Vorletzter Sonntag im Kirchenjahr/Volkstrauertag 14.11.2021

Predigt über 2. Korinther 5,1-10

1 Wir wissen: Wenn dieses irdische Zelt, in dem wir leben, einmal abgerissen wird – wenn wir sterben und diesen Körper verlassen -, werden wir ein ewiges Haus im Himmel haben, einen neuen Körper, der von Gott kommt und nicht von Menschen.

2 Deshalb sehnen wir uns danach, diesen vergänglichen Körper zu verlassen, und freuen uns auf den Tag, an dem wir unseren himmlischen Körper anziehen dürfen wie ein neues Gewand.

3 Denn wir werden nicht nackt sein, sondern einen neuen himmlischen Körper erhalten.

4 In unserem sterblichen Körper seufzen wir, denn wir möchten lieber gleich unseren neuen Körper anlegen und vom vergänglichen in das ewige Leben überwechseln.

5 Gott selbst hat uns darauf vorbereitet und uns als Sicherheit seinen Heiligen Geist gegeben.

6 Deshalb bleiben wir zuversichtlich, obwohl wir wissen, dass wir nicht daheim beim Herrn sind, solange wir noch in diesem Körper leben.

7 Denn wir leben im Glauben und nicht im Schauen.

8 Ja, wir sind voll Zuversicht und würden unseren jetzigen Körper gern verlassen, weil wir dann daheim beim Herrn wären.

9 Unser Ziel ist es deshalb, immer zu tun, was ihm gefällt, ob wir nun in diesem Körper leben oder ihn verlassen.

10 Denn wir alle müssen einmal vor Christus und seinem Richterstuhl erscheinen, wo alles ans Licht kommen wird. Dann wird jeder von uns das bekommen, was er für das Gute oder das Schlechte, das er in seinem Leben getan hat, verdient.

Liebe Gemeinde,

wir denken an diesem Tag, dem Volkstrauertag, an die Schrecken der Weltkriege. Allein im 2. Weltkrieg gab es 60 Millionen Tote; 5 bis 6 Millionen Juden wurden umgebracht.

Und dazu kommt das, was uns täglich „geboten“ wird an schrecklichen Ereignissen, an Kriegen und Terroranschlägen in den Medien; denken wir nur an Syrien, an den Jemen, an Äthiopien und an viele andere Kriegs- und Krisengebiete unserer Erde! Und denken wir an die Opfer der Corona-Pandemie seit nunmehr eindreiviertel Jahren.

Doch auch persönlich werden wir immer wieder mit dem Tod, dem Sterben konfrontiert.

Da ist es gut, wenn man nach vorne blickt; so dass man weiß, “wo es lang geht“  – auch wenn dieses Leben einmal vorüber ist…

Paulus schrieb damals an die christliche Gemeinde in Korinth, und er machte Mut, auch in schwierigen Zeiten auf Jesus zu setzen. Wer sich Jesus anvertraut, der ist heute und morgen gut dran; der weiß, „wo‘ s lang geht“, der hat eine Perspektive.

„Wir wissen“schreibt Paulus im 1. Vers. Wir sind uns darüber im Klaren. Er ist überzeugt: Christen haben einen Informationsvorsprung vor denen, die den lieben Gott einen guten Mann sein lassen. – Die Frage ist: Was weiß Paulus? Was hilft uns, zuversichtlich (als Christen) zu leben und mutig nach vorne zu gehen?

Ein Dreifaches nennt Paulus:

1. Wir wissen, dass wir auf Abruf leben

„Wir wissen: Wenn dieses irdische Zelt, in dem wir leben, einmal abgerissen wird – wenn wir sterben und diesen Körper verlassen…“ (Vers 1)Das klingt nicht nach Villa oder Palast; sondern Paulus ver-gleicht unseren Körper mit einem Zelt. Regen und Wind rütteln daran, und wenn sie zu stark werden, fällt das Zelt vielleicht um. Oder wenn jemand die Heringe zieht/entfernt. Es ist nur ein Frage der Zeit, bis alles zusammenbricht.

So sieht es mit uns aus, sagt Paulus: ein „Zelt“. Wir sind unterwegs. „Vorsicht: kann zusammenfallen!“ steht bei jedem von uns unsichtbar auf die Stirn geschrieben. Über kurz oder lang werden wir nicht mehr sein. Wir leben auf Abruf.

Und es kommt der Tag, an dem das Zelt abgebrochen wird; bei dem einen früher, beim andern später. Was wir sind und tun, was wir treiben und anschaffen – es ist alles nur provisorisch, auf Zeit. Manchmal

gibt‘ s einem einen Stich ins Herz, wenn man daran erinnert wird. Da blättert man durch die täglichen Todesanzeigen und erschrickt: Wieder sind einige verstorben, die jünger sind als ich. Du meine Güte! – Wir alle kennen Zeitgenossen, die eben noch kreuzfidel. „pumperlgsund“ waren – und dann von einem Augenblick auf den andern abgerufen worden sind. Das macht nachdenklich; das kann einen nach unten ziehen.

