Predigt am Sonntag Kantate 02.05.2021

Jesaja 12,1-6

„Cantate“ – „Singt dem Herrn ein neues Lied“. Als christliche Gemeinde singen wir gerade an diesem Sonntag gern bzw. hören gerne Lieder, nachdem wir ja nach wie vor als Gemeinde im Gottesdienst nicht singen dürfen. Wir singen Gott in alten und neuen Liedern. Wir singen dem Herrn, weil wir Ihn loben und ehren, weil wir uns bei Ihm bedanken für das Gute, das Er getan hat. – Und so stimmen wir heute mit ein in ein altes Lied aus dem Jesaja-Buch. Die Melodie ist uns unbekannt, aber der Text ist uns erhalten – und auf den kommt‘ s ja an.

1 Zu der Zeit wirst du sagen: Ich danke dir, HERR, dass du bist zornig gewesen über mich und dein Zorn sich gewendet hat und du mich tröstest.

2 Siehe, Gott ist mein Heil, ich bin sicher und fürchte mich nicht; denn Gott der HERR ist meine Stärke und mein Psalm und ist mein Heil.

3 Ihr werdet mit Freuden Wasser schöpfen aus den Heilsbrunnen.

4 Und ihr werdet sagen zu der Zeit: Danket dem HERRN, rufet an seinen Namen! Machet kund unter den Völkern sein Tun, verkündiget, wie sein Name so hoch ist!

5 Lobsinget dem HERRN, denn er hat sich herrlich bewiesen. Solches sei kund in allen Landen!

6 Jauchze und rühme, du Tochter Zion; denn der Heilige Israels ist groß bei dir!

Wir wollen einstimmen in das Gotteslob von Israel damals und es zu unserem Gotteslob machen in drei Punkten:

  1. Gotteslob aus der Tiefe
  2. Gotteslob aus dem Vollen
  3. Gotteslob für alle

1. Gotteslob aus der Tiefe

Wir wissen nicht genau, in welcher Situation dieses Lied, dieses Gotteslob zum ersten Mal gesungen wurde: vielleicht nach der schweren Erfahrung des babylonischen Exils. Das war ja Gottes Gericht über Sein Volk gewesen; oder in einer anderen schwierigen geschichtlichen Lage des Volkes.

Auf jeden Fall war es eine Situation der Tiefe. Das Volk hatte Gottes Zorn erfahren: Herr, du bist zornig über mich gewesen…“ (Vers 1)

Ich muss erklären, was die Bibel mit „Gottes Zorn“ meint: Das ist keine jähe Gefühlsaufwallung oder „Jähzorn“, der losbricht, nachdem sich so viel aufgestaut hat. Vielmehr: Gott gibt Sein Volk, die Menschen dahin, nachdem Er oft genug eine lange Zeit gewarnt hat. Er hat das getan durch Propheten, die das Volk zur Umkehr gerufen haben. Aber die Menschen hörten nicht darauf, gingen ihre eigenen Wege ohne Gott. Da ließ Er Sein Gericht über sie kommen. Sie erfuhren, wie fern Gott ihnen war. Das hat Israel bitter erleben müssen. Aber dann auch: „dass dein Zorn sich gewendet hat und du mich tröstest.“ Der Zorn Gottes ist nicht das Letzte, Er bietet einen Neuanfang an.

Und das haben immer wieder Menschen zu allen Zeiten so erfahren: die Tiefe, die Ferne Gottes aber dann Seine Hilfe, Seinen Trost.

Ja, sogar das, dass sie mitten in der Tiefe Gott loben konnten, sozusagen schon im Vorab das Gotteslob aussprechen konnten.

