Predigt am Sonntag Misericordias Domini 18.04.2021

über Hesekiel 34,1-2.10-16.31

Liebe Gemeinde,

in der katholischen Kirche gibt es sogenannte Hirtenbriefe, die ab und zu aus Rom kommen. Das sind Worte, die in einer besonderen Sache von höchster Stelle Hilfe und Orientierung geben wollen. Nun, wir Evangelischen bekommen keine Hirtenbriefe aus Rom, wir lesen sie in der Bibel. Z.B. beim Propheten Hesekiel. Der Hirtenbrief, den er dem Volk Israel damals weitergab, enthält nicht seine eigenen Gedanken. Er gibt weiter, was Gott ihm gezeigt hat. In diesen Versen können wir einen Hirtenbrief Gottes lesen. Dieser Brief ist hochbrisant, denn er klagt die politischen und religiösen Führer seiner Zeit an. Ein Hirtenbrief vom himmlischen Oberhirten für die Unterhirten auf der Erde. Die haben nämlich total versagt, die haben das Land zugrunde gerichtet und die Menschen ausgenutzt. Hören wir selbst:

1 Und des HERRN Wort geschah zu mir:

2 Du Menschenkind, weissage gegen die Hirten Israels, weissage und sprich zu ihnen: So spricht Gott der HERR: Wehe den Hirten Israels, die sich selbst weiden! Sollen die Hirten nicht die Herde weiden?

10 So spricht Gott der HERR: Siehe, ich will an die Hirten und will meine Herde von ihren Händen fordern; ich will ein Ende damit machen, dass sie Hirten sind, und sie sollen sich nicht mehr selbst weiden. Ich will meine Schafe erretten aus ihrem Rachen, dass sie sie nicht mehr fressen sollen.

11 Denn so spricht Gott der HERR: Siehe, ich will mich meiner Herde selbst annehmen und sie suchen.

12 Wie ein Hirte seine Schafe sucht, wenn sie von seiner Herde verirrt sind, so will ich meine Schafe suchen und will sie erretten von allen Orten, wohin sie zerstreut waren zur Zeit, als es trüb und finster war.

13 Ich will sie aus den Völkern herausführen und aus den Ländern sammeln und will sie in ihr Land bringen und will sie weiden auf den Bergen Israels, in den Tälern und wo immer sie wohnen im Lande.

14 Ich will sie auf die beste Weide führen, und auf den hohen Bergen in Israel sollen ihre Auen sein; da werden sie auf guten Auen lagern und fette Weide haben auf den Bergen Israels.

15 Ich selbst will meine Schafe weiden, und ich will sie lagern lassen, spricht Gott der HERR.

16 Ich will das Verlorene wieder suchen und das Verirrte zurückbringen und das Verwundete verbinden und das Schwache stärken und, was fett und stark ist, behüten; ich will sie weiden, wie es recht ist.

31 Ja, ihr sollt meine Herde sein, die Herde meiner Weide, und ich will euer Gott sein, spricht Gott der HERR.

Wir konnten hören von den schlechten Hirten und vom rechten, vom guten Hirten. Schauen wir sie uns mal näher an, wie sie sind und was sie tun.

1. Die schlechten Hirten suchen sich selbst

Eigentlich ist ein Hirte für die Herde, für die Schafe da, ist doch klar. Er hat eine große Verantwortung. Damals im Volk Israel waren es die Könige, Fürsten, die Priester. Heute sind es die Regierenden, die Leute, die in öffentlicher Verantwortung stehen. Aber schrauben wir das mal ein bisschen herunter auf uns sozusagen: Menschen, die für andere da sind, die ihnen Leitung, Orientierung geben sollen; also z.B. Lehrer, Eltern, Meister im Arbeitsleben, Pfarrer, Jugendleiter etc. Wir brauchen andere, die uns Weisung geben, die uns sozusagen vorangehen und uns Gutes weitergeben! „Hirte“ im Sinne Gottes ist jede/r, der für andere zu sorgen hat, auch heute; an dem oder an der sich die Menschen orientieren.