Wir wissen, dass wir auf Abruf leben. Das erfahren wir nicht erst dann, wenn der Tod zuschlägt. Wir spüren seine Vorboten schon lange vorher: Vorm Spiegel wieder ein Fältchen mehr; Haare und Zähne werden weniger; Krankheiten treten auf. Und je älter wir werden, desto langsamer geht alles.

Paulus sieht und sagt, wie‘ s ist. Wir leiden darunter; wir seufzen; und wir kennen den Todeswunsch von hochbetagten Menschen, die „alt und lebenssatt“ sind, wie die Bibel sagt.

Und auch im Großen, im Globalen ist es so. Es wird ja nicht „alles besser“, eher umgekehrt: die Klimakatastrophe nimmt zu; wir hören von immer mehr Kriegsschauplätzen und bewaffneten Konflikten auf unserer Erde.

Wir wissen, dass wir auf Abruf leben. Paulus sieht das sehr nüchtern. Er macht sich und uns nichts vor. Aber das löst bei ihm keine Panik aus. Denn das ist nicht Gottes letztes Wort. Christen wissen mehr:

2. Wir wissen, wohin wir gehen

Es kommt der Tag, an dem wir „umziehen“: „Wir werden ein ewiges Haus im Himmel haben, einen neuen Körper, der von Gott kommt und nicht von Menschen.“ (Vers 1b) Das ist christliches Basiswissen. Wer zu Jesus gehört, wer an ihn glaubt, der darf wissen, wohin es geht. Es wartet auf ihn ein festes Haus, stabil für die Ewigkeit. Es wartet ein Tag, der ohne Abend ist; ein Licht, das kein Dunkel mehr kennt; eine Freude, die durch kein Leid mehr getrübt wird.

Dann werden wir „vom vergänglichen in das ewige Leben überwech-seln“.Dann gibt es nichts Vergängliches mehr, keinen Verfall, keine Schwäche und keine Bosheit; nur noch Leben, Glück und Geborgen-sein bei Gott. Davon weiß nicht nur die Bibel, davon wissen auch die Lieder der Christenheit; z.B. das Lied heute nach der Predigt: „Ich bin ein Gast auf Erden…“

Oft wird den Christen entgegengehalten: „Ihr nehmt den Mund zu voll. Keiner weiß, was nach dem Tod kommt!“ – „Doch“, halten wir dagegen, „es ist einer gekommen, der hat uns Bescheid gegeben: Jesus Christus. Er stammt direkt aus dem Himmel. Er ‚wohnte‘ unter uns. Am Karfreitag wurde sein ‚Zelt‘ fürchterlich abgebrochen, er starb einen grausamen Tod. Aber am Ostermorgen hat Gott ein Neues geschaffen: kein Provisorium mehr, sondern ein endgültig fertiges Leben für alle Zeit.“ „Ein ewiges Haus im Himmel“,  sagt Paulus, „einen neuen Körper, der von Gott kommt und nicht von Menschen.“

Jesus ist uns vorausgegangen in die ewige Heimat bei Gott.

Ein Ehepaar kam zum Pfarrer, um sich zu verabschieden. Einige Jahre vorher waren sie aus dem Osten gekommen – mit leeren Händen – und jetzt wollten sie nach Kanada auswandern. Ein Sohn hatte vor drei Jahren den Sprung gewagt, und nach viel Mühe und Not konnte er sich eine Existenz aufbauen. Jetzt bat er seine Eltern zu kommen. “Nur weil der Sohn schon drüben ist und uns helfen wird, können wir es riskieren.“

Ja, der Sohn ist uns vorausgegangen: Jesus, der Sohn Gottes, ist nach seiner Auferstehung und Himmelfahrt schon im ewigen Reich Gottes. Dort wartet er auf uns und hat eine ewige Heimat für uns bereit. So wie er es sagte (Johannes 14): „Im Haus meines Vaters ist Platz für jeden… Ihr sollt dort sein, wo ich bin…“ Und dann (Johannes 14,6): „Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben, niemand kommt zum Vater denn durch mich.“

Darauf gilt es zu antworten, persönlich, in diesem Leben hier auf der Erde! Indem wir uns bewusst Jesus Christus anvertrauen, unser Leben in seine Hand legen.

Wer das tut, der weiß, wohin er oder sie geht! – Wissen Sie, wohin Sie gehen?!

Was im Himmel auf uns wartet, ist nicht nur Zukunftsmusik. Ein paar Töne hören wir heute schon. Gelegentlich blitzt ein bisschen Himmel auf. Das meint Paulus, wenn er schreibt: „Gott selbst hat uns darauf vorbereitet und uns als Sicherheit Seinen Heiligen Geist gegeben.“ (Vers 5)

Durch Seinen Heiligen Geist ist Gott unter uns lebendig. Er tröstet uns, wenn wir traurig und entmutigt sind. Er vertreibt missmutige Gedanken, die in uns aufsteigen. Er regt uns zum Beten an.

