Predigt am Weihnachtsfeiertag 26.12.2021

über 1. Johannes 3,1-2

1 Seht, welch eine Liebe hat uns der Vater erwiesen, dass wir Gottes Kinder heißen sollen – und wir sind es auch! Darum erkennt uns die Welt nicht; denn sie hat ihn nicht erkannt.
2 Meine Lieben, wir sind schon Gottes Kinder; es ist aber noch nicht offenbar geworden, was wir sein werden. Wir wissen: Wenn es offenbar wird, werden wir ihm gleich sein; denn wir werden ihn sehen, wie er ist.

Liebe Gemeinde,
das erste Wort unseres Abschnitts heißt: „Seht!“ Weihnachten hat es mit dem Sehen zu tun. Es gibt etwas zu sehen an Weihnachten. Man kann an Weihnach-ten ins Staunen geraten über vieles, was man sieht. Hier bei uns in der Kirche: der Christbaum, die wunderbaren Krippen. Denken wir an unsere Kindheit zurück, als wir das erste Mal den Christbaum sahen mit Kerzen und Schmuck und die Geschenke auspackten und begeistert waren und spielten. Kinder können noch staunen mit leuchtenden Augen und voller Freude. – Es gibt an Weihnachten etwas zu sehen, worüber man staunen und sich freuen kann.
So wollen wir die Aufforderung in unserem Text annehmen: „Seht!“ Seht voller Staunen, was an Weihnachten geschehen ist, was euch an Weihnachten geschenkt worden ist!

  1. Seht auf die Vaterliebe Gottes!
    „Seht, welch eine Liebe hat uns der Vater erwiesen!“ – geschenkt (Vers 1). Das ist das größte Geschenk an Weihnachten: Gottes Liebe – für uns, für jeden persönlich. An Weihnachten sehen wir die Liebe Gottes. Dieses Liebes-geschenk ist nicht kunstvoll verpackt wie die meisten Weihnachtsgeschenke mit Geschenkpapier und Schleifchen, sondern es ist in Windeln gepackt. Es liegt nicht unter einem schön geschmückten Christbaum, sondern in einem Futtertrog, in einer Krippe; nicht in einem nach Weihnachtsbraten duftenden Wohnzimmer, sondern in einem Stall, der nach Vieh riecht („Ochs und Esel“). Dieses Liebesgeschenk Gottes ist kein „Etwas“, kein Gegenstand, sondern eine Person: Sie hat den Namen Jesus. Jesus ist die fleischgewordene Liebe Gottes, die Liebe Gottes in Person. Darüber sollen wir wieder neu ins Staunen geraten. Gott kommt auf diese Erde, um uns zu retten. Das ist seine Liebe zu der verlorenen Menschheit, von der es in dem Weihnachtslied heißt, das wir am Schluss singen werden: „Welt ging verloren, Christ ist geboren…“ Der Höhe-punkt der göttlichen Liebe zu uns Menschen ist das Kreuz, der Tod von Jesus!

Warum Gott das so getan hat? So fragen wir uns vielleicht. Ich weiß es nicht, warum Gott diesen Weg gegangen ist; aber ich weiß: Gott tat es aus Liebe zu uns.
Der indische Christ Sadhu Sundar Singh erzählte dazu folgende Geschichte: Ein König hatte einen Minister, einen sehr gebildeten Mann. Dieser Minister wurde Christ und bekannte seinen Glauben vor dem ganzen Volk. Er erklärte: Ich glaube an Jesus, der in diese Welt gekommen ist, um die Menschen von Schuld und Tod zu erlösen. Der König verstand das nicht. Er sagte: „Wenn etwas geschehen soll, dann befehle ich es meinen Dienern, und sie tun es. Das genügt. Warum sollte der König aller Könige selbst in diese Welt kommen?“ Der König wollte den Minister wegen seines christlichen Glaubens entlassen. Weil er ihn aber liebte, versprach er dem Minister Gnade, wenn er eine Antwort auf diese Frage wüsste. Der Minister sagte: „Gewährt mir 24 Stunden, Majestät, ich will euch antworten.“ – Er ließ einen geschickten Schnitzkünstler holen und trug ihm auf: „Fertige eine Puppe an und zieh sie genauso an wie das zweijährige Kind des Königs.“ – Am folgenden Tag machte der König eine Spazierfahrt im Boot. Der Schnitzkünstler war angewiesen, sich am Ufer des Flusses zu halten und auf ein vereinbartes Zeichen hin die Puppe ins Wasser zu werfen. Der König sah, wie die Puppe ins Wasser fiel. Was machte er? In der Meinung, es sei sein Kind, sprang der König ins Wasser und rettete die Puppe. – Da fragte ihn der Minister: „Warum wolltet Ihr selbst Euer Kind retten, wo doch ein Wort an die Diener genügt hätte?“ Da erwiderte der König: „Es ist das Herz des Vaters, das so handeln musste!“ Da antwortete der Minister: „So hat auch Gott sich nicht zufrieden gegeben, den Menschen nur etwas Schönes sagen zu lassen, sondern seine Liebe ließ ihn vom Himmel herabsteigen, um uns zu retten.“

