Predigt bei der Jubelkonfirmation am 13. Juni 2021

Die Predigt ging über zwei Bibelverse:

Psalm 119,114: „Du bist mein Schutz und mein Schild; ich hoffe auf dein Wort.“ Lukas 11,27: „Selig sind, die das Wort Gottes hören und bewahren.“

Liebe Jubelkonfirmanden, liebe Gemeinde!

Am Anfang der Bibel steht die Schöpfungsgeschichte, wo erzählt wird, was Gott alles geschaffen hat von den Gestirnen des Himmels über die Pflanzen und Tiere bis zum Menschen. Diese Schöpfungsgeschichte umfasst 107 Worte. – Die Zehn Gebote, Gottes Wegweisung für unser Leben, umfassen 103 Worte. – Das Vaterunser, das Gebet aller Christen auf dieser Erde, umfasst in der deutschen Fassung von Martin Luther 63 Worte. – Wissen Sie, wie viele Worte die Verordnung der EG (Europäischen Gemeinschaft) über die Einfuhr von Karamellbonbons umfasst? 25.911 Worte (!).

Worte, Worte, Worte! Wie viele Worte strömen auf uns ein, hören wir tagtäglich! Wie viele Worte lesen wir, reden wir: gute Worte, gerade auch heute, wo Sie sich an Ihre Konfirmation erinnern, an die damali-gen Begebenheiten, den Unterricht und die Konfirmation selber, an Worte, die von Ihrem Konfirmationspfarrer  an Sie gerichtet wurden und an Worte von Eltern und Verwandten, die Ihnen Mut geben wollten.

Wir Menschen sind auf das Wort hin angelegt, wir sind, wie jemand einmal sagte, „worthafte Wesen“: Wir brauchen Worte, die uns aufbauen, die uns ermutigen und voranbringen.

Vielleicht haben Sie schon einmal von dem Experiment gehört, das ein mittelalterlicher deutscher Kaiser, Friedrich II., durchführen ließ: Neugeborene Kinder, die von Ammen aufgezogen wurden, sollten alles bekommen: zu essen und zu trinken, Liebe und Annahme, aber die Ammen sollten nicht mit den Kindern sprechen. Friedrich wollte dadurch herausfinden, was die Ursprache des Menschen sei. Wissen Sie, was passiert ist? Die Kinder starben, weil nicht zu ihnen geredet wurde! Sie hätten Worte gebraucht, eine Ansprache, denn Liebe zeigt sich auch in Worten, die zu uns gesprochen werden. Wir brauchen Worte, damit wir leben können!

Freilich: So viele Worte und Eindrücke strömen auf uns ein, tagtäglich: gute, aber doch leider oft auch nichtssagende Worte; Versprechungen, die gegeben, aber nicht eingehalten werden; Worte, gerade in den Medien, die „runterziehen“, die auf unterstem und primitivstem Niveau sind. Welch eine Verrohung und Verdummung macht unsere Sprache da oft mit! Es ist eine wahre Inflation der Worte, denen wir ausgesetzt sind. – Und manche Worte, die wir selber gesprochen haben, würden wir am liebsten zurücknehmen, wir möchten sie einfangen und vernichten, aber sie sind ausgesprochen und haben eine negative Wirkung entfaltet.

Ich meine, in dem Vielen, was tagtäglich auf uns einströmt – und dazu gehört ja auch der Stress der Arbeit, in der Familie und da, wo wir uns täglich aufhalten -, brauchen wir einen festen Bezugspunkt, wo wir Ruhe und Sicherheit gewinnen. Wir brauchen, wie jemand einmal sagte, nicht so viele Worte, sondern „das Wort“: das Wort, das unser  Leben voranbringt, das uns Zukunft gibt, uns sicher macht. Das Wort, auf das man sich verlassen kann!

In diesen beiden Bibelversen ist die Rede von dem Wort. Damit ist das Wort Gottes gemeint: „Ich hoffe auf dein Wort“, sagt der Psalmbeter; und Jesus spricht von Menschen, die „das Wort (Gottes) hören und bewahren…“ Das ist ein Wort, nicht so leicht dahingesprochen, ein Wort des Lebens, von Gott zu uns geredet, um uns Leben zu geben.

Die Bibel sagt: Gott spricht zu uns Menschen. Durch sein Wort hat er am Anfang alles geschaffen: Gott spricht, und es geschieht. Freilich: Das ist keine laute Stimme vom Himmel her, sondern häufig gibt Gott uns Menschen Gedanken, Impulse, auf die wir selber nie gekommen wären, und wir merken: Gott will uns etwas sagen.

Aber am deutlichsten und klarsten spricht Gott durch sein Wort der Bibel zu uns: In diesem Buch sind Gottes Worte gesammelt. Zugegeben: Manches, vielleicht sogar viel mag schwer verständlich sein, weil es Worte aus alten Zeiten sind, so weit weg von uns. (Und manche Menschen lesen ja jedes andere Buch eher als die Bibel…) Aber wer sich auf den Weg macht, der wird entdecken, was in der Bibel für ihn alles an Gutem da ist.