Denken wir an manche Klagepsalmen der Bibel. „Klagen“ ist ja auch „biblisch“. Wir können unsere Not Gott klagen. Im Psalm 22 z.B. klagt der Beter: „Mein Gott…, warum hast du mich verlassen?!“ Er schreit seine ganze Not vor Gott heraus, über viele Verse hinweg. Aber dann, gegen Ende des Psalms, heißt es: „Ich will dich in der Gemeinde rühmen…, dich will ich preisen in der großen Gemeinde…“ Die Klage wendet sich zum Gotteslob, weil Gottes Zorn und Seine Abwesenheit nicht das Letzte ist…

Oft kann ein Mensch erst im Nachhinein, im Rückblick sagen: Ja, es war gut, dass es mir so schlecht ging, dass ich in eine ganz schwierige Situation kam. Sonst hätte ich Gott, hätte ich Jesus nicht kennengelernt, nicht zu Ihm gefunden.

Ich denke an eine Frau aus meiner früheren Gemeinde: Sie hatte einen guten Beruf, wo sie viel verdient hat. Aber dann vertat sie viel Geld und landete voll in der Schuldenfalle. Ihre Ehe wurde geschieden. Dann starb ihre Mutter. Durch die Beerdigung ergaben sich mehrere Gespräche mit dem Pfarrer. Durch diese Krise fand sie neu zum Glauben ihrer Kindheit und Jugend, zu dem Gott, von dem sie sich im praktischen Leben abgewandt hatte. Ja, ihr Glaube wurde durch die Erfahrungen, die sie gemacht hatte, vertieft. Und so konnte sie Gott loben und sich in die Gemeinde einbringen, auch wenn manche Schwierigkeiten bestehen blieben.

Gotteslob – aus der Tiefe! Kein oberflächliches „Halleluja-Christentum“, sondern ein Glaube, der in der Tiefe bewährt ist. Ich wünsche es weder Ihnen noch mir, dass wir so in die „Tiefe“ kommen. (Doch wer weiß, wem von uns es jetzt so ähnlich geht…) Doch ich wünsche uns, dass wir dann in solchen Situationen an Gott festhalten, ja: Ihn loben können.

2. Gotteslob aus dem Vollen

Siehe, Gott ist mein Heil, ich bin sicher und fürchte mich nicht; denn Gott der HERR ist meine Stärke und mein Psalm und ist mein Heil. Ihr werdet mit Freuden Wasser schöpfen aus den Heilsbrunnen.“ (Vers 2 und 3)

Weil Israel das damals erfahren hat und immer wieder einzelne Menschen und auch Gemeinschaften von Menschen – darum stehen hier diese ganz persönlichen Aussagen.

Und da fällt auf in Vers 2: Der Blick geht ganz auf Gott: „Der Herr ist meine Stärke/mein Psalm/mein Heil.“ Das ist ja das Kennzeichnende beim Gotteslob: dass wir den Herrn, dass wir Gott groß machen, Ihm alle Ehre geben. Es geht nicht um „fromme Gefühlsschwelgerei“. Gefühle dürfen, sollen sein; aber: Ihm, dem Herrn, soll die Ehre gelten.

Wir wissen vom Neuen Testament her, wer dieser „Herr“ ist: „mein Heil“, auf hebräisch „mein Jeschua“: Jesus! „Gott hilft/rettet, ist mein Heil“!

Vor 80 Jahren erwartete man in Deutschland von einem anderen das „Heil“, und mit seinem Namen (Hitler) grüßte man sich; und auch jetzt gibt‘ s wieder Verbohrte und Verführte (auch und gerade junge Leute…) Aber das Heil liegt nicht in Menschen, schon gar nicht in Volksverführern, sondern in Gott, in Seinem Sohn Jesus, von dem es in der Apostelgeschichte heißt: „Es ist in keinem andern Heil/Rettung…“ (Apostelgeschichte 4,12)

Das Zeichen des Heils in Jesus Christus ist das Kreuz: das Zeichen des vollen, vollkommenen Heils, der Rettung. Wer sich an Jesus hält, der kann sagen: „Der Herr ist meine Stärke und mein Psalm und ist mein Heil.“ Der kann Gott loben und aus dem Vollen schöpfen, weil Jesus am Kreuz alles vollbracht hat… Darum können wir Gott loben aus dem Vollen!