Deshalb gilt: „Wir sind zuversichtlich…“ (Vers 6)Unser Leben hat ein Ziel. Deshalb hat jeder Tag einen Sinn, auch wenn der Weg manchmal schwer ist. Es geht nach Hause. Noch sind wir unterwegs, in der Fremde – aber wir werden erwartet. Wir glauben, wir schauen noch nicht!

Im Jahr 1900 starb der berühmte deutsche Philosoph Friedrich Nietzsche. Er stammte aus einem evangelischen Pfarrhaus, aber er warf den Glauben seiner Väter über Bord und wollte nichts mit Christus zu tun haben. In einem Gedicht schrieb er einmal:

„Die Krähen ziehen schwirren Flugs zur Stadt, bald wird es schnei‘ n. Weh dem, der keine Heimat hat!“ Er meinte damit: Weh dem, der keine innere Heimat und Geborgenheit hat. Vielleicht hat er es auf sich selbst bezogen, da er ja ohne den Glauben an Gott und Christus lebte. – Ich halte dagegen: „Wohl dem, der eine Heimat hat: bei Jesus Christus!“ Da findet man Geborgenheit in Zeit und Ewigkeit!

3. Wir wissen, dass wir uns zu verantworten haben

„Denn wir alle müssen einmal vor Christus und seinem Richterstuhl erscheinen, wo alles ans Licht kommen wird. Dann wird jeder von uns das bekommen, was er für das Gute oder das Schlechte, das er in seinem Leben getan hat, verdient.“ (Vers 10) Einmal wird über das, was wir getan haben bei Lebzeiten, gesprochen. Dann findet ein letztes Gericht statt; dann kommt alles auf den Tisch; dann wird abgerechnet.

Mancher nimmt‘ s auf die leichte Schulter: Ach, so schlimm wird‘ s nicht kommen! Wer wird denn alles so wörtlich nehmen? Irgendwie kommt doch jeder in den Himmel! – Manche „klugen“ Theologen sagen uns: Das ist ja gerade die christliche Botschaft: Das Gericht fällt aus. Gott ist so lieb und freundlich, dass Er‘ s nicht übers Herz bringt, jemanden verloren gehen zu lassen. Die Hölle bleibt kalt und leer.

Aber gerade deshalb, weil Gott uns liebt, hält er Gericht. Wir sind seine wertvollen Geschöpfe, Gott hat uns mit Gaben aller Art beschenkt. Was ist daraus geworden? Gott nimmt uns ernst, er winkt nicht ab: „Macht, was ihr wollt, was ihr auch treibt, ist mir egal.“ Wer so redet, der liebt nicht. Eltern, die sich so verhalten, sind Rabeneltern, interessieren sich nicht für ihre Kinder, ja, sie verachten sie, indem sie sie tun lassen, was sie wollen.

Doch weil Gott uns liebt, uns für voll nimmt, fragt er am Jüngsten Tag nach unserem Leben: weil wir ihm wertvoll sind. Gaben verpflichten: Gott traut uns etwas zu. Deshalb widerspricht das Gericht nicht der Liebe Gottes, sondern gehört direkt dazu.

In der Botschaft vom letzten Gericht liegt auch ein großer Trost. Die großen Übeltaten und ihre Übeltäter sind nicht vergessen – ob sie Hitler oder Stalin heißen, Milosevic oder Mao Tse Tung. Denken wir auch an alle Wunden, die in der früheren DDR geschlagen wurden. – Gott wird einmal ein gerechtes Gericht halten!

Unser Versagen wird im letzten Gericht nicht totgeschwiegen. Aber wer hier und heute mit Jesus verbunden ist, der wird auch im letzten Gericht nicht ohne Jesus sein! Wo wir uns von ihm heute unsere Schuld vergeben lassen, können wir ohne Sorge und Angst ins Gericht hineingehen. Jesus ist dabei. Das ist Grund genug, dass wir uns schon heute an Jesus binden, ihm vertrauen und glauben. Dass wir tun, was Paulus sagt: „Unser Ziel ist es deshalb, immer zu tun, was Ihm gefällt…“ (Vers 9) Ja, wer zu Jesus Christus gehört, kann zuversichtlich nach vorne schauen.

Liebe Gemeinde! „Wir wissen“, schreibt Paulus. Auch wir können wissen

1.  dass wir auf Abruf leben

2.  wohin wir gehen

3.  dass wir uns uns zu verantworten haben im letzten Gericht Gottes und durch Jesus bestehen werden.

Das macht uns Mut und lässt uns voller Vertrauen in die Zukunft gehen. Amen.

Lied nach der Predigt: EG 529,1.7.11: Ich bin ein Gast auf Erden

Pfarrer Hans Weghorn, Neunkirchen am Sand