Die Frage ist, ob die „Hirten“ ihren Auftrag so erfüllen, wie Gott es will! Also im Sinn des Eigentümers der „Schafe“. Denn die Hirten sind nur Beauftragte, nicht Eigentümer der Herde. Es ist nicht ihre Herde, sondern Gottes Herde!

Und da kommt es nun vom Propheten knallhart: Die Hirten Israels weiden sich selbst. Die suchen nicht das Wohl der Herde, sondern ihr eigenes! Die gehen mit der Herde um, als gehöre sie ihnen, nicht Gott! Sie üben Macht und Gewalt aus, ja: Sie betrachten die Schafe wie ein ‚“gefundenes Fressen“. Vers 3: Sie essen das Fett der Schafe. Wir würden heute sagen: Sie schöpfen den Rahm ab!

Da fällt es uns überhaupt nicht schwer, das auf unsere Zeit zu über-tragen. Verantwortliche, die ihren Einfluss, ihre Macht missbrauchen, gibt es genug: in Politik und Wirtschaft, in den Medien und auch in den Kirchen:

Denken wir an Spekulanten, die von Wirtschaftskrisen profitieren; an Politiker, denen es nur noch um Machterhalt geht, nicht um das Wohl des Volkes; oder welche, die großen Reibach machen, indem sie, wie jüngst geschehen und aufgedeckt wurde, kräftig am Verkauf von Mund-Nasen-Masken verdient haben. Wo sind die Leitungspersönlichkeiten, die dem Volk dienen wollen; die nicht nur nach Wählerstimmen schielen und so ihr Profil verlieren?!

Und dann stehen uns vor Augen die Missbrauchsskandale in der Kirche, vor allem in der katholischen; doch auch die evangelische Kirche ist davon ja nicht frei. Das schlägt tiefe Wunden. Es gibt auch in der Kirche Machtmenschen, die andere ausnutzen, drücken, für ihre Zwecke einspannen, damit sie groß rauskommen…

Doch auch die persönliche Frage sei erlaubt (bei unserer „kleinen“ Verant-wortung): Suche ich nur meinen eigenen Vorteil? Will ich mir oder will ich den Menschen dienen?

Da erzählte mal ein Reiseleiter bei einer Israelreise: Ein guter Hirte ist einer, der seinen Schafen vorausgeht. Der lässt sie nie allein. Der zwängt oder treibt sie nie vor sich her. – Da zeigte einer der Reisenden aus dem Fenster: „Und was ist das?“ Richtig, da ging einer hinter einer Schafherde her, trieb sie. Sofort ließ der Reiseleiter den Bus anhalten, sprang heraus und redete mit dem Mann mit der Schafherde. Und ganz beruhigt stieg er wieder ein. Das war kein Hirte, sagte er. Der würde vorausgehen. Das war ein Metzger, der seine Schafe zum Schlachthof treibt (!).

Das „Ergebnis“ steht auch in unserem Kapitel: Gott sagt: „Meine Schafe sind zerstreut, weil sie keinen Hirten haben, und sind allen wilden Tieren zum Fraß geworden… Sie irren umher…“ (Vers 5/6) Später sagte Jesus über sein Volk Israel: Sie sind „verschmachtet und zerstreut wie Schafe, die keinen Hirten haben…“ (Matth. 9,36). Damals wie heute gilt das!

Unsere Zeit schreit geradezu nach echten Hirten, nach Männern und Frauen mit einem echten Hirtenherzen, denen das Wohl der Menschen am Herzen liegt!