„Es ist das Herz des Vaters, das so handeln musste!“ Durch Jesus sehen wir Gott als Vater, als vollkommenen, liebenden Vater. Durch Jesus ist diese Vaterliebe praktisch geworden. So wie der König sein Kind retten wollte, so hat auch Gott uns – wahrhaft verlorene! – Menschen gerettet. Es genügt nicht, einem Ertrinkenden zuzurufen: „Ich liebe dich!“ Nein, man muss reinspringen ins Wasser, zupacken, ihn rausholen! Genau das hat Jesus getan, als er sein Leben am Kreuz für uns gab
So dürfen und sollen wir also auf Gottes Vaterliebe sehen. Wir wollen unseren Blick nicht lähmen lassen von der Lieblosigkeit unserer Welt, dem ganzen Chaos, das uns umgibt, sondern uns zusprechen lassen: Wir sind geliebt von Gott! – Ganz persönlich darf ich es Ihnen/dir zusprechen: Du bist von Gott, dem Vater, geliebt. Lass dich immer neu daran erinnern.

  1. Seht auf euch: Ihr seid zu Gottes geliebten Kindern bestimmt
    „Seht, welch eine Liebe hat uns der Vater erwiesen, dass wir Gottes Kinder heißen sollen – und wir sind es auch!“ Das ist das Wunder von Weihnachten: Gott wird ein Kind – und das geht alles nicht an uns vorbei, vielmehr: Dieses Kind (Jesus) macht uns zu Kindern Gottes!
    Die Geburt dieses Kindes (Jesus) führt die neue Geburt der Menschen herbei! Denn von Natur aus ist kein Mensch ein Kind Gottes. Von Natur aus sind wir Feinde Gottes, von Gott getrennt. Sonst hätte ja Jesus nicht in diese Welt kommen müssen. Jesus ist nicht in erster Linie gekommen, um ein bisschen mehr Freundlichkeit und Menschlichkeit zu bringen, sondern um die verlorene Menschheit zurück zu Gott zu bringen, um sie zu retten! Gott macht uns zu seinen Kindern, schafft uns neu, verändert uns. Wie wenn jemand ein Waisen-kind adoptiert und das urkundlich verbürgt wird: Dieses Kind heißt wie sein Vater – und es ist sein Kind. Es gehört zum Vater. So ist es auch beim Christen: Er gehört zu Gott, seinem himmlischen Vater. Gott hat den Anfang gemacht in der Taufe: „Du bist mein!“ – Ich kann mich nicht selber zum Kind Gottes machen, genauso wenig wie man sich selber zur Welt bringen kann. Gott tut es und schenkt mir die Gewissheit: Ich gehöre zu ihm, ich bin ein Kind Gottes; ich heiße nicht nur so, ich bin es auch. Ich habe eine neue Identität: im Vater, in Jesus.

Und diese Gewissheit, die brauchen wir! Wir bekommen sie, wenn wir von ganzem Herzen Ja sagen zu Gott und zu Jesus. In der vorhin gehörten Lesung heißt es: „Welche ihn (Jesus) aber aufnahmen, denen gab er Macht, Gottes Kinder zu werden, die an seinen Namen glauben, die von Gott geboren sind.“ (Johannes 1,12) Es ist ein bewusster Schritt nötig: die Liebe Gottes annehmen, Jesus Christus als Herrn annehmen. Dann kann ich sagen: Ich bin ein Kind Gottes, ja, so ist es.