Eine Prinzessin bekam von ihrem Verlobten zu ihrem Geburtstag ein großes, schweres Paket. Voller Erwartung öffnete sie die gewichtige Sendung und fand darin eine dunkle, schwere Eisenkugel. Tief enttäuscht und verärgert warf sie die schwarze Kugel in die Ecke. Auf den Boden fallend, sprang die äußere Schale der Kugel auf, und eine Silberkugel kam zum Vorschein. Die Prinzessin nahm die Silberkugel in die Hand, drehte und wendete sie nach allen Seiten. Da öffnete sich die silberne Hülle, und es kam ein goldenes Etui heraus. Sorgsam bewegte die Prinzessin das Etui und fand ein kleines Knöpfchen, drückte es, und das Etui sprang auf. Da lag ein kostbarer Ring mit einem wunderbaren Diamanten. Ein kleiner Brief lag dabei mit den Worten: „Aus Liebe zu dir!“

So geht es vielen Menschen mit der Bibel. Fremd und schwer, dunkel und eigenartig erscheint sie auf den ersten Blick. Wer sie aber in die Hand nimmt, aufschlägt, hin und her wendet, von allen Seiten betrachtet und darin liest, dem öffnet sie sich. Immer neue Schönheiten, immer tiefere Werte werden wir bei unserem Anschauen entdecken. Bis wir schließlich den kostbaren Kern – einem Diamanten gleich – aufleuchten sehen: „Aus Liebe zu dir!“

Jemand hat mal gesagt: Die Bibel ist der Liebesbrief Gottes an seine Menschen. Je mehr wir darin lesen, umso geborgener und getrösteter werden wir sein.

Und diese Liebe Gottes ist durch Jesus in unsere Welt gekommen. Er brachte Gottes Liebe zu den Menschen, gerade auch zu denen, die am Rand der Gesellschaft waren und die von niemand Liebe erfuhren. Ja, Jesus selbst ist  „das Wort“, wie die Bibel sagt: „Am Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott… Das Wort (Christus) wurde Mensch und wohnte unter uns…“ Durch Jesus, das Mensch gewordene Wort Gottes, kam Gottes Liebe zu uns Menschen. Darum kommt alles darauf an, dass wir ihn, Jesus, in unser Leben einlassen.

Und so heißt es in dem neutestamentlichen Vers: „… die das Wort hören…“ Es geht darum, dieses Wort Gottes zu hören für sich. Man kann ja „hören“ und doch nicht hören; wie oft gibt es das im Alltag, dass der Ehepartner oder ein anderes Familienmitglied etwas sagt und wir hören gar nicht richtig zu… Aufmerksam sollen wir Gottes Wort „hören“, wir sollen es „behalten“, wie Jesus sagt.

Vielleicht können Sie es mit Ihrem Konfirmationsspruch, den Sie damals bekommen haben, so machen: dass dieses Wort Gottes ein „Wort des Lebens“ für Sie wird. Dass Sie darüber nachdenken, was von diesem Spruch sich in den 25, 50 oder 60 Jahren seit der Konfirmation bewahrheitet hat, und was dieser Spruch für Ihren weiteren Lebensweg bedeuten kann.

Ich habe es verschiedentlich erfahren, dass mein Konfirmationsspruch neu zu mir gesprochen hat. Auf einer Tagung für Pfarrer und Gemeindeleiter vor mehreren Jahren wurden Vorträge gehalten, und es war dann auch die Möglichkeit, dass man einen persönlichen Segen empfangen konnte. Als der Segen mir zugesprochen wurde, da nannte jemand meinen Konfirmationsspruch: „Ich vermag alles durch den, der mich mächtig macht, Christus.“ Diese Person hatte weder mich noch meinen Konfirmationsspruch vorher gekannt. Es muss ihr von  Gott so gezeigt worden sein; und für mich war es eine große Ermutigung.

Wir sollen „Gottes Wort hören und bewahren“. Diesem Wort wollen wir Priorität einräumen, es „einwirken“ lassen in unser Leben. Wir wollen ein offenes Herz für Gott und für das haben, was er mit uns und mit Ihnen vorhat. Und dann wird Gottes Wort Gutes hervorbringen.

Und darum gilt auch, was der Psalmvers sagt: „Du bist mein Schutz und mein Schild; ich hoffe auf dein Wort.“ Da weiß man: Gott ist da, er gibt Hoffnung. – Nun, wenn man so Ende dreißig ist und bald die „magische 4“ bei der Altersangabe vorne steht, dann ist man ja auch nicht mehr der Jüngste und Fitteste. Als ich 40 wurde, sagte mir mein damaliger Dekan (er zitierte dabei jemand anders): „Wer mit 40 noch gesund ist, mit dem stimmt was nicht…“ Da plagt vielleicht den einen oder anderen das berühmte „Zipperlein“. Oder wir machen uns Sorgen um unseren Arbeitsplatz, ob der uns erhalten wird; oder ob unsere Kinder mal einen guten Ausbildungsplatz oder Studienplatz bekommen werden. Wir haben beruflich vielleicht alles erreicht, kommen nicht mehr weiter nach oben und merken doch, dass wir nicht zufrieden sind… Und später geht dann alles langsamer, je älter man wird. Und bei einigen hat der Tod Lücken in der Familie geschlagen, und auch das gibt uns zu denken…

In all das hinein gilt Gottes Wort: „Du bist mein Schutz und mein Schild; ich hoffe auf dein Wort.“ Gottes Wort will immer wieder aufbauen, ermutigen und Hoffnung schenken.

Liebe Jubelkonfirmanden, ich wünsche Ihnen, dass Sie das auf Ihrem weiteren Lebensweg erfahren, und ich wünsche es uns allen: dass Gottes Wort zu uns spricht, uns Mut macht fürs Leben, und dass sich bewahrheitet, was in diesen beiden Versen steht:

„Du bist mein Schutz und mein Schild; ich hoffe auf dein Wort.“

„Selig sind, die das Wort Gottes hören und bewahren.“ Amen.

Lied nach der Predigt: Evang. Gesangbuch Nr. 295,1-3:

Wohl denen, die da wandeln

Pfarrer Hans Weghorn, Neunkirchen am Sand

Die heutige Kollekte ist für das Diakonische Werk Bayern bestimmt.