Vielleicht ist es uns ein gewisser Trost, was Gott sagt: „Siehe, ich will an die Hirten und will meine Herde von ihren Händen fordern; ich will ein Ende damit machen, dass sie Hirten sind, und sie sollen sich nicht mehr selbst weiden. Ich will meine Schafe erretten aus ihrem Rachen, dass sie sie nicht mehr fressen sollen.“ (Vers 10) Gott macht ein Ende mit den schlechten Hirten, Sein Geduldsfaden reißt. Er will, dass Seine Herde, Seine Gemeinde nicht mehr in die Irre geht! Er selber greift ein: „Jetzt muss der Chef ran!“ Vers 11ff! „Ich selbst“, spricht Gott.

Damit sind wir bei

2. Der rechte/gute Hirte sucht die Herde

Damals war es so: Gott holte Sein Volk Israel aus der babylonischen Gefangenschaft zurück, sammelte sie in ihrem Land. Und zugleich sah der Prophet schon etwas voraus, was gut 600 Jahre später geschehen sollte:

Es gibt den guten Hirten, der von Gott kommt: Jesus. Vorhin in der Evangeliums-Lesung haben wir es gehört: Dieser gute Hirte sucht die Herde, sucht uns Menschen.

Ich will das Verlorene wieder suchen und das Verirrte heimbringen.“ Jesus übt einen „Heimkehrdienst“ aus. Das sehen wir z.B. bei Menschen wie Zachäus, dem verlorenen Oberzöllner, der umkehrt. Jesus erzählt es im Gleichnis vom verlorenen Schaf. Das Zurückholen ist die Hauptaufgabe des guten Hirten. So ist es auch heute. Gerade „kaputte Typen“ will Jesus für Gott zurückgewinnen. Gott sagt nicht: Lass sie doch laufen! Vielmehr: Gott läuft uns in Jesus nach!

Ich will „das Verwundete verbinden und das Schwache stärken“. Das hat Jesus getan. Er leistete Notarztarbeit an denen, die als Verlorene gefunden worden sind. Er heilt auch heute Wunden, die uns in unserem Leben geschlagen wurden. Wir sollen heil werden, dankbare, nicht verbitterte Menschen.

Ich will „sie weiden, wie es recht ist“. So heißt es im Psalm 23, den wir heute miteinander gebetet haben: „Er weidet mich auf einer grünen Aue…“ Bei Gott, bei Jesus gibt‘ s das Beste, in Seiner Gegenwart werden wir „satt“, müssen wir uns nicht mit allem möglichen Zeug vollschlagen. Wir können vielmehr täglich aus seinem Wort und in der Gemeinschaft mit ihm leben.

Ja, dieser gute Hirte, Jesus, hat nicht „den Rahm abgeschöpft“, sondern hat sogar den bitteren Leidenskelch getrunken. Er ging nicht über Leichen, sondern „wurde selber zur Leiche“: Er gab sein Leben für uns. Er ist der einzige, dem es nicht um sich geht, sondern um uns!

Der frühere hannoversche Landesbischof Hanns Lilje erzählte einmal, dass er bei einer Reise nach Indien den Hauptsitz der Theosophischen Gesellschaft aufsuchte. In der Halle sah er die Bilder der vier großen Religionsstifter: Buddha, Mohammed, Zarathustra und Jesus. Der Inder, der ihn führte, fragte ihn beim Anblick dieser Bilder: „Sehen Sie wohl den großen Unterschied?“ Drei dieser Religionsstifter waren in tiefes Nachdenken versunken dargestellt. Das Bild von Jesus zeigte ihn als den guten Hirten, der sich über ein Gestrüpp beugt, um ein Schaf zu befreien, das sich verfangen hat. Der Inder sagte: „Sehen Sie, der Einzige, der nicht mit sich beschäftigt ist und nicht an sich denkt.“

Und darum

3. Lass dich vom guten Hirten suchen und finden

Das Beste, was einem Menschen passieren kann, ist: dass er sich von Jesus suchen und finden lässt. Das Beste ist, wenn wir zu dem guten Hirten, zu Jesus, gehören, und mit Ihm leben!

