsbegriff des Johannes…

Jesus sagt: Bleibt einfach an mir, und ihr werdet die Früchte des Geistes bringen!

1. Wer darin bleibt, bringt Frucht

Wer in Jesus bleibt, denn Jesus ist der wahre Weinstock (Vers 1). In ihn hat Gott die ganze Fülle des Lebens gelegt.

Um dieses Weinstockgleichnis zu verstehen, muss man in einem Weinberg gewesen sein. Im Winter ist es ein trostloser Anblick. Aus der Erde ragen nur ein paar Stecken, die sehen aus wie abgestorbene, fleischlose Arme. Nicht erinnert an Leben; ein einziges Totenfeld, dieser Weinberg im Winter. Dann wird es Frühjahr. Der Winzer kommt und schneidet den Stock so, dass nur der Stamm und die zwei Äste, die nach links und rechts hinaus gebunden werden, übrig bleiben. Der Weinstock sieht aus wie ein Kreuz. Dann treiben die Säfte. An den Schnittwunden bilden sich kleine Tropfen, die zur Erde fallen. Der Weinstock blutet, sagt der Kenner. Schließlich im Sommer schießen über Nacht soviel Zweige und Blätter hervor, dass der eigentliche Weinstock völlig darunter verschwindet. Ein wahres Wunder der Schöpfung, dieser Weinstock im Sommer. Und im Herbst kommt es dann zur Weinlese.

So, sagt Jesus, bin ich der Weinstock. Er hat seine Wurzeln tief hineingegraben in die Welt seines Vaters. Jesus lebte nicht aus sich selbst, sondern bezog alles von Gott: Liebe, Kraft, Wahrheit. Und als er am Kreuz hing, schnitt man ihm in die Seite, so das er blutete und starb. Aber über Nacht brach neues Leben hervor: Am Ostermorgen wurde wahr, was Jesus vorher gesagt hatte: „Ich lebe, und ihr sollt auch leben.“

In diesem Weinstock Jesus sollen seine Leute bleiben wie Reben. Christen sind Zweige am Weinstock Jesus Die Verbundenheit, das Sein in Jesus ist die Grundlage des Christseins.

Aber wichtig ist, genau hinzuhören: Jesus sagt nicht: „Wer in meiner Nähe bleibt …“ Er sagt auch nicht: „Wer ab und zu mal im Gottesdienst auftaucht…“ Er sagt auch nicht: „Wer sich nach meinem Namen nennt …“, oder: „Wer getauft und konfirmiert ist“, oder: „Wer täglich das Vaterunser betet …“. Nein, es geht Jesus um mehr: „Wer in mir bleibt und ich in ihm …“

Darf ich es an einem Bild verdeutlichen: Da stand im Garten der Familie ein kleiner Baum. Als seine ersten Zweige grün wurden, bekamen die Buben die strikte Anweisung, Fußballspiele in geziemender Entfernung zu veranstalten. Sie taten das schon – aber ein verunglückter Freistoß wurde zum Volltreffer und knickte den schönsten Zweig. Aber nicht nur der Zweig, auch die Buben waren geknickt. Wie konnte dem Zweig vor den Verdorren und ihnen vor der Strafe geholfen werden? Da hatten sie die Idee: Sie besorgte sich einen Zwirnsfaden, wickelten ihn um die Bruch-stelle – und siehe da, der Zweig stand so schön wie vorher. Aber nur einen Tag lang; dann fiel der Mutter auf, wie die Blätter hingen und welk wurden. Sie entdeckte den Zwirnsfaden, der nichts nützte. – Es gab keine große Strafe, aber die Buben hatten für ihr Leben gelernt: Zweige können nicht an-gebunden leben, sondern nur ver-bunden.

Genauso ist es auch mit Jesus und dem Glauben an ihn. Wir wollen keine „Zwirns-fadenchristen“ sein: angebunden an die Kirche mit dem Faden der Tradition, mit dem hauchdünnen Fädchen der Erinnerung, angebunden an die Gemeinde mit dem Faden der Kameradschaft. Dieses Christsein nützt nichts, dabei kommt nichts heraus. Dieses Christsein welkt. Wir müssen nicht angebunden, sondern verbunden sein; „in“ Jesus sein.