Vers 3: „Ihr werdet mit Freuden Wasser schöpfen aus den Heilsbrunnen.“ Gott ist ein reicher Gott, Er gibt gerne; wir dürfen von Ihm nehmen, was Er für uns bereit hat.

Wie mühevoll ist es, im Heiligen Land Wasser zu schöpfen! Wie kostbar ist dort das Wasser! Durch Jesus gibt Gott Seinen Menschen, was sie zutiefst brauchen: „Wasser aus den Heilsbrunnen“.

Das macht uns froh, erfüllt uns mit Freude, die sich in Lob- und Dankliedern ausdrückt. In diesem Liedern nehmen wir in gewisser Weise schon vorweg, was einmal vollkommen sein wird: das vollendete Reich Gottes: „zu der (oder: zu jener) Zeit“, heißt es im 1. Vers. Diese Zeit ist noch nicht voll da. Wir leiden noch unter Hass und Krieg, unter Krankheit und Tod, unter der eigenen Unzulänglichkeit, bis hinein in die christliche Gemeinde. – Aber: „Zu der Zeit/an jenem Tage“, wenn Jesus wiederkommen wird, werden wir ganz „aus dem Vollen schöpfen“: alle, die zu Jesus gehören.

Danach können wir uns jetzt schon ausstrecken…

3. Gotteslob für alle

In den Versen 4-6 geht der Blick in die Weite! Wir loben Gott, wir loben Jesus nicht nur „für uns“; wir genießen, was Er gibt, nicht für uns allein, sondern geben es weiter. In Vers 4 heißt es: „Machet kund unter den Völkern Sein Tun, verkündiget, wie Sein Name so hoch ist!“… “Solches sei kund in allen Landen!“ (Vers 5) „Unter den Völkern“: damals waren es die„Heiden“-Völker; doch es gilt ja auch den „modernen Heiden“ in unserem Land.

Wer erfahren hat, wie gut Gott ist, der behält das nicht für sich, sondern der gibt‘ s weiter; der zeigt den Weg dahin, wo es „Wasser“ gibt. Wie jemand mal sagte: „Ein Christ ist ein Bettler, der dem anderen den Weg zur Quelle weist.“: zu Gott, zu Jesus Christus! Das ist der Auftrag der Gemeinde Jesu Christi in dieser Welt: durch Wort, Tat und Leben.

Und das geschieht gerade auch durch das Gottes-Lob, das gesungene Lob Gottes. Es kann geradezu eine missionarische Dimension haben, wenn Christen ihren Gott loben: mit alten und mit neuen Liedern.

Ich weiß von Menschen, die auf diese Weise (neu) zu Gott gefunden haben, weil sie merkten: Da singen Leute fröhlich von ihrem Glauben. Sie wurden geradezu angesteckt.

Bei einem christlichen Jugendfestival vor einigen Jahren sangen viele Teilnehmer oft auf der Busfahrt von ihrem Quartier zur Tagungsstätte und dann auf der Rückfahrt voll Begeisterung und Hingabe ihre Lieder, die Gott lobten und Jesus verherrlichten. Da sagte der Busfahrer: „Mann, wenn das so weitergeht, werd ich auch noch ein Christ!“

„Gotteslob – für alle“: Alle sollen es hören und davon erfasst werden, dass Gott da ist, dass er reich ist und gerne gibt. Alle sollen von der wunderbaren Botschaft erreicht werden: „Gott der Herr ist meine Stärke und mein Psalm und ist mein Heil.“

Und so wollen wir uns mit hineinnehmen lassen, liebe Gemeinde, in dieses Gotteslob:

  1. Gotteslob – aus der Tiefe
  2. Gotteslob – aus dem Vollen
  3. Gotteslob – für alle. Amen.

Lied nach der Predigt: Ev. Gesangbuch Nr. 333,1-6: Danket dem Herrn

Pfarrer Hans Weghorn, Neunkirchen am Sand

Die heutige Kollekte ist für die Kirchenmusik in Bayern bestimmt:

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