Nun, Jesus verspricht uns nicht, dass immer alles „glatt läuft“, dass es nie Probleme gibt. Aber das Wunderbare: Wir haben dann einen, auf den wir uns verlassen können; der uns nicht „sitzen lässt“; der nur „ein Gebet von uns entfernt“ ist; der uns den Weg zeigt und uns tröstet, wenn wir nicht mehr weiter wissen. Ja, Er „sammelt“ Seine „Herde“, Seine Leute, in Seine Gemeinschaft. Und deshalb ist auch die christliche Gemeinde und das Leben in und mit ihr so wichtig.

Der Essener Pfarrer Wilhelm Busch (1897-1966) erzählt: Eines Tages hatte ich eine Trauung. Das ist ein bisschen trostlos in einer riesigen kahlen Kirche. Und dann kommt da das Brautpaar und vielleicht zehn andere Leute. Die sitzen da so ein bisschen verloren in der riesigen Kirche. Und ein wohlgelaunter Herr aus der Industrie war Trauzeuge. Der arme Mann tat mir richtig leid… Er wusste einfach nicht, wie man sich in der Kirche benimmt. Man merkte ihm an, dass er sich fragte: „Muss ich jetzt niederknien? Soll ich ein Kreuz schlagen? Oder was ist richtig?“ Dann wurde ein Lied gesungen. Da hatte er natürlich keine Ahnung, aber er tat wenigstens so. Können Sie sich den Mann vorstellen? Jemand, der so richtig in die Welt passt! – Und dann passierte etwas ganz Merkwürdiges: Die Braut war Helferin im Kindergottesdienst gewesen. Und so sangen bei der Trauung etwa 30 kleine Mädchen von der Empore herunter ein Lied. Mit ihren süßen Stimmen sangen sie das ganz einfache Kinderlied: „Weil ich Jesu Schäflein bin, freu ich mich nur immerhin übe meinen guten Hirten…“ Und da denke ich: Was ist denn bloß mit dem Mann da los? Wird der krank? – Er sackt zusammen, schlägt die Hände vors Gesicht, zittert. Ich sage mir: Dem ist was zugestoßen! Ich muss einen Sanitäter rufen. – Doch dann merke ich: Der Mann weint hemmungslos. „…über meinen guten Hirten, der mich wohl weiß zu bewirten“, sangen die Kinder. „Der mich liebet, der mich kennt und bei meinem Namen nennt.“ Und da sitzt dieser Mann, der große Industrielle, und weint! Auf einmal begriff ich, was da passierte in der kahlen Kirche. Dem Mann ging auf: Die Kinder haben, was ich nicht habe: einen guten Hirten. Ich aber bin ein einsamer, verlorener Mann!

Sie können es im Leben nicht weiter bringen, als dass Sie wie diese Kinder sagen können: „Ich freue mich, dass ich zur Herde Jesu Christi gehöre und einen guten Hirten habe.“ Sie können es nicht weiter bringen! Sehen Sie zu, dass Sie das sagen können! Warum ich an Jesus glaube? Weil er der gute Hirte ist, der beste Freund, mein lebendiger Heiland.

Liebe Gemeinde, das wünsche ich uns allen, dass wir Jesus Christus, dem guten Hirten, vertrauen und erfahren, dass Er es mit jedem von uns gut meint. Denn es stimmt:

  1. Die schlechten Hirten suchen sich selbst.
  2. Der gute Hirte sucht die Herde/sucht dich. Und darum
  3. Lass dich vom guten Hirten suchen und finden. Amen.

Lied nach der Predigt:

Evang. Gesangbuch Nr. 593: „Weil ich Jesu Schäflein bin…“

Pfarrer Hans Weghorn, Neunkirchen am Sand

Die heutige Kollekte ist für die Übersetzung und Weitergabe der Bibel bestimmt:

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