Dieses „Bleiben“ geschieht dort, wo wir uns mit dem Wort von Jesus beschäftigen. „Wenn ihr in mir bleibt und meine Worte in euch bleiben“, sagt Jesus (Vers 7). Seine Worte wollen in uns bleiben: die Worte, die wir im Gottesdienst hören, die Worte der Losungen und der täglichen Bibellese, wenn wir z.B. im Bibelkreis darüber nachden-ken und uns austauschen. Wir brauchen diese Worte Jesu, von denen er sagt: „Ihr seid schon rein um des Wortes willen, das ich zu euch geredet habe.“ (Vers 3)

Das Bleiben geschieht, wo wir die Gebetsverbindung zu Jesus nicht abreißen lassen: „werdet ihr bitten, was ihr wollt, und es wird euch widerfahren.“ (Vers 7)

Sodann: Anders als bei vielen anderen Obstbäumen reifen an einer Rebe nicht einzelne Früchte, sondern Trauben. Trauben, die aus vielen einzelnen Beeren bestehen. Für mich ist dies ein wichtiger Denkanstoß. Trauben entfalten ihre ganze Schönheit erst in der Fülle der Beeren. Das Bild vom Weinstock und den Reben ist ein starkes Plädoyer für die christliche Gemeinde. In den sogenannten Abschiedsreden von Jesus blitzt dieser Gedanke immer wieder auf. Jesus hat keine Einzelkämpfer, keine Solisten-Christen gerufen, sondern eine ganze Jüngerschar. Die Traube ist deshalb auch ein starkes Bild für die christliche Gemeinde und Gemeinschaft. Im Lied 227 in unserem Gesangbuch heißt es in der 5. Strophe: „Eins lass uns sein wie Beeren einer Traube, dass die Welt glaube”. Deshalb: haltet die Verbindung, bleibt dran! An Jesus und an seiner Gemeinde, denn die Rebe kann nicht ohne Weinstock sein.

Wer also im Gebet bleibt, wer im Wort bleibt, und wer in der Gemeinschaft der Mitchristen bleibt, der bringt auf Dauer Frucht. Das ist auch die Erfahrung der weltweiten Gemeinde Jesu Christi.

2. Wer darunter bleibt, bringt Frucht

Der Weinstock lebt im Frühjahr auf: Saftstrotzende Zweige und hellgrüne Blätter zeigen sich überall. Aber dann kommt der Winzer wieder. Er sieht nicht nur die wachsende Pracht, sondern auch die wuchernden Schosse – und die schneidet er ab. Er reinigt: „Eine jede Rebe an mir, die keine Frucht bringt, wird er (Gott) wegnehmen; und eine jede, die Frucht bringt, wird er reinigen, dass sie mehr Frucht bringe.“ (Vers 2)

So kann es auch in unserem Leben sein. Es kann sein, dass wir manche Lebensziele nicht verwirklichen können, dass uns manches genommen wird, was uns wichtig ist. Denken wir auch jetzt an die lange anhaltende Zeit der Pandemie und ihre Beschrän-kungen, die auch das Gemeindeleben betreffen.

Wir deuten das Schmerzhafte, Leidvolle unseres Lebens eher als Strafe. Oder wir reden von Versuchung. Von Gottes Pädagogik oder notwendigen Veredelungs-maßnahmen reden wir nicht. Was aber ist, wenn Gott, der Weingärtner meines Lebens, mich auch mal schmerzhaft beschneidet mit dem Ziel, dass ich kultiviert werde, sprich: mehr Frucht bringe? Was ist, wenn das, was ich erst einmal ablehne als Leid und Unglück meines Lebens, etwas mit meiner Zukunft zu tun hat? Dass ich in ein tiefgründigeres Leben starten kann?

Gott kommt und beschneidet, entfernt. Wer das begreift, der bekommt ein neues Verhältnis zu den Entbehrungen, Pannen, Sackgassen, zum Scheitern in seinem Leben. Man läuft Gott nicht aus der schneidenden Hand, auch wenn es schmerzt und weh tut.

Ja, nur der Gereinigte bringt Frucht – Frucht, die bleibt.

Darum gilt es, darunter zu bleiben; Ja zu sagen zu manchen Schwierigkeiten, nicht aufzugeben und im Glauben dranzubleiben.

„Alles was zählt, ist die Verbindung mit dir, und es wäre mein Ende, wenn ich diese Verbindung verlier“, so singen die „Söhne Mannheims“ in einem ihrer Lieder. Recht haben sie. Das Bleiben in der Verbindung mit Jesus ist die Garantie für ein spannendes, nicht immer leichtes, aber auf jeden Fall fruchtbares Leben. Denn Jesus sagt:„Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht; denn ohne mich könnt ihr nichts tun.“ Deshalb: Bleibt dran! Am Dranbleiben hängt es. Dranbleiben bringt es. Amen.

Lied nach der Predigt:

Evang. Gesangbuch Nr. 406,1-3: Bei dir, Jesu, will ich bleiben

Pfarrer Hans Weghorn, Neunkirchen am Sand

Die heutige Kollekte ist für die evangelische Jugendarbeit in Bayern bestimmt:

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