Bartholomäus Ziegenbalg war der erste evangelische Missionar in Indien. Er gründete eine christliche Gemeinde und begann, die Bibel in die Landes-sprache zu übersetzen. Als er dabei an unsere Stelle kam: „Seht, welch eine Liebe hat uns der Vater erwiesen, dass wir Gottes Kinder heißen sollen!“, da weigerte sich sein eingeborener Gehilfe, dem er diktierte, das zu schreiben; denn er meinte, es sei etwas viel zu Großes für die armen Hindus. Er schlug vor, dafür zu sagen: „Seht, welch eine Liebe hat uns der Vater erwiesen, dass wir zu seinen Füßen sitzen und den Saum seines Gewandes küssen dürfen.“ Doch Ziegenbalg belehrte ihn, dass die Kindschaft Gottes allen Menschen angeboten werde.

Ja, ich darf ein Kind Gottes sein: nicht weil ich so ein vorbildhafter Christ bin, sondern weil der Vater, Gott, mich hält. Denken wir an unsere eigenen Kinder: Die waren doch beileibe nicht immer vorbildhaft! Meine Kinder heißen „Weghorn“ und sind „Weghörner“. Vater und Mutter standen und stehen zu ihnen, auch wenn sie mal Unsinn machen.

Also: Seht auf euch: Ihr seid zur Gotteskindschaft bestimmt. Nehmen Sie diese Gotteskindschaft an, wenn Sie das noch nie bewusst gemacht haben, sagen Sie Ja zu Gott und zu Jesus! Und so erhalten wir Gewissheit: Dieser Vater ist immer für mich da. Auch, wenn ich Fehler mache, wenn ich schuldig werde. Ich kann jederzeit zu ihm zurückkommen.

Es war im 19. Jahrhundert in den Südstaaten der USA. Eine Mutter schob ihr unerwünschtes Kind in ein streng geführtes Erziehungsheim ab. Aber der von allen geschlagene Junge rächte sich. Er schlug seinen Lehrer nieder, brach aus dem Heim aus, raubte und stahl. Da fand ihn ein vornehmer Herr in der Hafenstadt New Orleans, nahm ihn mit nach Hause und adoptierte ihn als seinen Sohn.
So beginnt die Lebensgeschichte eines Mannes, der später sein Leben aufs Spiel setzte, um andere zu retten: Henry Morton Stanley. Eigentlich hieß er ganz anders. Aber den Namen bekam er von seinem neuen Vater als Geschenk und als Verpflichtung. Nie konnte er vergessen, dass er nun ein „Stanley“ war. Dieses großen Geschenks wollte er sich als würdig erweisen.
Die Liebe Gottes in Jesus Christus schafft auch neue Tatbestände. Er macht uns zu seinen Söhnen und Töchtern. Wir können nun in der herrlichen Freiheit Seiner Kinder auch leben, wie es unserem neuen Familienstand entspricht.

Liebe Gemeinde, an Weihnachten geht es ums Sehen. Voller Staunen dürfen wir sehen auf das, was Gott uns schenkt und was er mit unserem Leben vorhat:

  1. Seht auf die Vaterliebe Gottes in seinem Sohn Jesus Christus, der sein Leben für uns gab.
  2. Seht auf euch: Gott macht euch zu seinen Kindern.

Wenn wir das für uns annehmen können, haben wir eine große Hoffnung: Wir werden ihm (Jesus) gleich sein, ihn „sehen, wie er ist“ (Vers 2): in seiner ganzen Majestät und Herrlichkeit. Wir werden uns ewig über seine Gegenwart freuen! Das ist die große Hoffnung der Christen! Und das will uns Gott schon jetzt schenken: die Gewissheit, das wir in seiner Liebe geborgen sind. Denn es gilt für alle, die mit Jesus verbunden sind: „Seht, welch eine Liebe hat uns der Vater erwiesen, dass wir Gottes Kinder heißen sollen – und wir sind es auch!“ Amen.

Lied nach der Predigt:
EG 36,1-4.12: Fröhlich soll mein Herze springen

Pfarrer Hans Weghorn, Neunkirchen am Sand